Lira Erdoğans Finanzallüren werden für die Türkei zum Problem

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan bei einer Rede.

(Foto: AP)
  • Der türkische Staatspräsident Erdoğan geht mehr und mehr auf Konfrontationskurs mit den internationalen Finanzmärkten.
  • Der Zeitpunkt ist gefährlich: Die Lira stürzte zuletzt mehrmals ab und die Märkte sind wegen der anstehenden Kommunalwahlen nervöser als sonst.
Von Victor Gojdka

Normalerweise interessiert sich kaum jemand dafür, wenn der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan vor etwa zwanzig Heranwachsenden eine Rede hält. Doch an diesem Donnerstag gingen die Worte des Staatspräsidenten um die Welt. Westliche Länder wollten die Türkei "mit einer Währungsattacke in die Falle locken", zeterte Erdoğan. "Die Banken spielen ein Spiel mit der türkischen Lira."

Der Staatspräsident geht mit dieser Aussage auf Konfrontationskurs mit den internationalen Finanzmärkten. Erdoğan mimt den starken Mann, während die türkische Lira gerade einen Schwächeanfall erleidet: Seit einigen Tagen frisst sich die Panik durch den türkischen Finanzmarkt. Am vergangenen Freitag stürzte die türkische Landeswährung in die Tiefe, am Mittwoch dieser Woche sackten dann die türkischen Börsen ab. Nur einen Tag später knickte die türkische Landeswährung abermals ein. Mussten Türken für einen Dollar Anfang des Monats nur 5,45 Lira hinlegen, müssen sie nun 5,60 Lira berappen. Was für Normalbürger nach einer Petitesse klingt, ist bei Profis am Devisenmarkt ein Schocker. Mit seiner Rhetorik gießt Erdoğan nun zusätzliches Öl ins Feuer.

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Es war eine ziemlich versteckte Zahl, die das Finanzbeben am Bosporus vor etwa einer Woche ausgelöst hatte. Hedgefonds hatten in Statistiken der Zentralbank Erstaunliches erspäht: Die türkische Zentralbank hatte Milliarden an Währungsreserven in Fremdwährungen abverkauft. Einen Teil davon, mutmaßten die Finanzspezialisten, könnte die Türkei in ihre eigene Währung schieben - und mit solchen Milliardensummen deren Kurs stützen. Ein Alarmsignal für viele Experten. "Außerdem stehen in dem Land bald Kommunalwahlen an", sagt Türkeiexperte Sebastian Kahlfeld von der Fondsgesellschaft DWS. Und dann ist der Markt sowieso nervös.

Erdoğan bringt diese Panik am Devisenmarkt in die Klemme. Wertet die eigene Währung ab, treibt das die Preise im Land. Nur wenige Tage vor den Kommunalwahlen diesen Sonntag wäre das eine Hiobsbotschaft für den Präsidenten, der insbesondere in manchen größeren Städten eine Wahlschlappe fürchtet.

Der Staatspräsident entschied sich daher für den Angriffsmodus. Schon am Wochenende polterte er, dass böswillige Investoren einen "sehr hohen Preis" würden zahlen müssen. Am Sonntag dann verkündete die Türkei Ermittlungen gegen die amerikanische Großbank JPMorgan. Die skeptische Analyse zweier Währungsexperten in Sachen Lira sei "irreführend und manipulativ", hieß es von der türkischen Bankenaufsicht. "Erdoğan schiebt die Misere jetzt den Finanzmärkten in die Schuhe", sagt Janis Hübner, Türkeiexperte der Deka-Bank.

Für manche Banker wurden die Lira-Querelen richtig schmerzhaft

Anfang dieser Woche dann packte Erdoğan offenbar größeres Besteck aus: Manche internationale Finanzinvestoren, die sich dringend Lira leihen mussten, konnten sich damit nicht eindecken - und waren aufgeschmissen. Der Grund: Türkische Banken seien angewiesen worden, ihnen keine Lira mehr zur Verfügung zu stellen, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. Damit wollten die Behörden Spekulationen auf einen Fall des Kurses erschweren, für die sich Investoren üblicherweise Lira leihen müssen. Auch an einem speziellen internationalen Geldmarkt schossen die Leihgebühren für Lira in astronomische Höhen, er trocknete deshalb effektiv aus. "Die Kosten wurden für Investoren einfach richtig schmerzhaft", sagt Kiran Kowshik, Experte bei der Bank Unicredit.

In dieser Woche kassierte Erdoğan schließlich die Quittung für solche Muskelspiele: Anleger schlugen massenhaft türkische Staatsanleihen aus ihren Depots. Die Risikoaufschläge auf die besonders wichtigen zehnjährigen Staatsanleihen stiegen in der Spitze um zwei Prozentpunkte. Wer sich gegen einen Zahlungsausfall solcher Anleihen versichern will, muss nun deutlich mehr Geld auf den Tisch legen. Die Panik an den Anleihemärkten sprang dann auch auf die Aktienbörsen über, der türkische Leitindex ISE National 100 krachte seit Freitag rund elf Prozent in die Tiefe.

Erdogans Finanzallüren werden für das Land dabei zunehmend zum Problem. Kein ausländischer Investor möchte bei solchen Anfeindungen Geld in das Land investieren. "Dabei ist die Türkei genau darauf dringend angewiesen", sagt Deka-Banker Hübner. Denn die Türkei führt mehr Produkte aus dem Ausland ein als sie selber exportiert und braucht deswegen laufend ausländische Währung, um ihre Rechnungen begleichen zu können. Zugleich zittern internationale Investoren vor möglichen Sanktionen der USA, da die Türkei ausgerechnet ein russisches Raketensystem kaufen will. Sollte der Bannstrahl Washingtons das Land am Bosporus treffen, könnte die Lira-Krise noch deutlich gravierendere Ausmaße annehmen.

Auch die türkischen Bürger kündigen Erdoğans Währungspolitik zunehmend die Loyalität: Vor Monaten hatte er sie aufgefordert, Dollarersparnisse in Lira zu tauschen. Inzwischen halten sie fast die Hälfte ihrer Ersparnisse jedoch in ausländischen Währungen.

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