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Türkei:Erdoğan steigt auf, die Türkei steigt ab

Turkish President Erdogan addresses during an attempted coup in Istanbul

Der Aufstieg des türkischen Präsidenten war auch mit seiner Wirtschaftspolitik verbunden. Doch die Zeiten des Aufschwungs sind vorbei.

(Foto: REUTERS)

Den Präsidenten interessiert gerade nur eines: seine Macht. Der wirtschaftliche Aufschwung ist Geschichte. Im Land herrscht ein Klima der Angst.

Der politische Aufstieg von Recep Tayyip Erdoğan und seiner islamisch-konservativen AKP ist mit einem bemerkenswerten wirtschaftlichen Aufschwung für die Türkei verbunden gewesen. Die ersten Jahre unter Erdoğan waren golden: Bald gab es "anatolische Tiger" zu bewundern, graue Provinzhauptstädte im Hinterland, in denen nun auch das große Geschäft gemacht wurde. Erdoğans Regierung sanierte die Banken, er lockte ausländische Investoren, er pumpte Milliarden in die Infrastruktur.

Der heutige Staatspräsident erfand mit seinen Megaprojekten wie dem Bosporus-Tunnel oder dem im Bau befindlichen dritten Flughafen in Istanbul ein neues Narrativ für seine Türkei als Wirtschaftswunderland. Jenseits seines Gigantismus fand die Türkei die ersehnte politische Stabilität. All dies: Vergangenheit.

Erdoğans Aufstieg und das Wachstum des Landes haben sich voneinander entkoppelt - mit schwerwiegenden Folgen für die Türkei. Politisch steht der Staatspräsident vor dem Höhepunkt seiner Macht. Wirtschaftlich geht es der Türkei aber so schlecht wie lange nicht mehr.

Erdoğan strebt den Wechsel vom parlamentarischen System zum Präsidialsystem an, formal kürt er sich damit zum Alleinherrscher. Faktisch regiert er heute schon so. In diesen Tagen berät das Parlament über die dafür nötigen Verfassungsänderungen. Die Märkte honorieren die Entwicklung nicht. Der machttrunkene Erdoğan scheint ihnen unheimlich geworden zu sein.

Am Mittwoch wurden an den Wechselstuben für einen Euro vier türkische Lira ausbezahlt. Die Landeswährung steht seit Monaten unter Druck und verliert an Wert. Und immer dann besonders, wenn Erdoğan seinem Machtziel ein Stück näher kommt. In einem Jahr hat die Währung etwa 20 Prozent an Wert verloren, aller hastig eingeleiteten Gegenmaßnahmen zum Trotz. Am Dienstag erst hatte die Notenbank etwa 1,4 Milliarden Euro ins Finanzsystem gepumpt.