bedeckt München 17°

Armutsrisiko:Alleinerziehende und Singles sind öfters verschuldet

Happy mother playing with her little son on a square at sunset model released Symbolfoto PUBLICATION

Eine Mutter spielt mit ihrem Kind. Alleinerziehenden bleibt dafür oft wenig Zeit.

(Foto: Imago)

Die häufigsten Gründe für eine Überschuldung sind Arbeitslosigkeit und ein geringes Gehalt. Dann folgen Trennungen.

Von Helena Ott

Alle Entscheidungen alleine treffen, die Hausarbeit erledigen, kochen, mit dem Kind spielen, es in die Kita bringen. Alleinerziehend sein heißt, alles alleine hinzubekommen, was sich sonst zwei Erwachsene teilen. Hinzu kommt bei Müttern und Vätern mit geringerem Einkommen, ein enger finanzieller Spielraum. Da bleibt kein Geld für eine Putzfrau oder die Nachhilfelehrerin.

"Viele schaffen es nicht, mit Kind eine Ausbildung zu beenden oder ihrem gelernten Beruf kontinuierlich nachzugehen", sagt der Sozialpädagoge Reiner Saleth, Leiter der zentralen Schuldnerberatung Stuttgart. Alleinerziehende haben ihm zufolge teilweise nicht die Chance, sich ein solides Einkommen zu erwirtschaften. Es drohen oft Zahlungsschwierigkeiten. Alleinerziehende Mütter suchten im Jahr 2020 überdurchschnittlich häufig Rat bei einer Schuldnerberatung, so das Statistische Bundesamt. Obwohl von der Gesamtbevölkerung nur rund fünf Prozent alleinerziehende Frauen sind, machen sie unter den Klienten von Schuldnerberatungen fast 14 Prozent aus. Den Anteil alleinerziehender Väter nannte die Behörde nicht. Auch Männer, die alleine leben - ob mit oder ohne Kind - sind im Vergleich zu Männern in Beziehungen und Ehen überdurchschnittlich oft überschuldet. Rund 30 Prozent der Ratsuchenden waren alleinlebende Männer. Die meisten kamen aus der Altersgruppe der 25- bis 44 Jährigen.

Insgesamt sind etwa sieben Millionen Menschen in Deutschland überschuldet, also fast jeder Zehnte. Überschuldet ist eine Privatperson dann, wenn sie Miete, Rechnungen oder Kreditraten längerfristig nicht aus eigenem Einkommen zahlen kann. Nach Arbeitslosigkeit und einem dauerhaft geringen Gehalt sind Scheidung und Trennung die dritthäufigsten Gründe. Sich zu trennen ist teuer: "Da fängt eine ganz neue Rechnung an", sagt Sozialpädagoge Saleth. "Doppelte Miete, das Umzugsunternehmen". Und von der Waschmaschine bis zum Pfannenwender braucht man plötzlich eine neue Einrichtung. Zudem werden Verheiratete im deutschen Steuersystem immer noch begünstigt.

Bei alleinerziehenden Müttern oder Vätern liegen die Gründe auf der Hand. Es ist schwer bis fast unmöglich, einen solide bezahlten Vollzeitjob zu machen und daneben ein Kind abseits der Kita rund um die Uhr zu betreuen. Die Gruppe der alleinlebenden Männern ist für Schuldnerberater Saleth hier schon undurchsichtiger. Warum geraten sie häufiger in Zahlungsnot? Natürlich könnten Unterhaltsforderungen für Kinder ein Grund sein, sagt er. Bei unter Sechsjährigen liegt der Mindestunterhalt derzeit bei monatlich 393 Euro. In der Stuttgarter Beratung hätten sie schon Fälle gehabt, in denen Väter Nachforderungen von 15 000 bis 20 000 Euro zugeschickt bekamen. Zunächst springt zwar die Unterhaltvorschussstelle ein, aber nach einer gewisser Zeit stellt sie Rückforderungen und die haben sich oft über längere Zeit angehäuft.

Die Pandemie hat die Lage verschärft

Das erklärt aber noch nicht die Geldprobleme alleinstehender Männer ohne Kinder. "Ich habe eine Vermutung, ich bin mir aber nicht sicher, ob das der tatsächliche Grund ist", sagt Saleth. Er glaubt, dass Männer, die in der Altersgruppe von 25 bis 44 Jahren ohne Partnerin oder Kinder leben, sich häufiger "in Problemlagen im beruflichen oder sozialen Umfeld befinden." Sie hatten oder haben also etwa längere Krankheitsphasen, niedrige Bildung oder soziale Schwierigkeiten.

Aber auch unabhängig von Geschlecht und Familienstand, eineinhalb Jahre Pandemie haben die finanzielle Situation vieler Haushalte deutlich verschärft. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen meldete zum Wochenstart, dass einige der Schuldnerberatungen im Bundesland erstmals Wartelisten führen würden und nicht mehr alle Ratsuchenden unmittelbar beraten können.

© SZ
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB