Überfischung in Spanien:Regulierung scheitert

Verbote werden ignoriert

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Die Parole der Naturschützer: Keinen Thunfisch auf den Tisch, Sushi bitte nur vegetarisch! Doch Gourmets schrecken diese Botschaften wenig ab.

(Foto: AFP)

Vor allem aber bereitet die Überfischung des Mittelmeeres den Fischern von Barbate große Sorgen. Die enorme Nachfrage aus Japan hat eine ganze Thunfischarmada entstehen lassen, von nahezu allen Mittelmeeranrainern wird nun Jagd gemacht.

Zum Einsatz kommen bis zu zwei Kilometer lange und 200 Meter in die Tiefe reichende Ringwadennetze, die ganze Schwärme umschließen. Von Flugzeugen und Hubschraubern werden die Schwärme ausgemacht, die Schiffe sind mit Echolot ausgestattet. Diese Fangmethoden wurden zwar wieder verboten, doch es gibt keine Instanz, die die Einhaltung der Verbote auf hoher See kontrollieren könnte.

Die Andalusier sagen, vor allem die Italiener würden diese Verbote unterlaufen. Auch kann leicht bei den Fangquoten betrogen werden. Einer der Fischer sagt trocken: "Es liegt sowohl im Interesse von uns Fängern als auch der Japaner, dass wir eine zu niedrige Zahl angeben." Nach Meinung von Experten wurden im Mittelmeer die offiziellen Quoten in den vergangenen Jahren um das Mehrfache überschritten.

Hinzu kommt, dass die Ringwadennetze so engmaschig sind, dass es auch für die Jungtiere kein Entkommen mehr gibt. Die Blauflossenthunfische sind mit drei bis vier Jahren geschlechtsreif, sie wiegen dann rund 40 Kilogramm. In Barbate sagt einer der Fischer: "Bei es gibt es nicht nur zehn, sondern elf Gebote. Das elfte lautet: Liebe den Thun wie dich selbst!"

Aus diesem Grunde wird streng darauf geachtet, dass Tiere unter 70 Kilogramm noch durch die Maschen des Almadabra-Labyrinths flüchten können. Fernández Muñoz sagt: "Wir betreiben die nachhaltigste Art des Fischfangs, die man sich vorstellen kann." Die schwimmenden Fischfabriken im Mittelmeer aber nehmen auf so etwas keine Rücksicht.

Überfischung beeinflusst Tourismus

Biologen weisen darauf hin, dass die Überfischung auch die Nahrungskette im Meer erheblich durcheinandergebracht hat, mit Folgen auch für den Tourismus. Denn zu den Lieblingsspeisen der Thunfische gehören Quallen und Tintenfische. Da den Quallen einer ihrer Hauptfeinde weitgehend abhanden gekommen ist, treten sie immer häufiger in küstennahen Gewässern massenhaft auf und verleiden den Badegästen den Urlaub. Und die Tintenfische dezimieren ungehindert die Sardinen, somit wird ein weiterer Zweig der traditionellen Fischerei geschwächt.

Zwar hat die Europäische Union schon im Jahr 2007 eine Verordnung über die Regenerierung der Bestände des Blauflossenthunfischs im Nordatlantik beschlossen. Doch in der Internationalen Vereinigung zur Erhaltung des Atlantischen Thunfischs (ICCAT) hatten zuletzt stets die Länder eine Mehrheit, die sich gegen eine spürbare Senkung der Fangquoten wehrten.

Probleme auf Thunfischfarmen

Die Japaner argumentierten mit der "Verteidigung der traditionellen Essgewohnheiten". Angeführt wurde auch, dass die Bestände ja durch Fischfarmen im Mittelmeer wieder vergrößert würden. Allerdings vermehren sich Thunfische in Gefangenschaft nicht, Experimente mit Hormonen brachten bisher nur äußerst geringe Erfolge. Also lassen die Betreiber der Farmen gezielt Jungfische einfangen, die dann gemästet werden, aber für die Reproduktion völlig ausfallen.

Obendrein stellen die enormen Mengen an Kot eine weitere Belastung für küstennahe Gewässer dar, abgesehen davon, dass große Dosen von Antibiotika, die die Ausbreitung von Fischseuchen verhindern sollen, auch in die Nahrungskette gelangen. Schließlich drücken die Fischfarmen im Mittelmeer weiter die Preise und somit den Verdienst der Fischer von Barbate.

Einige der größten Farmen werden an der anderen Ecke Andalusiens bei Almería am Mittelmeer betrieben, beteiligt ist der japanische Industriekonzern Mitsubishi, der Autos herstellt und daneben zum größten Importeur von Thunfisch geworden ist.

Die Gemeinden an der Costa de la Luz versuchen, ihre Tradition für die Touristik zu erschließen: Die "Route des Thuns", markiert durch überdimensionale Fischgerippe aus Metall, führt zu historischen Gebäuden, kleinen Museen, die die spanische Kulturbürokratie "Centro de interpretación" nennt, und vor allem zu einer Fülle von Restaurants, die vielerlei Thunfischgerichte anbieten, darunter auch solche neumodischen wie Carpaccio de atún.

Runter von der Speisekarte

Die Naturschützer haben aber die Parole ausgegeben: Überhaupt keinen Thunfisch auf den Tisch, sonst ist der Rote Thun rettungslos verloren! Sushi bitte nur vegetarisch! Sie weisen auf die Verseuchung des Fleisches durch Schwermetalle hin, durch Cadmium, Blei, Arsen und Quecksilber. Doch die Gourmets schrecken diese Botschaften wenig ab.

In Conil de la Frontera hat gleich gegenüber der Markthalle ein Laden neu eröffnet, der nur Thunfischprodukte anbietet, vom rohen Filet bis zum eingesalzenen und getrockneten Streifen als Häppchen zum Bier oder Sherry.

Als kulinarischer Hit hat sich die Kreation "Thunfisch und Schokolade" erwiesen, die Konditor Pepi Martinez in Barbate in Handarbeit herstellt. Es handelt sich dieses Mal um echte Schokolade, weiß, zartbitter oder halbbitter, die mit Mandelsplittern ein Stück gepökelten Thunfisch umschließt. Eine ungewöhnliche Mischung, auf die man in Barbate ebenfalls stolz ist.

© SZ vom 01.08.2015/lkr
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