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E-Mail-Dienst Tutanota:Der Mann, der zum Schnüffeln gezwungen wird

"Wir machen weiter. Bis es wirklich gar keinen Grund mehr gibt, Gmail zu benutzen." Tutanota-Chef Matthias Pfau.

(Foto: oh)

Matthias Pfau betreibt in Hannover den supersicheren E-Mail-Dienst Tutanota. Ihn ärgert es, dass Gerichte ihn nun verdonnern, einzelne Nutzer zu überwachen.

Von Jannis Brühl

Wer unter dem Banner Edward Snowdens Geschäfte macht, der hat auch Pathos im Angebot. "Jeder unserer Programmierer ist aus unserer Sicht ein Freiheitskämpfer", sagt Matthias Pfau. Der Gründer des E-Mail-Dienstes Tutanota aus Hannover liegt seit Jahren im Clinch mit dem Staat. Er sieht sich in der Tradition des Whistleblowers Snowden und sucht diese Auseinandersetzung. Tutanota - was Latein ist und "geschützter Brief" bedeutet - verspricht den Kunden, ihre Geheimnisse besonders gut zu schützen.

Dieses Versprechen stellen deutsche Ermittler immer wieder auf die Probe. Pfau führte mehrere Gerichtsverfahren um die Frage: Darf der Staat einen E-Mail-Anbieter zwingen, seine Kunden zu überwachen? Der Bundesgerichtshof (BGH) hat Ende April entschieden: Ja, Tutanota muss Mails aus zwei seiner Postfächer an Beamte übermitteln. Genutzt werden die Postfächer von einem Verdächtigen, der Terroristen unterstützen soll. Pfaus Beschwerde gegen die Überwachung wurde abgelehnt, wie nun bekannt wurde. Dabei geht es nur um unverschlüsselte E-Mails. Tutanota bietet auch Komplettverschlüsselung an, diese Nachrichten kann dann auch das Unternehmen selbst nicht mehr lesen.

Die Entscheidung des Gerichts nennt der 38-jährige Pfau "undurchdacht". Er habe ja derzeit gar nicht die Technik, um die unverschlüsselten Mails der eigenen Nutzer auszulesen: "Wie soll das gehen?" Er muss seine "Freiheitskämpfer" eigens Software schreiben lassen, mit der die E-Mail-Fächer ausgelesen werden können.

Pfau hat kein Interesse, Terrorunterstützer zu schützen, ihm geht es um Grundsätzliches, wie er sagt. Denn sein Geschäftsmodell basiert auf einem ungelösten Dilemma: Der Staat will auf Kommunikation zugreifen. Zugleich haben die Bürger das Bedürfnis, sicher zu kommunizieren. Pfau will dieses Bedürfnis befriedigen. Das war der Antrieb für seinen Mitgründer Arne Möhle und ihn, als sie Tutanota 2011 nach ihrem Informatikstudium starteten. Zwei Jahre später wurde das Thema virulent: "Mit den Snowden-Enthüllungen wurde uns klar, dass das Problem noch viel größer ist als wir dachten. Die Überwachungssysteme übertrafen alles bisher Dagewesene, inklusive der Stasi, die diese technischen Möglichkeiten gar nicht hatte." Dass viele Menschen über die Sicherheit ihrer Kommunikation nachdachten, half Pfau: "Das ist Mund-zu-Mund-Propaganda: 'Oh, der hat ne neue E-Mail-Adresse. Tutanota, was ist das? Das guck' ich mir mal an.'"

Heute sind auch Mainstream-Messenger wie Whatsapp stark verschlüsselt, doch E-Mail-Verschlüsselung bleibt kompliziert. Und den Platzhirschen Gmail von Google und Microsoft Outlook trauen viele Menschen nicht. Sie wünschen sich Anbieter, die nicht im Verdacht stehen, mit US-Geheimdiensten zu kooperieren. In dieser Marktlücke konkurriert Tutanota mit Posteo aus Berlin oder Protonmail aus der Schweiz. Da dient ein Gerichtsverfahren gegen Überwachungszwang auch dem Markenimage. Pfaus Tutao GmbH, dem Unternehmen hinter Tutanota, hat nach eigenen Angaben volle Kontrolle über die eigenen Server. Die Gesellschaft mietet sie nicht irgendwo in der Cloud an, sondern betreibt sie in besonders gesicherten Rechenzentren in Deutschland.

Schon 2020 hatte das Landgericht Köln entschieden: Tutanota muss einen mutmaßlichen Erpresser überwachen. Vor dem BGH hatte Tutao nun argumentiert, man falle nicht unter das Telekommunikationsgesetz, das den Behörden Überwachung erlaubt. Man stelle ja keinen Internetzugang zur Verfügung, sondern nur Software. Das sei egal, entschied der BGH, auch Tutanota ermögliche nun einmal Telekommunikation. Pfau gibt sich kämpferisch: "Wir machen weiter. Bis es wirklich gar keinen Grund mehr gibt, Gmail zu benutzen."

© SZ
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