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Wirtschaftskrise:Braucht die Türkei ein neues Wirtschaftsmodell?

Ein deutscher Unternehmer, der schon lange in der Türkei tätig ist, sagt: "Die Türkei ist an Währungsschwankungen gewöhnt, und exportorientierte Firmen haben auch durchaus Vorteile, wenn der Wert der Lira sinkt." Seinen Namen will der Mann jetzt nicht in der Zeitung lesen. Die Spannungen im deutsch-türkischen Verhältnis, die 2017 ihren Höhepunkt erreichten, haben auch viele Unternehmer verunsichert. Trotzdem scheinen die Geschäfte nicht schlecht zu laufen: Deutschland ist für Exporte aus der Türkei immer noch die erste Adresse, im Juni gingen Waren im Wert von 1,1 Milliarden Euro von der Türkei nach Deutschland. An zweiter Stelle stand Großbritannien, mit Exporten für 766 Millionen Euro. Die türkischen Exporte legten zuletzt wieder deutlich zu, aber auch das Außenhandelsdefizit wuchs: in den ersten sechs Monaten auf 35 Milliarden Euro, das ist eine Steigerung um 31 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Viele Firmen, die in der Türkei produzieren, müssen Rohmaterial einführen und in Devisen bezahlen. Auch die Energiekosten werden immer höher. Das belastet die Bilanzen. Es gibt noch andere Risikofaktoren: Die Türkei, so sagen viele Experten, brauche dringend ein anderes Wirtschaftsmodell. Das Wachstum war im ersten Quartal mit 7,4 Prozent zwar immer noch sehr hoch. Şimşek sagt gern, wäre die Wirtschaft seit der Republikgründung so stark gewachsen wie in den Jahren der AKP-Regierung seit 2002, läge sein Land weltweit auf Rang sieben und nicht auf Platz 13. Aber das Wachstum sei viel zu einseitig auf den Konsum und auf den Bausektor ausgerichtet, sagen die Kritiker. Das Land investiere auch viel zu wenig in sein Bildungssystem. Die Universitäten stehen unter politischem Druck, Studenten wurden nach Protesten festgenommen. Anklagen wegen "Terrorismus" scheinen oft willkürlich. Nach dem Putschversuch im Juli 2016 wurden viele Professoren entlassen.

Die Türken spüren höhere Preise

Der größte Industrieverband, TÜSİAD, hat vor den Wahlen die Aufhebung des Ausnahmezustands verlangt. Erdoğan hat dies nun zugesagt, für Mitte Juli. Aber der Präsident hat künftig so viel Macht, dass er am Parlament vorbeiregieren kann. Daron Acemoğlu, Professor für angewandte Ökonomie am Massachusetts Institute of Technology (MIT), stammt aus Istanbul, er sagte der regierungskritischen Zeitung Cumhuriyet: "Die Türkei kann abstürzen." Ohne Freiheit gebe es kein gesundes Wachstum, "der Druck auf die Menschen muss nachlassen." Von Acemoğlu hieß es zuvor in türkischen Medien, er könnte auch ins neue Kabinett eintreten. Nach seinen Interview dürfte der Professor aber kaum vorhaben, nach Ankara umzuziehen.

Emre Deliveli sagt, "auch wenn die Opposition die Wahl gewonnen hätte, sie hätte mit den selben ökonomischen Problemen zu kämpfen gehabt". Die regierungsnahe Zeitung Sabah freute sich am Montag schon, dass die Lira seit den Wahlen nicht weiter abgerutscht ist. Nach Bekanntwerden der neuen Inflationsrate verlor sie dann doch erst einmal wieder deutlich.

Im Alltag spüren die Türken die Preissteigerungen auf Schritt und Tritt: im Supermarkt, bei den Mieten, auf dem Weg von einer Seite der Stadt auf die andere. Wer im Eurasien-Tunnel den Bosporus unterquert, muss für sein Auto nach einer neuen Erhöhung jetzt 23,30 Lira zahlen (4,29 Euro), die einfache Strecke, in der vergangenen Woche waren es noch 19,20 Lira. Der Tunnel ist eines von Erdoğans Vorzeigeprojekten. Wie die dritte Brücke in Istanbul wurde er von einem privaten Konsortium gebaut, mit Staatsgarantie. 25,6 Millionen Fahrzeuge würden den Tunnel im Jahr nutzen, versprach der Staat. Es sind weniger als zehn Millionen. Der Staat zahlt die Differenz - kein gutes Geschäft.

© SZ vom 05.07.2018/been/vit

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