Süddeutsche Zeitung

Überwachte E-Mails:Spionageverdacht beim ADAC

Spitzeleien gegen Kollegen, den Betriebsrat und sogar den eigenen Pressesprecher. Eine ehemalige Mitarbeiterin des ADAC Niedersachsen/Sachsen-Anhalt erhebt schwere Vorwürfe gegen die Geschäftsführung. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Von Uwe Ritzer, Hannover

Sie treffen sich einmal im Monat zum Stammtisch, und was sie eint, ist ihre frühere Tätigkeit für den ADAC-Gau Niedersachsen/Sachsen-Anhalt. In dem spanischen Lokal etwas außerhalb der Innenstadt von Hannover werden jedoch selten die guten alten Zeiten bei dem mit 18 Millionen Mitgliedern größten europäischen Automobilklub beschworen.

Nahezu jeder am Ehemaligen-Stammtisch ist im Unfrieden geschieden. Fast 100 arbeitsrechtliche Auseinandersetzungen um den ADAC-Niedersachsen/Sachsen-Anhalt beschäftigten binnen weniger Jahre die Gerichte vor Ort. Jetzt haben Spitzelvorwürfe auch die Staatsanwaltschaft auf den Plan gerufen.

Anlass sind Anschuldigungen der bisherigen IT-Leiterin im fünftgrößten der 18 deutschen ADAC-Gaue. Marion Wille, 40, gibt an, sie habe im Auftrag des dortigen ADAC-Geschäftsführers Hans-Henry Wieczorek und anderer Führungskräfte den E-Mail-Verkehr von Mitarbeitern und speziell von Betriebsräten beim ADAC Niedersachsen/Sachsen-Anhalt ausspioniert. Ziel sei es gewesen, belastendes Material vor allem gegen die Arbeitnehmervertreter und Informationen über deren Arbeit zu finden und zu sammeln.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt

Nachdem sich Wille im Februar dem Betriebsrat offenbart hatte, stellte dieser Strafanzeige. Die Staatsanwaltschaft Hannover sieht nach den Worten ihres Sprechers "einen begründeten Anfangsverdacht" und hat ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, das sich gegen den Geschäftsführer richte. Es geht um den möglichen Bruch des Betriebsverfassungsgesetzes.

Ein Sprecher des ADAC-Gaus weist die Spitzelvorwürfe auf Anfrage zurück: "Eine Anweisung zur Ausforschung hat es seitens der Geschäftsführung zu keinem Zeitpunkt und in keiner Form gegeben. Das Ganze ist ein niederträchtiges Geflecht aus Halbwahrheiten und glatten Lügen." Einen detaillierten Fragenkatalog der Süddeutschen Zeitung ließen der ADAC Niedersachsen/Sachsen-Anhalt und sein Geschäftsführer jedoch bis Mittwochnachmittag unbeantwortet. Stattdessen warnte deren Anwalt, eine Berichterstattung über die Vorgänge wäre rechtswidrig.

Den Betriebsrat bespitzelt

Die Spitzelvorwürfe sind auch Gegenstand arbeitsgerichtlicher Verfahren. Wille gibt an, nach einem ADAC-kritischen Artikel in einer Boulevardzeitung im April 2009 habe der Geschäftsführer sie beauftragt, den E-Mail-Verkehr von Mitarbeitern nach bestimmten Schlüsselwörtern zu durchforsten, um etwaige Informanten der Zeitung zu enttarnen. Aus vertraulichen Unterlagen geht ferner hervor, dass die IT-Chefin im September 2009 dafür sorgen sollte, dass E-Mails des damaligen Pressesprechers des ADAC-Gaus künftig automatisch und heimlich auch an die Geschäftsführung gingen.

Später sei sie unter anderem vom Geschäftsführer angewiesen worden, die E-Mail-Korrespondenz des Betriebsrates zu bespitzeln, behauptet die ehemalige IT-Chefin. "Man wollte sehen, mit wem der Betriebsrat kommuniziert und was er vorhat", sagt Wille. Sie bedauert ihr Verhalten und sagt, sie fühle sich von der Geschäftsführung "als Spitzel instrumentalisiert". Warum hat sie all das dann damals mit sich machen lassen? "Es wurde suggeriert, dass derjenige, der gegen den Betriebsrat vorgeht, eine gute Tat am ADAC begeht", so Stephan Korb, Anwalt von Wille sowie des Betriebsrates.

Die Spitzel-Ermittlungen sind der bisherige Höhepunkt in jahrelangen Auseinan-dersetzungen beim ADAC Niedersachsen/Sachsen-Anhalt. Von der Geschäftsführung gebe es "ständige Attacken, die wir als massive Behinderungen der Betriebsratsarbeit werten", sagt Anwalt Korb. "Mit der Bespitzelung war der Kanal endgültig voll und eine Strafanzeige überfällig." Seit dem Amtsantritt von Geschäftsführer Wieczorek, eines früheren Managers beim Mitteldeutschen Rundfunk, gab es in fünf Jahren 92 arbeitsgerichtliche Auseinandersetzungen - bei etwa 140 Beschäftigten. Viele Mitarbeiter haben den Regionalclub verlassen, etliche davon unfreiwillig. Auch der seit Oktober 2011 erkrankten IT-Leiterin wurde nach ihren Spitzelvorwürfen gekündigt.

Die ADAC-Zentrale hält sich raus

Inzwischen kommt auch aus den Reihen der ehrenamtlich Aktiven beim ADAC Kritik. "Der Geschäftsführer macht, was er will, und der Vorstand macht alles mit, weil der Geschäftsführer ihn fest im Griff hat", behauptet Burkhard Scheunert, bis Dezember 2011 sechs Jahre lang Vorstandsmitglied des Gaus Niedersachsen/Sachsen-Anhalt. Am Samstag wollen Scheunert und andere bei der Mitgliederversammlung des Gaus in Celle für Vorstandsposten kandidieren. Ihre Hoffnung: Wird der amtierende Vorstand gestürzt, sind auch Wieczoreks Tage gezählt. Ex-IT-Leiterin Wille erhebt derweil weitere Anschuldigungen. Zweimal habe sie der Geschäftsführer im Juni 2010 und im April 2011 in sein Wohnhaus bestellt, um sie privat für sich an seinem PC arbeiten zu lassen.

Manches, was in Niedersachsen/Sachsen-Anhalt an Vorwürfen kursiert, kommt ADAC-Insidern vertraut vor. 2011 wurde bekannt, dass in der Nürnberger Zentrale des Gaus Nordbayern Abhöranlagen gefunden wurden, mit denen Büros und Sitzungsräume bespitzelt werden konnten. Wer diese angebracht hatte, blieb unklar. Damals wie jetzt hält sich die ADAC-Bundeszentrale in München raus. Auf Anfrage verweist ein Sprecher auf die regionale Souveränität der ADAC-Gaue. Man verfolge zwar die aktuellen Vorgänge in Hannover; Streitigkeiten seien immer unangenehm und bedauerlich. Inhaltlich wolle man die Vorgänge aber nicht kommentieren.

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SZ vom 21.03.2013/sst
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