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Tourismus:Rettungspaket steht

Deutschland - Hessen - Frankfurt - 03.01.2021 / in Zeiten von Corona / Impressionen aus Frankfurt / Lockdown Tui Logo im

Eigentlich sind Januar und Februar die Hauptgeschäftszeit der Branche. Die Zahl der Neubuchungen, die Geld bringen, dürfte in diesem Jahr jedoch geringer ausfallen.

(Foto: Marcel Lorenz/imago images)

Die Tui-Aktionäre stimmen einer Kapitalerhöhung und einer Staatsbeteiligung zu. Nun fehlt noch die Zustimmung aus Niedersachsen für das dritte Hilfspaket - doch die lässt auf sich warten.

Von Lea Hampel

Nach einem nicht gerade unaufregenden Jahr 2020 dürften die vergangenen Stunden des neuen Jahres besonders spannend gewesen sein für Fritz Joussen - wobei es zur Abwechslung mal gute Nachrichten waren, die den Chef des weltgrößten Touristikkonzerns in Hannover erreichten.

An diesem Dienstag stand die Abstimmung der Tui-Aktionäre über eine Kapitalerhöhung und eine Wandelanleihe des Wirtschaftsstabilisierungsfonds an. Bereits am Montagabend hatte die Finanzaufsicht Bafin bekannt gegeben, dass der russische Großaktionär Alexej Mordaschow und seine Familie ihre Anteile auf mehr als 30 Prozent erhöhen dürfen, also gehörig Geld nachschießen können, ohne ein Pflichtangebot an bisherige Aktionäre abgeben zu müssen. Ebenfalls am Montagabend gab die EU-Kommission bekannt, dass sie den staatlichen Hilfsmaßnahmen des dritten Hilfspakets zustimmt. Auch der Rahmenvertrag zwischen dem WSF und Tui wurde laut dem Konzern am Montag festgezurrt.

Am Dienstagmittag stimmten nun die Tui-Aktionäre mit 97 bis 99 Prozent den verschiedenen Schritten zu, die eine Kapitalerhöhung von insgesamt 500 Millionen Euro ermöglichen und akzeptierten zudem eine Wandelanleihe des Wirtschaftsstabilisierungsfonds, die dem Staat bis zu 25 Prozent Anteile plus eine Aktie sichern könnte. Dass die Zustimmung so hoch ausfiel, war zu erwarten gewesen. Es sei zwar, wie es unter Aktionären vorab hieß, eine "Kröte", da die Maßnahmen den Wert der Papiere der bisherigen Aktionäre verringere. Aber, auch das betonten Aktionärsvertreter, man habe sie "schlucken müssen", weil eine Insolvenz des Unternehmens in niemandes Interesse sei.

Mit den nun genommenen Hürden hat der Konzern die bereits Anfang Dezember angekündigten Gelder eines dritten Stabilisierungspakets in Höhe von insgesamt 1,8 Milliarden Euro beinahe vollständig zusammen - es fehlt nur noch die Zustimmung des Landes Niedersachsen zu einer Bürgschaft.

Das Paket, zu dem die Kapitalerhöhung gehört, ist das dritte seiner Art. Insgesamt 4,8 Milliarden Euro werden damit seit Beginn der Pandemie an Stabilisierungsmaßnahmen für den Konzern geflossen sein. Doch der Weg zu diesem Maßnahmenbündel scheint insgesamt steiniger verlaufen zu sein, als es dessen euphorische Ankündigung Anfang Dezember und die positiven Ergebnisse der vergangenen Tage vermuten lassen.

Überzeugungsarbeit an vielen Fronten

Dafür sprechen mehrere Indikatoren: Unter anderem kursierte seit wenigen Wochen unter Bundestagsabgeordneten ein Papier, das der SZ vorliegt. Darin betont der Berliner Vertreter von Tui, wie gut das Unternehmen vor der Pandemie dastand und im Anschluss dastehen werde. Abgesehen von inhaltlich streitbaren Punkten ist an der Selbstdarstellung vor allem eine Frage spannend: Wären fünf Seiten Argumente nötig gewesen, wenn vom guten Grundzustand des Unternehmens jeder in Berlin überzeugt gewesen wäre? Einige Bundestagsabgeordnete hatten jedenfalls Branchenexperten um Stellungnahmen zu dem Papier gebeten.

Dass im Hintergrund Überzeugungsarbeit nötig war, verwundert nicht: Es gab selbst aus der CDU skeptische Stimmen. Direkte Staatsbeteiligungen an privatwirtschaftlichen Unternehmen kämen in der sozialen Marktwirtschaft nur als absolute Ausnahme infrage, fand etwa Wolfgang Steiger, Generalsekretär des CDU-Wirtschaftsrates. "Bei einem Tourismuskonzern wäre dies nicht einmal als Übergangslösung darstellbar." Er warnte im Fall Tui "vor möglichen Wettbewerbsverzerrungen gegenüber kleineren mittelständischen Tourismusunternehmern". Auch aus den Reihen der Opposition war früh Kritik an neuerlicher Unterstützung laut geworden. Während auch die FDP durch einen möglichen Staatseinstieg den fairen Wettbewerb gefährdet sah, forderten die Grünen, Staatsgelder an Nachhaltigkeitsziele zu knüpfen.

Doch nicht nur im politischen Berlin musste offenbar mancher überzeugt werden. Rund eine Woche vor der Aktionärsversammlung hatte der CEO sein bereits bekanntes optimistisch-aufmunterndes Mantra sicherheitshalber nochmals wiederholt: "Der Markt war intakt und unser Geschäftsmodell war und ist zukunftsfest", betonte er in einem an die Aktionäre versandten Statement. Während der Hauptversammlung wurden denn auch rund eineinhalb Stunden lang mehr als 50 Fragenblöcke abgearbeitet, die die Aktionäre im Vorfeld einreichen konnten. Sie reichten von der schlichten Frage, warum keine Nachfragen live während der Versammlung gestellt werden konnten, über die aktuelle Liquidität bis hin zu Details der Vereinbarungen mit dem WSF.

Nun hakt es nur noch in Niedersachsen

Der einzige Punkt des Pakets, der nun noch nicht beschlossene Sache ist, betrifft die Bürgschaft aus Niedersachsen in Höhe von 400 Millionen Euro. Ausgerechnet im Bundesland, in dem das Unternehmen seinen Hauptsitz und die meisten deutschen Arbeitsplätze hat, stockt das Prozedere. Dort heißt es aus informierten Kreisen, man hätte damit gerechnet, dass der Haushaltsausschuss vor Weihnachten zusammengerufen werde, um zuzustimmen. Das ist bisher nicht erfolgt. Ob die Genehmigung der Bürgschaft beim Wirtschaftsprüfer PwC, der die Landesbürgschaften in Sachen Corona-Hilfen zuerst beurteilt, beim Kreditausschuss oder an anderer Stelle hängt, wollte das Finanzministerium nicht spezifizieren. Auch Joussen betonte bei der außerordentlichen Aktionärsversammlung auf Nachfrage, die Verhandlungen liefen noch. Die Opposition hatte in dem Bundesland laut Zweifel an der Bürgschaft geäußert. Laut dem Haushaltsausschuss-Vorsitzenden Stefan Wenzel (Grüne) widersprechen die Hilfen der Bürgschaftsrichtlinie des Landes. Die nächste reguläre Sitzung des Haushaltsausschusses steht erst für den 12. Januar an.

Dass es bei diesem dritten Paket an verschiedenen Stellen nicht so reibungslos voranging, wie das manchem in Hannover lieb gewesen wäre, dürfte miteinander zusammenhängen. Schon vor dem dritten Paket waren Forderungen nach einem stärkeren Engagement der privaten Investoren laut geworden. Die Entscheidung der Anteilseigner wiederum dürfte daran gehangen haben, wie sehr der Staat bereit ist, Geld zu investieren. Die "breite Unterstützung", die Joussen nun vermelden konnte, dürfte nach dem Prinzip "mitgefangen, mitgehangen" funktioniert haben: Jetzt, wo der Großaktionär Geld gibt, ist auch der Staat erneut dazu bereit - und die Kleinaktionäre können es zumindest einigermaßen akzeptieren. "Das Management sollte aber nun auch den künftigen Kapitalbedarf zeitnah realistisch planen, damit nicht gleich in wenigen Monaten oder gar Wochen eine ähnliche Situation eintritt und man wieder nur auf den Staat als Finanzier zurückgreifen kann", sagt Aktionärsvertreter Alexander von Vietinghoff-Scheel.

Weitere Bitten um Geld an den Staat schloss Joussen zwar am Dienstag explizit aus. Wie realistisch das ist, dürften aber vor allem die kommenden Monate zeigen. Eigentlich sind Januar und Februar die Hauptgeschäftszeit der Branche. Die Zahl der Buchungen, die Geld bringen, dürfte derzeit geringer ausfallen - weil mancher Gast noch einen Gutschein hat, den er einlösen kann, und weil die Gäste kurzfristiger entscheiden als in den Vorjahren. Hinzu kommt noch die Entwicklung der Pandemie. Obwohl all das derzeit wenig Raum für Optimismus lässt, zelebrierte Joussen am Dienstag die Hoffnung, dass "der Tourismus schnell wieder zu den Erfolgen der Vergangenheit zurückkehren" wird - auf einer Hauptversammlung, die deshalb digital stattfand, weil das, wie zu Beginn der Veranstaltung betont wurde, "die einzige verantwortbare Option sei" angesichts steigender Infektionszahlen.

© SZ/vit
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