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Fahrdienst:Ubers Börsengang ist eine 90-Milliarden-Wette

Pilotmodelle der selbstfahrenden Uber-Autos im Uber Advanced Technologies Center in Pittsburgh, Pennsylvania

(Foto: Angelo Merendino, AFP)
  • Der Börsengang von Uber ist der lang erwartete Höhepunkt einer recht kurzen, aber erfolgreichen Firmengeschichte.
  • Der Fahrdienstvermittler strebt eine Bewertung von 90 Milliarden Dollar an - obwohl die Firma zuletzt eine Milliarde Verlust gemacht hat.
  • Die Anleger werden wohl trotzdem zuschlagen, denn es gibt ein Unternehmen, das ähnlich startete: Amazon.

Von Malte Conradi, San Francisco

Vielleicht muss man die Sache mal ein bisschen kleiner rechnen, damit man den ganzen Wahnsinn richtig versteht. Man stelle sich also ein kleines Unternehmen vor, vielleicht den Friseursalon an der Ecke. Sagt der Besitzer: "Wir sind noch jung, aber in den vergangenen drei Monaten haben die Kunden schon 30 000 Euro bei uns ausgegeben. Nicht schlecht, oder? Allerdings ist die Miete für den Laden so hoch, die Gehälter für die Mitarbeiter und die Kosten für all die Ausrüstung ebenso. Deshalb haben wir in diesen drei Monaten leider einen Verlust von 10 000 Euro gemacht. Und das geht schon eine Weile so, wir haben Schulden von fast 70 000 Euro."

Dann macht der Mann ein Angebot: Ob man nicht teilhaben wolle an diesem super Geschäft? Sein Salon sollte ungefähr 900 000 Euro wert sein, findet er. Ausgehend von diesem Wert könne man Anteile an dem Salon kaufen. Ob man mit dem Haareschneiden allerdings jemals Gewinn machen werde? Da zuckt er nur mit den Schultern.

Ob jemand da zuschlagen würde? Wohl kaum.

Und doch muss man nur ein paar Nullen an diese Zahlen dranhängen und ist bei dem Angebot, das der Fahrdienstleister Uber Investoren macht, wenn er nun an die Börse geht. Es ist der lang erwartete Höhepunkt der gerade einmal neun Jahre währenden Erfolgsgeschichte dieser Firma. Wenn alles gut läuft, wird dieser Tag zahlreichen anderen Unternehmen den Weg an die Börse ebnen, er wird Tausende neue Millionäre schaffen, er wird Millionäre zu Milliardären machen und reiche Investmentfonds zu noch reicheren. Und natürlich soll er wieder einmal allen Zweiflern die Überlegenheit des Silicon Valley demonstrieren.

Drei Milliarden Dollar Umsatz hat Uber im ersten Quartal 2019 gemacht - und zugleich einen Verlust von einer Milliarde. Das muss man erst mal schaffen: Drei Milliarden einnehmen, vier Milliarden ausgeben. Trotz der etwa 20 Milliarden Dollar, die Investoren in den vergangenen Jahren schon in das Unternehmen gesteckt haben und die größtenteils lange ausgegeben sind, hat Uber Schulden in Höhe von 6,9 Milliarden Dollar.

Uber wäre fast so viel wert wie der deutsche Konzern Siemens

Und trotzdem stehen in den Unterlagen, die Uber vor einigen Tagen bei der amerikanischen Börsenaufsicht einreichte, diese beiden Zahlen: Zwischen 80,5 und 91,5 Milliarden Dollar. So viel sei das Unternehmen wert. Das wäre fast so viel, wie der deutsche Konzern Siemens derzeit an der Börse wert ist, eine mehr als 150-jährige Institution, die Gaskraftwerke, Röntgengeräte und Hochgeschwindigkeitszüge herstellt. Uber hingegen ist am Ende nicht viel mehr als eine Smartphone-App, die selbständige Fahrer in ihren eigenen Autos mit Kunden verbindet. Die geben in der App ein, wo sie hinwollen, ein paar Minuten später rollt der Fahrer vor. Abgerechnet wird automatisch, ebenfalls über die App.

Bis vor Kurzem hatte Uber seinen eigenen Wert sogar mit bis zu 120 Milliarden Dollar angegeben. Der Preisnachlass kam zustande, weil Lyft, der viel kleinere Konkurrent mit identischem Geschäftsmodell, seit seinem Börsengang vor zwei Wochen 20 Prozent an Wert verloren hat. So was will man bei Uber nicht erleben.

80 bis 90 Milliarden also für eine App. Ob bei diesem Geschäft viele Menschen zuschlagen werden?

Wahrscheinlich schon, schließlich kann man die Sache auch ganz anders betrachten, und schließlich ist Uber kein Friseursalon.

Am vergangenen Montag erhielten hundert der wichtigsten Geldverwalter Europas eine Nachricht: Sie sollten sich in drei Stunden im Ballsaal des Luxushotels Claridge's einfinden. Es war der Auftakt zu Ubers Roadshow, einer Reise, die die Chefs jedes Börsenaspiranten unternehmen müssen, um die großen Investmentfonds von sich zu überzeugen.

Uber's CEO Dara Khosrowshahi speaks at the Viva Tech start-up and technology summit in Paris

Dara Khosrowshahi will aus Uber eine Mobilitätsplattform der Zukunft machen.

(Foto: Charles Platiau/Reuters)

Was die Manager da von Uber-Chef Dara Khosrowshahi hörten, klang - nach allem, was Teilnehmer so berichten - ziemlich überzeugend.

Ohne dessen Namen ein einziges Mal auszusprechen, soll Khosrowshahi in dem feinen Art-déco-Saal vor allem an ein großes Vorbild erinnert haben: Amazon. Der Versandhändler aus Seattle hatte ebenfalls jahrelang nur Verluste geschrieben, auch nach seinem Börsengang 1997. Selbst Dividenden versagte Amazon-Gründer Jeff Bezos den Anlegern, immer wieder predigte er, Wachstum sei das Wichtigste, Profite kämen später. Und kaum verlor die Wallstreet vor einigen Jahren so langsam die Geduld mit Amazon, war es, als lege Bezos einen Schalter um. Drei Milliarden Dollar Gewinn schrieb Amazon im vergangenen Quartal, über die bis heute ausbleibende Dividende meckert kaum noch jemand.

Die Amazon-Lehre: Wenn man groß genug ist, kommt der Profit von alleine

Uber unveils details about its flying taxi project and the future of urban transportation at a two-day conference

"Autos sind für uns, was Bücher für Amazon waren“, sagt Uber-Chef Dara Khosrowshahi. Das Unternehmen arbeitet auch an Flugtaxis.

(Foto: Robyn Beck/AFP)

In all den Jahren formte Bezos aus dem Buchhändler, als der Amazon anfing, eine Plattform, die praktisch alles verkauft und zum Synonym wurde fürs Einkaufen im Internet. Heute, so scheint es, ist Amazon unangreifbar. Und jetzt wird kassiert.

Es ist eine Geschichte, die gut klingt in den Ohren von Investoren. Die Amazon-Aktie ist heute fast hundert Mal so viel wert wie bei ihrem Start 1997.

Und tatsächlich ist der Vergleich mit Amazon mehr als nur das Wedeln mit einem großen Namen. Khosrowshahi hat seit seinem Amtsantritt vor bald zwei Jahren das Angebot von Uber massiv ausgeweitet. Sehr erfolgreich mit einem Umsatz von fast 1,5 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr ist schon heute Uber Eats, ein Service, bei dem die Fahrer nicht die Kunden kutschieren, sondern ihnen Essen aus Restaurants liefern. Überrascht waren die Fondsmanager bei Ubers Roadshow von Khosrowshahis Ausführungen zu Uber Freight. Das ist eine Plattform, die den Kontakt zwischen Firmen und Truckern herstellt. Obwohl gerade einmal zwei Jahre alt, machte Uber Freight im letzten Quartal 2018 schon einen Umsatz von 125 Millionen Dollar und erreichte etwa 400 000 Fahrer. 2018 dann kaufte Uber Jump, einen jungen Anbieter von Elektro-Rollern und Fahrrädern.

Schon im vergangenen Herbst sprach Khosrowshahi auf einer Konferenz davon, Uber von einem Fahrdienstleister zu einer Mobilitätsplattform umzumodeln. Denn nicht immer sei es sinnvoll, in ein Auto zu steigen. "Autos sind für uns, was Bücher für Amazon waren", sagte er. Das Uber, wie wir es kennen, soll also nichts als der Anfang einer viel größeren Sache sein. Das klingt nach Wachstum, einem Zauberwort für Investoren.

Der Traum hat einen Namen: Uber Everything

Künftig sollen Nutzer ihr Anliegen in die Uber-App tippen, um vom Fahrrad über den E-Roller bis hin zum Mietwagen die besten Lösungen angeboten zu bekommen. Wer oder was auch immer transportiert werden muss: Uber soll der Partner dafür sein. Die Branche hat für diesen Traum schon einen Namen: Uber Everything.

Und wenn die Firma damit möglicherweise eigene Angebote kannibalisiert? Völlig egal, sagt Khosrowshahi: "Uber muss sogar erfolgreiche eigene Sparten schädigen, wenn es dem Kunden dient, der dadurch ein besseres Angebot erhält". Alles für den Kunden, und wenn man groß genug ist, kommt der Profit von alleine: Es ist die reine Amazon-Lehre.

Was diese Erzählung elegant unterschlägt: Ubers Verluste betragen ein Vielfaches dessen, was Amazon jemals an Minus erwirtschaftet hat. Und wer die Unterlagen genau studiert, die Uber bei der Börsenaufsicht eingereicht hat, der findet nicht nur eine deutliche Warnung vor diesen "bedeutsamen Verlusten seit der Gründung", sondern auch diesen Hinweis: "Möglicherweise erreichen wir in der absehbaren Zukunft keine Profitabilität."

Man kann das als Kleingedrucktes abtun. Oder als Hinweis darauf, dass nicht einmal Uber selbst eine klare Vorstellung davon hat, wie es einmal Gewinn machen könnte. Denn noch ist es völlig unklar, wann in nennenswertem Umfang autonome Autos die Uber-Fahrer überflüssig machen. Bislang ist es deren Verdienst, der Uber zu einem Verlustgeschäft macht. Bei vielen Fahrten nämlich erhält der Fahrer mehr, als der Kunde zahlt. Selbstlenkende Fahrzeuge würden das auf einen Schlag ändern.

Die meisten Beobachter erwarten, dass Uber den endgültigen Ausgabepreis seiner Aktien an diesem Donnerstag bekanntgibt und die Papiere am Freitag zum ersten Mal an der Börse gehandelt werden. An diesem Tag werden Anleger wohl etwa weitere neun Milliarden Dollar in das Unternehmen stecken.

Es dürfte eine enorme Wette darauf werden, dass Uber irgendwann durch seine schiere Größe aus dem menschlichen Bedürfnis nach Mobilität und Transport Profit schlägt.

© SZ vom 02.05.2019/vwu
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