Dammbruch in Brasilien:Tausend Kläger gegen den TÜV Süd

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Dammbruch in Brasilien: Die Verwüstung nach der Katastrophe: 270 Menschen starben im Januar 2019, als ein Damm nahe der brasilianischen Kleinstadt Brumadinho brach.

Die Verwüstung nach der Katastrophe: 270 Menschen starben im Januar 2019, als ein Damm nahe der brasilianischen Kleinstadt Brumadinho brach.

(Foto: Douglas Magno/AFP)

Vor drei Jahren barst ein Damm in Brasilien, eine giftige Schlammlawine wälzte sich über Menschen, Häuser, Tiere. Nun fordern Angehörige von Opfern und Überlebende mehr als 400 Millionen Euro vom Prüfkonzern TÜV Süd.

Von Klaus Ott und Nicolas Richter

Die Liste des Leids, die dem Landgericht München I vorliegt, ist 1151 Seiten lang und enthält fast genauso viele Namen. 1112 Menschen aus dem Bundesstaat Minas Gerais in Brasilien verklagen den TÜV Süd auf 436 Millionen Euro Schadenersatz. Die Klägerinnen und Kläger sind vor allem Angehörige von Opfern einer Katastrophe, die sich fast auf den Tag genau vor drei Jahren in Minas Gerais ereignet hat: Am 25. Januar 2019 war der Staudamm einer Eisenerzmine nahe der Kleinstadt Brumadinho geborsten, eine riesige, giftige Schlammlawine begrub Menschen, Tiere und Häuser. Mit 270 Toten war es einer der größten Industrieunfälle in der Geschichte Brasiliens - und seine Spuren reichen bis nach Deutschland.

Der TÜV Süd, ein in München ansässiger, aber weltweit tätiger Überwachungs- und Prüfkonzern mit 2,5 Milliarden Euro Jahresumsatz, soll mitverantwortlich sein für die Katastrophe. Eine brasilianische Filiale des TÜV Süd hatte den Staudamm noch 2018 als sicher zertifiziert - fälschlicherweise, wie in der Klageschrift behauptet wird. Die Prüfer müssten deshalb Schadenersatz zahlen. Der TÜV Süd weist seit Jahren alle Vorwürfe zurück.

Schadenersatz fordern 836 Bewohner der Region Minas Gerais, die bei der Katastrophe nahe Angehörige verloren haben. Hinzu kommen Überlebende des Unglücks, die damals verletzt wurden oder deren Eigentum in der Schlammlawine unterging oder beschädigt wurde. Was sie geltend machen, summiert sich auf insgesamt 436 Millionen Euro. Hinzu kommen weitere Ansprüche vor allem der Gemeinde Brumadinho, die noch nicht beziffert sind.

Die Klage ist eine massive Erweiterung eines bereits beim Landgericht München I anhängigen Verfahrens. Dort forderten bislang sechs Angehörige eines Todesopfers und die Gemeinde Brumadinho Schadenersatz vom TÜV Süd, eine erste Gerichtsverhandlung dazu hatte im September 2021 stattgefunden. Das Landgericht hat die Erweiterung der Klage bereits für zulässig erklärt.

Der TÜV Süd weist alle Anschuldigungen zurück

"Wir sind zuversichtlich, dass noch in diesem Jahr ein Urteil ergehen wird", sagt der Hamburger Anwalt Jan Erik Spangenberg. Er vertritt die 1112 Klägerinnen und Kläger gegen den TÜV Süd. Dieser könne sich "seiner Verantwortung für den Tod von 270 Menschen und die massive Umweltzerstörung nicht länger entziehen". Falsche Stabilitätserklärungen einer brasilianischen Konzerntochter hätten den Weiterbetrieb des Dammes und des Bergwerks ermöglicht, sagt Spangenberg.

Der TÜV Süd, für den es um viel Geld, aber auch um den Ruf geht, weist alle Anschuldigungen zurück. Bereits vor und bei der ersten Gerichtsverhandlung im vergangenen September hatte der Konzern zahlreiche Einwände gegen die Klage erhoben. Der TÜV Süd erklärt, es gebe keinen Zusammenhang zwischen dem Gutachten zum Staudamm und der Katastrophe. Selbst wenn die lokalen Prüfer den Damm offiziell für unsicher erklärt hätten, hätten der dort tätige Bergbaukonzern Vale und die Behörden in Brasilien keine zusätzlichen Maßnahmen ergriffen, mit denen der Dammbruch verhindert worden wäre. Auch wäre die Gegend unterhalb des Damms nicht evakuiert worden, so der TÜV Süd. Die Münchner verweisen auch darauf, dass die Gemeinde Brumadinho und Familien von Opfern bereits Geld von Vale erhalten oder von der brasilianischen Justiz Schadenersatz zugesprochen bekommen hätten.

Bei der Verhandlung im September 2021 hatte das Landgericht München I gefragt, ob es denn schlimm wäre, wenn die Opfer auch vom TÜV Süd noch etwas bekämen. Nein, schlimm wäre das nicht, antwortete ein Anwalt des TÜV Süd - aber für eine Entschädigung brauche man einen Schaden, und der werde ja schon durch den Betreiber des Damms ausgeglichen. Die Kläger hingegen befürchten, dass die vielen Opfer in Brasilien noch jahrelang für eine Entschädigung streiten müssen. Da sei es eben besser, zwei Schuldner zu haben als nur einen.

In einem bei Gericht eingereichten Schriftsatz vom März 2020 hatte der TÜV Süd bereits akribisch vorgerechnet, was Angehörige von Opfern in Brasilien von Vale bekämen. Außerdem habe der Bergbaukonzern Investitionen in den Umweltschutz und die öffentliche Infrastruktur angekündigt und mit der Umsetzung des Programms bereits begonnen. Dazu gehöre auch der Bau neuer Straßen zum Abtransport des Schlamms. Eineinhalb Jahre später, als die Münchner Justiz den Fall erstmals verhandelte, waren aber noch längst nicht alle Schäden beseitigt. Avimar de Melo Barcelos, der Bürgermeister von Brumadinho, sagte vor Gericht, die Deutschen sollten kommen und sich das anschauen.

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