Twitter-Aktie gibt nach Das große Missverständnis

Ein Bild aus besseren Tagen: Am 7. November 2013 ging Twitter mit großem Aufwand an die Börse.

(Foto: dpa)

Twitter erfüllt die Erwartungen beim Umsatz, allerdings wächst die Zahl der aktiven Nutzer nicht schnell genug - die Aktie fällt im nachbörslichen Handel um 13 Prozent. Es ist durchaus möglich, dass Twitter-Chef Dick Costolo und Investoren derzeit eine andere Vorstellung davon haben, was genau ein Twitter-Nutzer ist.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Irgendwann wirkte Dick Costolo ein wenig resigniert, auch wenn er immer noch zu schmunzeln versuchte. Der Chef des Kurznachrichtendienstes Twitter hatte gerade die Quartalszahlen präsentiert und eine Prognose für die kommenden drei Monate abgegeben. Nun wollte er über die Evolution seines Unternehmens sprechen und die gewaltigen Veränderungen, denen sich Twitter nun unterziehen wird. "Wir werden uns von einem Unternehmen mit nur einem Produkt zu einem Plattformgeschäft entwickeln", sagte Costolo beim Gespräch mit Analysten.

Die Analysten wollen einfach nicht zuhören

Doch die wollten das nicht hören, sondern stellten - in verschiedenen und manchmal auch erschreckend ähnlichen Variationen - immer wieder diese eine Frage: Wie ist das denn nun mit Nutzerwachstum? Es ging bei diesem Gespräch nicht darum, dass die Einnahmen von Twitter im Vergleich zum Vorjahresquartal um 113 Prozent auf 361 Millionen US-Dollar gestiegen waren und über den Erwartungen der Experten lagen. Es ging auch nicht darum, dass mittlerweile 85 Prozent der Werbeeinnahmen von mobilen Geräten stammt - ein grandioser Wert, vor einem Jahr waren es nur 70 Prozent gewesen.

Es ging auch nicht um den Verlust von 175,5 Millionen Dollar, den das Unternehmen eingestehen musste - weshalb sich die Verluste in den ersten neun Monaten dieses Jahres auf mehr 452 Millionen Dollar summieren. Und es ging auch kaum um die eher enttäuschende Prognose, dass Twitter im kommenden Quartal nur zwischen 440 und 450 Millionen Dollar einnehmen werde. Um all das ging es nicht - und all diese Neuigkeiten trugen wohl nur einen kleinen Teil dazu bei, dass die Twitter-Aktie im nachbörslichen Handel um fast 13 Prozent fiel.

Die MAU-Rate ist zu mau

Es ging beinahe Ausschließlich um die Abkürzung "MAU", die für monthly active user steht und jene Nutzer beschreibt, die mindestens ein Mal pro Monat auf der Plattform aktiv werden. Die liegt mittlerweile bei 284 Millionen, das ist ein Anstieg um 13 Millionen im vergangenen Quartal. Das ist nicht wenig, aber es ist zu wenig. Das einst so rasante Wachstum bei den Nutzerzahlen schwächt nun deutlich ab. Die Zahl der so genannten "Timeline View" fiel sogar um sieben Prozent. "Die Erwartungen an Twitter waren hoch, weil die Aktie zuletzt zugelegt hat", sagt Arvind Bhatia von der Analysefirma Sterne Agee. Twitter habe die Erwartungen erfüllt: "Doch die Menschen erwarten mehr als nur ein 'erfüllt'."

Also musste Costolo wieder einmal erklären, dass die Menschen den Kurznachrichtendienst und seine Reichweite ganz offenbar nicht verstehen würden, wenn sie lediglich die Zahl der aktiven Nutzer betrachten: "Man muss sich unser Gesamtpublikum als eine Serie geometrisch verschrobener Kreise vorstellen." Die 284 Millionen Nutzer seien jene, die sich nur im innersten Kreis bewegen und die Plattform mit Inhalten versorgen würden. Die wichtigsten Nutzer, gewiss, aber eben nicht die einzigen.

Im zweiten Kreis, dem laut Twitter etwa doppelt so viele Menschen angehören wie dem inneren, befinden sich all jene, die den Dienst nutzen, ohne sich anzumelden - also etwa jene, die die Seite ansteuern und den Eintrag eines Promis sehen, ohne selbst Mitglied bei Twitter zu sein. Und dann gibt es noch eine dritte Schicht, zu denen all jene gehören, die auf irgendeine Weise von Twitter erfahren - wenn sie etwa in einem Zeitungsartikel ein Zitat lesen, das der Journalist nicht vom Zitatgeber selbst, sondern von dessen Twitter-Account hat. "Wir denken bei allem, was wir tun, im Zusammenhang dieser Kreise", sagt Costolo.

Die Leute verstehen Twitter einfach nicht

Das sieht Craig Elimeliah von der Werbeagentur RAPP ähnlich: "Man merkt deutlich, dass es die Leute nicht verstehen." Auch ein passiver, nicht angemeldeter Nutzer könne von Twitter profitieren - und das Unternehmen im Gegenzug dadurch, dass diese Nutzer auch die Werbeanzeigen lesen würden: "Die Applikation ist in der Kultur verankert, also beschäftigen sich die Nutzer damit." Vor allem mit der neuen Entwicklerplattform Fabric könne Twitter für Werbetreibende bald interessanter sein als Facebook.

Genau darüber wollte Costolo gerne sprechen. Fabric ist eine Art Werkzeugkiste für Programmierer von Apps. Twitter möchte von Beginn an eng mit neuen Applikationen verbunden sein und damit ein unverzichtbarer Teil des mobilen Ökosystems werden. "Wir wollen dabei sein vom Moment, in dem sie mit der Entwicklung beginnen - bis zu dem Tag, an dem sie damit Geld verdienen wollen", sagte Costolo: "Wenn wir ein Teil der Grundlage jeder einzelnen mobilen App weltweit sind, dann ist das eine enorme Gelegenheit für uns."

Doch dieses Projekt durfte Costolo nur kurz vorstellen. Davor und danach ging es wieder um die Nutzerzahlen - und wieder einmal präsentierte Costolo seinen Lieblingssatz: "Wir haben das hohe Ziel, weltweit das größte tägliche Publikum zu erreichen." Nur: Costolo meint damit alle Menschen innerhalb der drei geometrisch verschrobenen Gebilde. Für die Investoren dagegen zählen derzeit nur jene innerhalb des ersten Kreises.