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Nach Dammbruch:Staatsanwälte in Brasilien und Deutschland ermitteln gegen den TÜV Süd

Dammbruch Brasilien Schlammlawine

Rettungskräfte nach dem Dammbruch im Februar 2019

(Foto: Douglas Magno/AFP)

Vor einem Jahr zerbarst in Brasilien ein Staudamm, die giftige Schlammlawine tötete vermutlich 270 Menschen. Die Spuren des Unfalls reichen bis nach Deutschland.

Die Staatsanwaltschaft München I, die für große Wirtschaftsverfahren bekannt ist, arbeitet sich gerade in einen neuen, sehr grundsätzlichen Fall ein. Er wird die bayerischen Ermittler demnächst über den Atlantik nach Brasilien führen. Eine kleine Delegation aus Staatsanwälten und Polizeibeamten soll im Frühjahr im brasilianischen Staat Minas Gerais untersuchen, warum am 25. Januar 2019 ein Staudamm einer Eisenerzmine nahe der Kleinstadt Brumadinho zerbarst - und welche Rolle dabei der TÜV Süd spielte. Nach dem Dammbruch wälzte sich damals eine riesige, giftige Schlammlawine über Menschen, Tiere und Häuser. Am Ende waren 259 Menschen tot, elf weitere werden bis heute vermisst. Es war einer der größten Industrieunfälle in der Geschichte Brasiliens - und seine Spuren reichen bis nach Deutschland.

Die Staatsanwaltschaft München I geht nach einer im Oktober 2019 eingereichten Strafanzeige dem Verdacht nach, der in der bayerischen Landeshauptstadt ansässige TÜV Süd habe schwere Schuld auf sich geladen: Dessen brasilianische Filiale hatte den Staudamm 2018 als sicher zertifiziert. Gegen einen deutschen Ingenieur des Technischen Überwachungs-Vereins - der heute längst ein globaler Konzern ist - wird in München nunmehr wegen mehrerer mutmaßlicher Delikte ermittelt, darunter fahrlässige Tötung und Bestechung. Gegen einen Compliance-Manager des TÜV Süd läuft gleichzeitig ein Ordnungswidrigkeitenverfahren, das den Konzern viel Geld kosten könnte.

Die Strafverfolger in München nehmen den Verdacht, der TÜV Süd habe bei der Überprüfung des Damms versagt, sehr ernst. Ein Rechtshilfeersuchen nach Brasilien ist geplant, Ermittlungen an Ort und Stelle sollen folgen. Wie ernst die Lage ist, zeigt der Umstand, dass die Staatsanwaltschaft des brasilianischen Staats Minas Gerais kürzlich bereits ihre Ermittlungen abgeschlossen und Anklage gegen Manager und Ingenieure des Bergbaukonzerns Vale und des TÜV Süd erhoben hat, wegen möglicher Tötungs- und Umweltdelikte.

Unternehmen Schwere Vorwürfe gegen den TÜV Süd
Staudamm-Desaster

Schwere Vorwürfe gegen den TÜV Süd

Vor einem Jahr tötete in Brasilien eine Schlammlawine vermutlich 270 Menschen. Jetzt erhebt die zuständige Staatsanwaltschaft Mordanklage gegen Mitarbeiter des TÜV Süd und des Minenbetreibers.   Von Klaus Ott und Benedikt Peters

Die mehr als 460-seitige Anklageschrift aus Brasilien weist dem TÜV Süd eine maßgebliche Verantwortung für die Katastrophe zu. Der TÜV Süd sei nicht bloß Beobachter, sondern Akteur gewesen. Die Staatsanwälte benutzen einen Vergleich aus der Filmwelt: Der TÜV Süd sei nicht als Fotograf, sondern als Regisseur eines "Terror- und Suspense-Films" aufgetreten. Wegen der Aussicht auf gute Geschäfte mit dem Bergbaukonzern Vale habe der TÜV Süd seine Sorgfaltspflicht vernachlässigt. Die brasilianische Filiale des TÜV Süd hatte 2018 im Auftrag von Vale mehrere Gutachten erstellt, wonach der Damm, der zur Eisenerzmine Córrego do Feijão gehörte, sicher sei. Im Laufe des Jahres 2018 soll laut brasilianischer Staatsanwaltschaft zwischen Vale und dem TÜV Süd ein "kriminelles Verhältnis" entstanden sein, geprägt durch "Druck, Absprachen, Belohnungen und Interessenkonflikte".

Die Staatsanwaltschaft schreibt in ihrer Anklageschrift, der Konzern Vale, der zu den größten Bergbauunternehmen weltweit gehört, habe gegenüber externen Gutachtern allgemein ein System von "Peitsche und Zuckerbrot" betrieben. Wer sich als Gutachter dem Druck widersetzt habe, Staudämme zu zertifizieren, sei von künftigen Aufträgen ausgeschlossen worden. Wer sich hingegen diesem Druck gebeugt und die Anlagen zertifiziert habe, sei durch neue Aufträge belohnt worden.

Der Staudamm der Mine Córrego do Feijão galt schon länger als marode

Kritisch war diese Konstellation besonders am Staudamm der Mine Córrego do Feijão, denn dieser galt zum Zeitpunkt des Unglücks schon länger als marode. Bereits Ende 2017 kam ein Expertengremium laut Anklage zu dem Ergebnis, der Damm sei gefährdet. An dieser Besprechung soll auch ein örtlicher Mitarbeiter des TÜV Süd teilgenommen haben. Dieser Mitarbeiter zertifizierte den Staudamm aber im Jahr 2018 mehrmals als sicher. Die Staatsanwaltschaft wirft diesem Ingenieur vor, er habe dabei einen technischen Wert manipuliert, Sicherheit vorgetäuscht und damit die Behörden in die Irre geführt.

Die Mitarbeiter des TÜV Süd haben damals in internen Mails und Chats den Druck geschildert, unter dem sie sich fühlten, dem Bergbaukonzern das gewünschte Ergebnis zu liefern. So habe der Ingenieur, der die Zertifizierungen letztlich unterschrieb, einmal gefragt: "Wie immer wird uns Vale gegen die Wand werfen und fragen: Wenn er (der Damm, Anm. d. Red.) nicht besteht, werden Sie dann unterschreiben oder nicht?"

Besonders stark soll dieser Druck laut Anklageschrift im Mai 2018 gewesen sein. Damals stand demnach der nächste turnusmäßige Termin für die Zertifizierung des maroden Staudamms durch den TÜV Süd bevor. Kurz zuvor hatte Vale dem TÜV Süd einen neuen Großauftrag für interne Beratungsdienste in Aussicht gestellt. Das Volumen dieses Auftrags war deutlich höher als das für die Routinezertifizierung, es lag bei 15 Millionen Reais im Verhältnis zu drei Millionen Reais; der Kurs von Reais zu Euro ist etwa 5 zu 1. Nachdem der TÜV Süd den Staudamm dann abgenommen hatte, erhielt er offenbar auch den Großauftrag. Somit trat der TÜV Süd laut brasilianischer Staatsanwaltschaft in mehreren Rollen gleichzeitig auf - als externer, unabhängiger Gutachter, und zugleich als interner Berater des Konzerns Vale.

Dies wäre ein klarer Interessenkonflikt, den die örtlichen Mitarbeiter des TÜV Süd auch so erkannt haben sollen. Der Staatsanwaltschaft zufolge wollten die Mitarbeiter die schwierige Entscheidung darüber, wie sie mit Vale und dem mangelhaften Staudamm umgehen sollten, damals in die Hände eines deutschen Vorgesetzten legen: in die eines Münchner TÜV-Süd-Ingenieurs, der damals von Zeit zu Zeit aus Deutschland anreiste, um sich um die brasilianische Filiale zu kümmern. Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft in Brasilien soll der Deutsche gewusst haben, dass der Damm unsicher war und dass es einen Interessenkonflikt gab. Im Umfeld des TÜV Süd hingegen heißt es, der Mann habe sich nur um das Wirtschaftliche gekümmert, nicht um technische Fragen. Der Ingenieur sei jederzeit bereit, vor brasilianischen Ermittlern auszusagen. Vermutlich in München, denn in Brasilien liegt wohl ein Haftbefehl gegen ihn vor.

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