Ukraine:Europäische Preise, aber ukrainische Gehälter

Ukrainians Prepare Go To the Polls In The Latest General Election

Zumindest bei Lebensmitteln können die Ukrainer die Inflation teilweise umgehen - indem sie heimische Waren kaufen. Bei Benzin und Gas geht das nicht.

(Foto: David Ramos/Getty Images)
  • Die Ukraine steckt in einer Wirtschaftskrise. Seit Kriegsbeginn hat die ukrainische Währung stark an Wert verloren. Viele Produkte werden so teurer.
  • Der Regierung fehlt Geld. Deshalb hat ihr unter anderem der IWF einen Kredit über 25 Milliarden Dollar gewährt.
  • Im Gegenzug muss Kiew Reformen durchführen. Eine davon: Subventionen für Energie abschaffen, zum Beispiel Beihilfen für Heizkosten. Für solche Subventionen gibt die Ukraine etwa acht Prozent ihrer Wirtschaftsleistung aus.

Von Florian Hassel, Kiew

Wenn der Gemüsehändler Wladimir Korujew mal länger schlafen will, stellt er seinen Wecker statt auf vier Uhr auf 4 Uhr 30. Dann allerdings muss er sich sputen, um sein Blitzfrühstück hinter sich zu bringen, bei den Bauern der Umgebung einzukaufen, dann die 30 Kilometer nach Kiew zu fahren und noch rechtzeitig um sieben Uhr seinen Stand auf dem Lukianowskij-Markt zu öffnen. Korujew, 38, mit leuchtend grünen Augen und schwarzem T-Shirt, verkauft Gurken und Möhren, Tomaten und Kartoffeln. Das Kilo Tomaten kostet bei ihm 27 Hrywnja (1,13 Euro), das Kilo Kartoffeln bis zu 17 Hrywnja und damit "genauso viel wie im letzten Jahr", betont Korujew. "Das geht, weil alles, was ich verkaufe, aus der Ukraine kommt." Dass dies in der Ukraine heute mehr die Ausnahme als die Regel ist, sieht Korujew schon, wenn er zu Händlerkollegen hinüberschaut, die importierte Waren verkaufen. Nicht nur der Besitzer des Kiosks, der Kaffee und Nudeln, Käse und Schinken aus Italien anbietet, hat seine Preise verdoppeln müssen. An den Obstständen kostet das Kilo Apfelsinen statt rund 15 Hrywnja wie vor einem Jahr nun mindestens das Doppelte. Der Preis von Bananen ist gar von zwölf Hrywnja für ein Kilo auf 40 Hrywnja gestiegen. Die Folge: Die Korujews, deren Familie neben Wladimir aus seiner Frau Natalja und den kleinen Töchtern Katherina wie Anastasija besteht, haben "Bananen vom Speisezettel gestrichen".

Es wird alles nur schlimmer

Bananen sind nicht das Einzige, worauf die Familie wie Millionen andere Ukrainer nun verzichten müssen. Seit der Revolution auf dem Maidan und dem Beginn des Konflikts mit Russland Anfang 2014 ist die Wirtschaft der Ukraine angeschlagen, hat die ukrainische Währung gegenüber Euro oder Dollar rasant an Wert verloren. Ein Euro kostet die Ukrainer nicht mehr rund zehn Hrywnja wie vor Krise und Krieg, sondern 23 Hrywnja. In manchen Krisenwochen stieg der Kurs gar bis auf 30 Hrywnja. Importierte Lebensmittel und Haushaltswaren, Kleidung und Elektronik, fast alles kostet deutlich mehr. Dem staatlichen Statistikdienst zufolge waren die Preise im April um 61 Prozent höher als ein Jahr zuvor.

Während die Ukrainer der Inflation bei Lebensmitteln durch den Umstieg auf heimische Waren wenigstens teilweise ausweichen können, haben sie in vielen Bereichen des täglichen Lebens keine Wahl. Der Liter Benzin ist mit 20 Hrywnja doppelt so teuer wie vor gut einem Jahr, und damit stiegen auch die Ausgaben für Wladimir Korujew und alle anderen Ukrainer, die auf ihr Auto angewiesen sind. Auch die Preise für Busfahrscheine haben sich verdoppelt.

Die prorussischen Separatisten und das sie unterstützende russische Militär kontrollieren zwar nur vier Prozent des ukrainischen Territoriums, aber mit Dutzenden Kohlegruben, Stahlwerken und Fabriken beherrschen sie rund "ein Fünftel der Wirtschaft", überschlug der ukrainische Regierungschef Arsenij Jazenjuk kürzlich. Es fehlen nicht nur die Steuern aus der Ostukraine. Weit mehr als eine Million Flüchtlinge aus der Ostukraine bürden der Ukraine ebenso zusätzliche Kosten auf wie die gestiegenen und weiter steigenden Militärausgaben. So spart der Staat an anderer Stelle. Früher war der Kindergarten für Korujews fünf Jahre alte Tochter Anastasija kostenfrei. Jetzt muss die Familie dafür monatlich 500 Hrywnja bezahlen.

Preiserhöhungen für die Heizrechnungen

Anfang 2015 klaffte in Kiews Finanzen allein bis 2018 ein Loch von 40 Milliarden Dollar - fast ein Drittel einer jährlichen Wirtschaftsleistung. Im Februar sagten der Internationale Währungsfonds (IWF) und mehrere Regierungen Kiew für die nächsten vier Jahre Kredite von knapp 25 Milliarden Dollar zu. Die Ukraine musste sich als Gegenleistung verpflichten, endlich Reformen anzugehen, die das Land seit Ende des Kommunismus immer wieder verschleppt hat - allen voran eine Reform des enorme Verluste schreibenden Energiesektors. Ukrainische Firmen und Haushalte zahlten bisher nur einen Bruchteil der tatsächlichen Kosten, die die Ukraine für Erdgas aus Russland bezahlen muss. Der IWF kalkulierte im März, dass die Ukraine die Energie mit Ausgaben in Höhe von acht Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung subventioniert. Der Löwenanteil dieses Geldes wurde bisher ausgegeben, um die Rechnungen für Heizen und Kochen der ukrainischen Bürger niedrig zu halten.

Ukraine: undefined

Das ist vorbei. Vor ein paar Wochen hat Wladimir Korujew einen Brief vom Gaswerk bekommen: Ein Kubikmeter Gas wird die Familie statt wie bisher 1,80 Hrywnja nun 7,20 Hrywnja kosten. Aber selbst nach dieser saftigen Preiserhöhung zahlen die Ukrainer immer noch weniger als Rumänen oder Litauer. Der IWF hat für April 2016 und April 2017 zwei weitere Preiserhöhungen für die Heizrechnungen verordnet, erst dann könne die Ukraine wenigstens die Kosten für das Gas decken.

Theoretisch soll ein Viertel aller Haushalte künftig eine Beihilfe für die Heizrechnung bekommen. Details aber stehen aus, die Skepsis vieler Ukrainer angesichts der notorisch korrupten und ineffizienten Verwaltung ist groß. "Ich weiß bisher nur eins", sagt Gemüsehändler Korujew. "Wir haben jetzt neue, europäische Preise - aber nur alte, ukrainische Gehälter." Vier Tage in der Woche arbeitet Korujew auf dem Markt, drei Tage als Sportlehrer an einer Schule. "Schließlich brauche ich eine Rentenversicherung und Krankenversicherung für meine Familie. Die bekomme ich als Markthändler nicht." Der monatliche Lohn für drei Tage Sportunterricht pro Woche bringt ihm 1250 Hrywnja, umgerechnet 52 Euro.

Die Krise in der Ukraine steht erst an ihrem Anfang

Der pensionierte Offizier Leonid Zebulskij ist mit seiner Frau Jelena auf den Markt gekommen. Jelena Zebulskij hat ihren Job verloren. Ein neuer ist nicht leicht zu finden, angesichts einer Arbeitslosenrate von zehn Prozent mit steigender Tendenz. So lebt das Paar von Leonids Rente. Das sind 2400 Hrywnja im Monat. "Die waren mal über 250 Euro wert - jetzt sind es nur noch gut 100 Euro", sagt Zebulskij. Schon bisher haben sich die Zebulskijs ihren geliebten Kaffee nur in 100-Gramm-Portionen gekauft. "Jetzt, da er für uns doppelt so teuer geworden ist, müssen wir ihn vielleicht ganz streichen."

Klar ist jetzt schon: Die Krise in der Ukraine steht erst an ihrem Anfang. Schon 2014 brach die nationale Wirtschaft dem IWF zufolge um sieben Prozent ein. In besseren Jahren verdiente die Ukraine vor allem mit dem Export von Stahl, Eisenerz und anderen Metallprodukten sein Geld. Doch seit Beginn des Krieges ist deren Produktion um knapp ein Viertel gefallen. In diesem Jahr beschleunigte sich der wirtschaftliche Absturz: Von Januar bis April 2015 sank die Wirtschaftsleistung der Ukraine um 17,6 Prozent. Für das ganze Jahr erwartet der IWF ein Minus von neun Prozent. Andere Ökonomen sind noch pessimistischer.

Viele Ukrainer sind jetzt schon am Ende ihrer Ersparnisse angelangt. Schon Ende 2014 wurde dem IWF zufolge ein Fünftel aller von ukrainischen Haushalten aufgenommenen Kredite nicht mehr fristgerecht bedient. Diese Tendenz hat sich in diesem Jahr noch verstärkt und dürfte die Banken erheblich unter Druck setzen.

Wenn im Oktober wieder die Heizsaison beginnt, werden die Ukrainer erst richtig spüren, wie viel sie die vervielfachten Gaspreise tatsächlich kosten. Wladimir Korujew hat das Familienbudget schon jetzt rigoros zusammengestrichen. Der Urlaub für Frau und Töchter - im letzten Sommer waren es noch zehn Tage am Schwarzen Meer für umgerechnet 250 Euro - fällt dieses Mal aus. "In diesem Jahr gibt es bei uns nur Schwimmen und Angeln im Fluss hinter dem Dorf", sagt Korujew und stapelt neue Tomaten auf.

© SZ vom 10.06.2015
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB