Überschuss aus dem Ölexport Vereinigte Emirate von Amerika

Die Regierung in Washington freut sich: Erstmals nach 62 Jahren exportieren die USA mehr Ölprodukte als sie einführen. Das Land muss nun weniger Rücksicht auf Öllieferanten aus dem labilen Nahen Osten nehmen - doch zugleich wächst die Macht einer amerikanischen Lobbygruppe.

Von Nikolaus Piper

Der Ölbedarf der Vereinigten Staaten war ein zentraler Faktor der Weltpolitik im vergangenen halben Jahrhundert. Die USA beanspruchten ein knappes Viertel aller Ölimporte der Welt für sich; ein wesentlicher Anteil dabei kam aus den Ländern rund um den Persischen Golf, wodurch die Nahost-Politik direkt die nationalen wirtschaftlichen Interessen der USA betraf.

USA als aufstrebende Energienation - zum ersten Mal seit 62 Jahren exportiert das Land mehr Ölprodukte, als es importiert.

(Foto: dpa)

Das könnte sich jetzt auf fundamentale Weise ändern: In diesem Jahr werden die Vereinigten Staaten vermutlich zum ersten Mal seit 62 Jahren mehr Öl und Ölprodukte exportieren, als sie importieren. Nach den neuesten Zahlen der Energy Information Administration (EIA) haben US-Firmen bis Ende September 2011 insgesamt 733 Millionen Fass Öl zu je 159 Liter ausgeführt und nur 689,4 Millionen importiert.

Wenn nicht etwas völlig Unerwartetes geschieht, dürfte die Nation diesen Exportüberschuss bis zum Jahresende behalten. Der Wandel ist dramatisch: Noch im September 2010 importierten die USA jeden Tag 311 000 Fass Ölprodukte mehr als sie exportierten. Dabei geht es nicht um Rohöl, sondern um verarbeitete Produkte von Schmieröl bis Flugbenzin.

Zwei Faktoren vor allem haben die Bilanz verändert: die Rezession und die Globalisierung. Seit dem Höhepunkt des letzten Booms ist die Nachfrage nach Ölprodukten in den USA ständig gesunken - die Amerikaner müssen aus reiner Notwendigkeit Energie sparen, vor allem mit ihren Autos. Und dann führt der Energiehunger der aufstrebenden früheren Entwicklungsländer dazu, dass sich Öl-Lieferströme in der Welt neu ordnen.

Zusätzliche Nachfrage nach amerikanischem Öl und Ölprodukten kommt aus Lateinamerika, aber auch aus Europa, wie die hohen Importe der Niederlande zeigen, die durch den Hafen Rotterdam und dessen Raffinerien erzeugt werden. Eine weitere Rolle spielt Biosprit, der in den USA mit hohen Subventionen aus Mais gewonnen wird und das jüngste Überangebot an Erdgas. Nach der Erschließung neuer Erdgasreserven im Osten der USA durch neue Methoden wie das sogenannte Fracking ist der Gaspreis abgestürzt. Das macht den Wechsel von Öl zu Gas attraktiver.

Die Gewichte verschieben sich

Das alles bedeutet nicht, dass die USA auf einen Schlag auf Energieimporte verzichten könnten. Es bedeutet auch nicht, dass die Supermacht ihre Abhängigkeit vom Nahost-Öl schon beendet hätte. Noch werden jeden Tag 1,8 Millionen Fass Öl aus dem Persischen Golf nach Amerika geschifft. Saudi-Arabien ist nach Kanada und vor Mexiko weiter der zeitwichtigste Ölimporteur des Landes.

Aber die Gewichte beginnen sich zu verschieben: Die Regierung in Washington muss tendenziell weniger Rücksicht auf Öllieferanten aus dem labilen Nahen Osten nehmen, umgekehrt dürfte der Einfluss der Öl-Lobby im eigenen Land weiter wachsen. Sie kann mit einer gewissen Berechtigung sagen: Je mehr wir nach Öl bohren, auch im Golf von Mexiko, desto unabhängiger werden wir von fragwürdigen Regimen im Ausland.

Der Trend dürfte sich fortsetzen. Nach einer Projektion der EIA wird sich der Importbedarf der USA bis zum Jahr 2035 weiter verringern. Die Gründe dafür sind der noch stärkere Einsatz von Biosprit, höhere Standards für Automotoren, steigende Preise und ein höheres Erdgasangebot. Weltweit wird die Nachfrage nach Energie dagegen weiter steigen. Das hat die paradoxe Konsequenz, dass die USA, deren relatives Gewicht in der Welt wegen des Aufschwungs Chinas sinkt, gerade dadurch als Energienation wichtiger wird.