Touristik:Tui-Chef Joussen geht

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Tui: Vorstandsvorsitzender Fritz Joussen

Nach rund zehn Jahren an der Spitze übergibt Fritz Joussen Ende September sein Amt als Vorstandsvorsitzender des Tourismuskonzerns Tui an Sebastian Ebel.

(Foto: Daniel Bockwoldt/dpa)

Der Zeitpunkt für den Abtritt ist geschickt gewählt - auf Nachfolger Sebastian Ebel wartet kein leichtes Erbe.

Von Lea Hampel und Sonja Salzburger

Wenn er mit einem Satz in Erinnerung bleiben wird, dann mit diesem: "We are confident", war von Friedrich Joussen in den vergangenen zweieinhalb Jahren in dieser und unzähligen Varianten immer wieder zu hören: in Interviews, bei Pressekonferenzen, bei der Präsentation noch so gruseliger Unternehmenszahlen, stets war er zuversichtlich. Nun scheint er ähnlich zuversichtlich zu sein, dass Tui ohne ihn auskommt, denn der Manager wird Ende September abtreten, wie Tui am Freitag bekannt gab. Für den Reisekonzern aus Hannover, der zweieinhalb mehr als turbulente Jahre hinter sich hat, beginnt damit eine neue Ära.

Joussen war 2012 von Vodafone Deutschland zur damals hoch defizitären Tui gekommen, um Michael Frenzel abzulösen, der das Unternehmen fast 20 Jahre geführt hatte. Als neuer Vorstandsvorsitzender wollte er den Reisekonzern schlanker und effizienter machen. Über die Jahre ist der studierte Softwareingenieur aus Duisburg einen Digitalisierungskurs gefahren, längst gibt es eine App, mit der Reisende im Urlaub zusätzliche Angebote buchen können. Gleichzeitig hat Joussen die Strategie fortgeführt, viele Hotels, Schiffe und Clubs selbst zu betreiben.

Genau das machte es dem Unternehmen schwer, als die größte Herausforderung der Firmengeschichte kam. Wegen der Corona-Pandemie mussten von einem auf den anderen Tag Tausende Reisende aus ihren Urlaubsorten zurückgeholt und schon gebuchte Reisen rückabgewickelt werden. "Praktisch über Nacht" sei man ein "Unternehmen ohne Produkt und Umsatz" gewesen, erklärte Joussen bei der Hauptversammlung im Februar 2021. Das stellte den Reisekonzern vor allem deshalb vor Schwierigkeiten, weil dort ein Prinzip praktiziert wird, das in der gesamten Touristikbranche ebenso problematisch wie üblich ist: Mit den Einnahmen, die Touristen für künftige Reisen zahlen, werden aktuelle Schulden bei Hoteliers und anderen Dienstleistern beglichen.

Joussens Vertrag beinhaltet eine attraktive Ausstiegsklausel

Und so musste Joussen während der Pandemie einen massiven Sparkurs fahren. Er hat in der Zeit weltweit rund 8000 Stellen abgebaut, Tausende Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt und Hotels und andere Beteiligungen verkauft. Die Bundesrepublik hat Tui mit insgesamt 4,3 Milliarden Euro Staatshilfen vor der Pleite bewahrt. Zudem wurden seit Januar 2021 drei Kapitalerhöhungen durchgeführt.

In der Krise ist vor allem eine Eigenschaft des Managers, der sich statt Friedrich gern "Fritz" nennen ließ, deutlich geworden: eine grundsätzliche Unverwüstlichkeit. "Hemdsärmelig" ist ein Wort, das in Bezug auf Joussen gern verwendet wird, alternativ auch "leutselig" oder "jovial". Seine Unverwüstlichkeit zeigte er seit Beginn der Krise bei jeder öffentlichen Äußerung. Weltweit waren die Grenzen zu und die Flugzeuge blieben am Boden, aber Joussen versprühte teils nahezu grotesken Optimismus: 2020 beschwor er das Sommergeschäft und dann das kommende Jahr 2021. 2021 schließlich setzte er auf 2022, noch im Mai 2022 betonte er, die Inflation würde ihm für dieses Jahr keine Sorgen bereiten. Dass er sich für seinen Optimismus die jeweiligen Belege teils bemüht zusammensuchte, gehörte dazu - mal waren es die buchungsfreudigen Briten, die das Geschäft am Laufen halten würden, mal Länder, die beim Impfen weit vorne waren, ein anderes mal nahm er 2019 als Referenzjahr, eines, das nicht zu den besten der Firmengeschichte gehört hat.

Der Optimismus, natürlich grundsätzlich ein wichtiges Instrument für Manager, dürfte Teil einer größeren Strategie gewesen sein - und zunehmend auch eines persönlichen Exitplans. Eigentlich wäre Joussens Vertrag bis 2025 gegangen. Wie aus dem aktuellen Geschäftsbericht hervorgeht, hatte er jedoch eine Ausstiegsklausel vereinbart, wonach er ab dem 1. Juni 2022 mit einer Frist von drei Monaten sein Amt einseitig niederlegen kann und trotzdem noch für zwei weitere Jahre bezahlt wird.

Der Nachfolger gilt als "harter Hund" und "wenig zimperlich"

Branchenbeobachter sind davon ausgegangen, dass er diese Option zu einem Zeitpunkt wählen wird, in dem der Konzern gut dasteht. Dieser Zeitpunkt scheint nun gekommen zu sein. Über die vergangenen Monate hat Tui diverse Staatshilfen zurückgefahren, der Konzernchef hat in noch größerem Maß als vorher betont, wie hervorragend die Aussichten seien und wie die Pandemie dazu geführt habe, dass die Tui eine "Transformation" durchlaufen habe zum digitalen Konzern.

Das Unternehmen ist, wie es ein Analyst sagt, "aus dem Gröbsten raus, aber nicht auf Rosen gebettet". Der Sommer steht bevor, noch buchen die Menschen Reisen: "Eins ist klar, die Nachfrage ist hoch und wird über den Sommer halten", hatte Joussen im Mai verkündet. Wenn aber in den kommenden Monaten aufgrund der Corona-Infektionszahlen doch wieder Reisen abgesagt werden sollten oder eine der anderen Krisen Folgen für die Touristikbranche hat, wird sich das erst in den Zahlen niederschlagen, wenn Joussen nicht mehr in der Verantwortung sein wird.

Sein Nachfolger ist der derzeitige Finanzvorstand Sebastian Ebel, er hat große Aufgaben vor sich. Ebel ist ein alter Joussen-Vertrauter aus dessen Tagen bei Vodafone, war allerdings davor auch schon bei Tui. Unter Branchenkennern und ehemaligen Kollegen fällt immer wieder die Bezeichnung "harter Hund" für den neuen Chef. Er gilt als "wenig zimperlich". Das wird auch nötig sein: Der Aktienkurs von Tui liegt unter zwei Euro, das ist weniger als die Hälfte dessen, was die Papiere bei Joussens Antritt wert waren.

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