Ukraine:Der Cyberwar-Minister

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Ukraine: Der ukrainische Digitalminister Mychajlo Fedorow: "Wir waren in der Lage, jeden Tag zu arbeiten - auch unter Raketenbeschuss und trotz Stromausfällen."

Der ukrainische Digitalminister Mychajlo Fedorow: "Wir waren in der Lage, jeden Tag zu arbeiten - auch unter Raketenbeschuss und trotz Stromausfällen."

(Foto: Armando Franca/AP)

In Las Vegas tritt Mychajlo Fedorow auf, der 31 Jahre alte Digitalminister der Ukraine. Er wollte sein Land als Tech-Standort positionieren, nun steht er im Zentrum des, wie er sagt, "ersten Cyber-Weltkriegs der Geschichte".

Von Jürgen Schmieder, Las Vegas

Mychajlo Fedorov zieht die Mundwinkel leicht nach oben, er kneift die Augen zusammen und lehnt sich zurück. Der Digitalminister der Ukraine weiß genau, dass das, was er nun sagen wird, trotzig klingen mag, aber vielleicht genau deshalb klingt es auch stolz: "Wichtig sind für uns derzeit vor allem zwei Dinge: Infrastruktur und Kommunikation. Wir haben all unsere Daten in der Cloud gesichert, und wir nutzen Tausende Satelliten-Terminals verschiedener Firmen. Russland kann weder diese Cloud zerstören, noch kann es diese Terminals angreifen." Am vergangenen Samstag verkündete er auf Telegram, dass nach dem Blackout in vielen Regionen wegen eines Angriffs der Russen drei Tage davor bereits 73 Prozent des Mobilfunknetzes wieder intakt seien. Auch das klang trotzig und stolz.

Fedorow, 31, ist zur Tech-Konferenz "re:invent" nach Las Vegas gekommen, um die Partnerschaft mit Cloud-Anbieter AWS zu vertiefen. Dieser steckt 75 Millionen Dollar in Dienstleistungen und humanitäre Hilfe in der Ukraine. Die Partnerschaft wurde bis Ende 2023 verlängert. Es gibt sie seit Mitte 2021; zu Beginn des russischen Angriffskrieges erwies sie sich als überlebenswichtig: Nach Beginn der Invasion schaffte die Ukraine in 48 Stunden Hunderte Terabyte an Daten, davor auf Tausenden Servern in der Ukraine gespeichert, mit dem AWS-Datentransportsystem "Snowball" aus dem Land und von dort aus in die Daten-Cloud. "Steuerunterlagen, Bankinformationen, Daten zu Bildung - alles notwendig, um die Infrastruktur aufrechtzuerhalten", sagt Fedorow. Vereinfacht könnte man sagen: Es ist das komplette Wissen der ukrainischen Regierung und Behörden.

Andere Konzerne wie IBM, Google und Microsoft halfen ebenfalls, mittlerweile befinden sich Dutzende Petabyte (ein Petabyte sind mehr als eine Million Gigabyte) in der Cloud. Wo sich die Server dafür befinden, will Fedorow verständlicherweise nicht verraten. "Das ist der technisch höchstentwickelte Krieg in der Geschichte der Menschheit. Technik kann töten; wir erleben aber auch, wie sie helfen kann. Wir waren in der Lage, jeden Tag zu arbeiten - auch unter Raketenbeschuss und trotz Stromausfällen", sagt Fedorow. "Dieser Krieg zeigt, dass eine digitale Infrastruktur die widerstandsfähigste ist; man kann sie nicht einfach mit Bomben zerstören."

Er trägt Turnschuhe, Jeans und T-Shirt

Fedorow sieht nicht aus, wie man sich einen Minister vorstellt, dessen Land sich im Krieg befindet. Mit Turnschuhen, Jeans, schwarzem Shirt und Windjacke wirkt er eher wie ein Entwickler, der eine App erfunden hat, die er nun auf der Technik-Konferenz präsentieren will - und in gewisser Weise stimmt das ja auch. "Diia ist derzeit das wichtigste Tool für uns, weil die Daten in der Cloud auch bei einem Stromausfall zugänglich sind. Am Montag sind darüber mehr als 80 000 Bankkonten eröffnet worden. Nächste Woche werden wir einen digitalen Service einführen, damit sich Leute wieder um Kredite bemühen können", sagt er, wieder: stolz und trotzig.

"Diia" ist die staatliche App der Ukraine und Symbol für die Digitalisierung des Landes. Eingeführt wurde sie am 6. Februar 2020; mehr als 50 Services wie Ausweis, Fahrzeugpapiere, Besitzurkunden sind darauf gespeichert. Das galt als futuristisch, weil das langfristige Ziel des Ministeriums für digitale Transformation die Abschaffung von physischen Ämtern und Behördengängen sein sollte. Alles soll per App möglich sein. Es gab anfangs Probleme: Bei einem Datenleck im Mai 2020 waren 26 Millionen Führerscheine auf einer öffentlichen Webseite einsehbar - kein besonders guter Start.

Fedorow sagt in Las Vegas trotz dieser ersten Probleme, aber mit der Erfahrung aus den ersten Kriegsmonaten, die diese Digitalisierung erzwang und beschleunigte: "Digitalisierung ist der beste Weg zum Abbau von Bürokratie. Wir wollen den effizientesten digitalen Staat erschaffen."

Das Land will sich als Tech-Standort positionieren - nicht erst seit dem Angriffskrieg Russlands. 2021 bezifferte der Beraterkonzern Deloitte die Zahl ukrainischer Entwickler in der Ukraine auf 290 000 und die der IT-Firmen auf 5000. Fedorow war der engagierte Botschafter, der auf zahlreichen Tech-Konferenzen auftrat und für sein Land warb - nicht nur, und das war ihm damals schon sehr wichtig, mit niedrigeren Löhnen für begabte Programmierer, sondern mit Talent und Kreativität. Erfolgreiche Firmen zum Beispiel: Luftqualität-Sensoren von Radmirtech, mobile Body-Scanner von 3DLook, Security-Systeme von Ajax oder die cloudbasierte Fehlersuch-Software von Grammarly. In seinem "Global Skills Report" führt Bildungsvermittler Coursera die Ukraine im Bereich Technik unter den führenden Nationen, vor Deutschland übrigens - dazu gleich mehr.

Die Regierung suchte nach Freiwilligen für den digitalen Krieg

Dann kam der Krieg und damit die Furcht, dass ukrainische Firmen Opfer von Cyberangriffen werden könnten - und Russland über dieses Einfallstor auch Konzerne in anderen Ländern attackieren könnte. Fedorow nannte das "World Cyberwar I", am 26. Februar schrieb er bei Twitter: "Wir bauen eine Cyberarmee auf. Wir brauchen digital fitte Talente, es gibt Aufgaben für jeden. Wir werden an der digitalen Front kämpfen." Es dürfte das erste Mal in der Geschichte gewesen sein, dass eine Regierung während eines Krieges öffentlich nach Freiwilligen suchte, um den Gegner nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern im digitalen Raum zu bekämpfen.

In Las Vegas verkündet Fedorow auf SZ-Nachfrage, dass Russland seit Kriegsbeginn mehrere Tausend Cyberangriffe ausgeführt habe: "Wir erleben mehrere täglich, meistens sind es Attacken auf die digitale Infrastruktur. Wir sind aber in der Lage, uns effizient zu verteidigen; und wir sind in der Lage, neue Services für die Bürger einzuführen wie dieses digitale Kreditsystem." Die Ukraine verfüge mittlerweile über eine schlagkräftige Cyberarmee aus 300 000 Spezialisten, nicht nur aus der Ukraine: "Diese Soldaten sind absolut freiwillig dabei." Der Aufruf von Fedorow war also erfolgreich.

Fedorow wurde durch diesen Cyberwar-Eintrag im Februar bekannt, und das nutzte er aus, weil er wusste, dass ihm nun auch Leute zuhörten, die seinem Land abseits von Politik und Diplomatie helfen konnten: Er bat zum Beispiel Space-X-Chef Elon Musk, die Ukraine mit dem Satelliten-Netzwerk Starlink zu unterstützen.

In den ersten Wochen des Krieges rief Fedorow Konzerne wie Apple, Microsoft oder Facebook zum Boykott in Russland auf; er verschickte mehr als 4000 persönliche Bitten an Firmen, sein Land zu unterstützen, darunter auch chinesische Megakonzerne wie Alipay oder DJI. Fedorow wurde vom Minister, der etwas aufbauen sollte in seinem Land, zum General auf dem digitalen Schlachtfeld.

Die Ukraine kann bei der Digitalisierung ein Vorbild für Deutschland sein

Konkret bedeutet das in diesem Cyberkrieg laut Fedorow: Über die Gesichtserkennungs-Software des US-Start-ups Clearview AI habe das Digitalministerium Hunderte russische Plünderer und andere Kriegsverbrecher identifiziert - aber auch getötete russische Soldaten, deren Angehörige danach informiert (und zur Verweigerung der Teilnahme an diesem Krieg aufgerufen) wurden. Der Chatbot eVorog (das ukrainische Wort Vorog bedeutet "Feind") im Messenger-Dienst Telegram ermögliche es, feindliche Truppenbewegungen in Echtzeit weiterzuleiten. Es seien mehr als 350 000 Leute beteiligt, die Informationen einstellen.

Aus Fedorows Umfeld ist zu hören, dass in Las Vegas nicht nur ein neues Memorandum zur Partnerschaft zwischen der Ukraine und AWS unterschrieben wurde, sondern dass es auch ein Treffen mit AWS-Chef Adam Selipsky zu langfristigen Plänen gab. Denn, und darüber debattieren die Teilnehmer dieser Konferenz: Vieles mag aus der Not des Krieges heraus entstanden sein, was die Ukraine da im Bereich Digitalisierung getan hat - könnte manches aber nicht Inspiration für andere Nationen sein, die Digitalisierung endlich voranzutreiben? Also auch in Deutschland, das in diesem Bereich nicht besonders gut dasteht? "Es geht um Effizienz, Schnelligkeit, Zweckmäßigkeit", sagt Fedorow in Las Vegas: "Ich glaube, dass AWS überrascht war, was wir alles haben wollten, in welchen Bereichen: von Lieferketten für Supermärkte hin zu digitaler Abwicklung von Gerichtsverhandlungen. Letztlich wollen wir alles digitalisieren, was digitalisierbar ist."

Für Digitalisierung braucht es Partner, und auch das ist nun in Las Vegas zu sehen: Tech-Konzerne haben der Ukraine in Not geholfen, versprechen sich aber eine langfristige Zusammenarbeit mit einem dankbaren Partner. Fedorow sagt auch: "Ihr steht uns in unserer dunkelsten Stunde bei. Dafür sind wir dankbar, und wir werden das Beste tun, dass wir jeden Cent wert sind, den ihr ausgegeben habt." Sein Land habe große Pläne für die Zeit nach dem Krieg. Das ganz große Ziel sei es, die Bürger fit zu machen für die digitale Welt.

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