Süddeutsche Zeitung

Technologiekonzern:Fachkräftemangel? Ist da was?

Lesezeit: 4 min

Diehl hat keine Probleme, Personal für seine boomende Rüstungssparte zu finden. Viele neue Mitarbeiter kommen aus einer Branche, die gerade schwächelt. Und das Familienunternehmen will weiter kräftig wachsen.

Von Uwe Ritzer, Nürnberg

Den Eindruck eines selbstzufriedenen Kriegsgewinnlers will Helmut Rauch nicht aufkommen lassen. Die Geschäfte hätten bereits vor dem Überfall Russlands auf die Ukraine spürbar angezogen, sagt der Chef der Rüstungssparte des Technologiekonzerns Diehl. Aber ja, natürlich hätten sich Zeiten seit dem Ukrainekrieg grundlegend geändert. Davon profitiert die Militärindustrie und damit auch Diehl. „Wir haben in den vergangenen zwei Jahren einen absoluten Imagewandel erfahren“, sagt Rauch und bezieht das auf die gesamte „Verteidigungsindustrie“, wie er stets formuliert. Nicht einmal der viel beklagte Fachkräftemangel sei ein Problem für Diehl. Die Firma braucht viele neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – und findet sie auch.

Im vergangenen Jahr legte der von Rauch geführte Teilkonzern Diehl Defence um 582 auf fast 3800 Beschäftigte zu; viele davon kamen aus der schwächelnden Autoindustrie. 2024 kommen weitere 500 bis 600 Stellen hinzu. Der Umsatz stieg voriges Jahr um gut 40 Prozent von 810 Millionen auf 1,14 Milliarden Euro. Damit überholte Diehl Defence konzernintern die Luftfahrt und ist jetzt die umsatzstärkste Sparte. In wenigen Jahren werde man die Zwei-Milliarden-Hürde nehmen, prophezeit Rauch. Das finanzielle Volumen der Aufträge hauptsächlich aus europäischen, aber auch anderen Ländern gehe aktuell „in die Milliarden“. Dass ein neuer Präsident in den USA oder der Rechtsruck in Frankreich die Geschäfte der zahlreichen Gemeinschaftsprojekte von Diehl mit diesen Ländern, respektive Rüstungsfirmen dort, stören könnten, erwartet er nicht. Erfahrungsgemäß seien solche Kooperationen sehr stabil.

Die Produktionskapazitäten sollen erneut verdoppelt werden

Diehl stuft sich selbst als „führendes Systemhaus in der Luftverteidigung in Deutschland, aber auch in Europa“ (Rauch) ein. Das Unternehmen stellt vor allem Lenkflugkörper und Munition her. Verkaufsschlager ist das System Iris-T, mit dem sich Flugzeuge, Raketen, Hubschrauber und Drohnen abschießen lassen. Es gibt Iris-T in zwei Ausführungen, mit 40 oder mit 12 Kilometern Reichweite. Die Trefferquote liegt bei annähernd 100 Prozent. Deutschland ließ der Ukraine vier solcher Systeme liefern. Für die deutsche Luftwaffe hat das Verteidigungsministerium sechs Iris-T geordert; Bestellungen kommen darüber hinaus aus ganz Europa und neuerdings auch aus Südkorea.

Vor allem deswegen wird Diehl Defence seine Produktionskapazitäten nach 2023 im laufenden Jahr ein weiteres Mal verdoppeln. Das Unternehmen profitiert überdies von der von Deutschland angeregten Initiative eines European Sky Shield (ESSI). Es arbeitet an Hyperschall-Abwehrsystemen sowie solchen zur Drohnenabwehr. Die Marine erhält im Zuge der Bundeswehr-Nachrüstung U-Boot-Raketen zur Abwehr von Luftangriffen. Gerade hat das Verteidigungsministerium Artilleriemunition für eine Milliarde bestellt; langfristig soll der von Diehl gemeinsam mit einem norwegischen Unternehmen abgearbeitete Auftrag ein Volumen von 15 Milliarden Euro umfassen.

Diehl hat sich schnell auf die vom Kanzler ausgerufene Zeitenwende eingestellt und Manager des Unternehmens sagen, das Tempo habe damit zu tun, dass der Konzern einer Familie gehöre, die schnell entscheide. Genauer gesagt, gehört die Firma einer Familienstiftung. Die Diehls haben bei Bedarf das letzte Wort; im fünfköpfigen Aufsichtsrat stehen ihr per Satzung drei Sitze zu. Kürzlich hat Markus Diehl, 41, den Vorsitz des Gremiums übernommen. Damit ist die Familie zurück in den Schlüsselpositionen, auch wenn die operative Führung seit dem Tod von Markus Diehls Vater Thomas Diehl 2017 in den Händen externer Manager liegt. Acht Mitglieder umfasst der Vorstand, was ziemlich üppig ist für ein Unternehmen mit knapp vier Milliarden Euro Umsatz. Gerade verließ Vorstandschef Klaus Richter, 60, die Firma – einvernehmlich und weil seine Mission erfüllt sei, versichern sie in der Nürnberger Diehl-Zentrale. Der erfahrene Luftfahrtmanager wurde 2021 angeheuert, um das Unternehmen durch die Corona-Krise zu steuern, die Diehl hart getroffen hatte. Vor allem den Teilkonzern Aviation.

Die Luftfahrt hat die schwierigen Jahre hinter sich

Jahrelang war die Luftfahrt die größte aller fünf Unternehmenssparten, vor Defence, Metall, Metering und Controls. Insgesamt beschäftigt der Familienkonzern 17 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die 2023 einen Umsatz von 3,88 Milliarden Euro erwirtschafteten. Das waren 10,8 Prozent mehr als im Jahr zuvor. 2024 erwartet Finanzchef Jürgen Reimer einen weiteren Sprung auf mehr als viereinhalb Milliarden. Dass der Vorstandsvorsitz aktuell vakant ist, lähme weder die Geschäfte, noch verlangsame es Entscheidungen, sagt er. Weil die Teilkonzerne, deren Chefs auch dem Gesamtvorstand angehören, von Haus aus ihre Märkte eigenständig bearbeiten würden und überdies die Wege zur Familie Diehl sehr kurz seien. Zum Aufsichtsratschef Markus Diehl, aber auch zu den anderen Gesellschaftern, seinen beiden Geschwistern, einem Cousin und zwei Cousinen. Mit der vierten Generation kam auch ein neuer, diskussionsfreudiger und lockerer Ton ins Unternehmen, das lange als ebenso stockkonservativ wie hierarchisch galt.

Es wird in Nürnberg spekuliert, dass die Familie den Konzern langsam aber sicher umbauen könnte, ihn internationaler machen und neue technologische Felder erschließen könnte. Unabhängig vom enormen Wachstum der Rüstungssparte, ist die Diehl-Gruppe ihrem Wesen nach ein technologischer Mischkonzern. Das Geschäft mit Lenkwaffen und Munition ist zu abhängig von politischen Entscheidungen, als dass man sich darauf konzentrieren will. Es funktioniert anders als der Teilkonzern Metall, der Produkte und Komponenten für die Bauwirtschaft oder die Automobilindustrie liefert. Oder die Metering-Sparte, die unter anderem software- und KI-gestützte Wasserzähler oder Wärmemesser entwickelt und am Thema Smart City arbeitet. Und nicht zu vergessen der Sektor Aviation.

Die Luftfahrt hat den pandemiebedingten Einbruch ihrer Geschäfte hinter sich. Die Passagierzahlen sind auf Vorkrisenniveau und die Airlines kaufen wieder neue Jets und rüsten ihre bestehenden Flotten nach. Die Flugzeugbauer bestellen bei Diehl vor allem Kabineneinrichtung, vom Gepäckfächern bis hin zu Bordtoiletten. Hauptsache leicht, um den Treibstoffbedarf zu verringern. Vergangenes Jahr stieg der Umsatz damit von 889 auf gut eine Milliarde Euro. Auf zivile Geschäfte wird Diehl nicht verzichten. Denn es könnte ja sein, dass die Welt auch wieder friedlicher wird.

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