Türkei Die Lage ist unsicher, das Misstrauen groß

Deutsche Unternehmen halten sich mit Investitionen in der Türkei zurück. Noch schreiben sie das Land nicht ab. Wie lange noch?

Von Anna Dreher

Die meisten Reisenden haben für die Reise in die Türkei Shorts und Sonnencreme in ihre Koffer gepackt. Als Urlaubsziel war das Land in Deutschland lange beliebt. Unter den Fluggästen waren aber auch immer jene, die statt Shorts und Sonnencreme Akten mitgenommen haben. Die Türkei und Deutschland, das war immer auch eine Geschäftsbeziehung, eine erfolgreiche noch dazu.

Seit einer Reihe von Terroranschlägen, dem vereitelten Putschversuch und dem verhängten Ausnahmezustand in der Türkei aber sind Urlauber verunsichert, die Zahl der ausländischen Touristen ist stark zurückgegangen. Auch in der Wirtschaft ist diese Unsicherheit zu spüren. Die Lira hat an Wert verloren, die Kurse an der Istanbuler Börse sind eingebrochen und ausländische Investoren halten sich zurück, auch aus Deutschland.

Die landesweiten Enteignungen türkischer Unternehmen, die in manchen Fällen der von dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan so verhassten Gülen-Bewegung nahestehen sollen, und die vielen antiwestlichen Äußerungen Erdoğans haben das Image des Wirtschaftsstandortes beschädigt. "Die Ereignisse der vergangenen Monate haben zu einer besonderen Form der Unruhe und zu einem großen Vertrauensverlust geführt", sagt Volker Treier, Außenwirtschaftschef der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK). "Das ist in dieser Form noch nie da gewesen."

Deutschland ist der größte ausländischer Investor

Deutschland gehört zu den wichtigsten Handelspartnern und ist nach den Niederlanden der größte ausländische Investor in der Türkei. Das Handelsvolumen erreichte 2015 den Rekordwert von 36,8 Milliarden Euro. Die türkischen Exporte nach Deutschland stiegen im Vergleich zum Vorjahr um 8,4 Prozent auf 14,4 Milliarden Euro. Aus Deutschland importiert wurden mit 22,4 Milliarden Euro sogar 16 Prozent mehr. Etwa 6700 deutsche Unternehmen sind nach Angaben der Handelskammer mit Niederlassungen und Produktionsstandorten mit 120 000 Angestellten in der Türkei vertreten.

Die wirtschaftlichen Beziehungen sind schon lange eng. Der türkische Markt ist wegen seiner geografischen Lage und den Kontakten in die Arabische Welt, nach Afrika und Asien wichtig für deutsche Unternehmen. Seit dem Putschversuch im Sommer 2016 aber hat sich diese früher so stabile Beziehung verändert. Mit jeder Äußerung Erdoğans scheint sie fragiler zu werden. Während manche von einer rein diplomatischen Krise sprechen, zeigt sich längst, dass die politische Lage auch Wirkungen auf die Wirtschaft hat.

Ein VW-Käfer mit türkischer Beflaggung in Istanbul. Deutsche Konzerne schätzten bisher die Türkei als Markt und als Bindeglied zwischen Ost und West.

(Foto: Petros Karadjias/AP)

Mitte Januar hatte die Ratingagentur Standard & Poor's die Türkei zu einem Hochrisiko-Land erklärt, ebenso haben es die beiden anderen führenden Rating-Agenturen Fitch und Moody's gemacht. Erdoğan reagierte darauf, wie er in den vergangenen Monaten oft reagiert hat: aggressiv, laut, selbstbewusst. Er beschwerte sich, sprach von Türkenfeindlichkeit und politischer Motivation. "Wir sind doch gar nicht dein Mitglied, was geht es dich an?" sagte Erdoğan nach Veröffentlichung der neuen Einschätzung der Kreditwürdigkeit seines Landes an Standard & Poor's gerichtet im türkischen Parlament. Die türkische Wirtschaft werde nicht einbrechen, weil man vorbereitet sei.

Etwas anderes von Erdoğan zu hören, hätte überrascht. Zumal der Politiker in seinen elf Jahren als Premierminister das Pro-Kopf-Einkommen verdreifachte und das Wirtschaftswachstum zu seinem besten Argument machte. Diese Fakten aber sprechen nicht mehr für ihn.

Direktinvestitionen in die Türkei aus dem Ausland sind im Vergleich der beiden ersten Halbjahre 2015 und 2016 um 44 Prozent auf 4,4 Milliarden Dollar zurückgegangen. Dass der Kapitalzufluss aus Deutschland hingegen im gleichen Zeitraum um 21 Prozent auf 430 Millionen Dollar gestiegen ist, liegt daran, dass diese Investitionen schon lange geplant waren. "Die Statistik ist verzerrt", sagt Türkeiexperte Treier. Andere deutsche Unternehmen hätten sich wegen der politischen Ereignisse gegen solche Investitionen entschieden. "Die derzeitige Lage ist vielen zu unsicher und das Misstrauen in die dortige Politik groß".

In einer Umfrage der DIHK unter 2200 Unternehmen, die mit der Türkei in Geschäftsbeziehungen stehen, hat sich diese Unsicherheit im Vergleich der Wirtschaftsregionen gezeigt: 43 Prozent der Befragten schätzten die Lage als schlecht, nur 17 Prozent als gut ein. In der Eurozone hingegen liegen diese Werte bei fünf und 59 Prozent. "Die Beziehungen zwischen den Geschäftspartnern sind prinzipiell aber noch gut", so Treier. Die Produktivität und Motivation türkischer Mitarbeiter sei sehr hoch.

Der deutsche Technologiekonzern Bosch, der schon 1910 in die Türkei kam, hat dort inzwischen mehr als 17 000 Mitarbeiter an acht Standorten. Neben Fahrzeugkomponenten werden Elektrowerkzeuge, Hausgeräte und Gasthermen gefertigt. "Für das weltweite Geschäft der Bosch-Gruppe ist die Türkei ein wichtiger Fertigungs- und Exportstandort sowie ein attraktiver Absatzmarkt", sagt ein Unternehmenssprecher. "Wir verfolgen die Entwicklungen im Land und evaluieren die möglichen Auswirkungen auf unsere Mitarbeiter und unser Geschäft." Derzeit seien aber keine Auswirkungen spürbar und auch die Umsatzentwicklung werde stabil erwartet: "Vorausgesetzt, die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ändern sich nicht wesentlich."

Die Deutsche Post DHL Group ist seit mehr als 35 Jahren auf dem türkischen Markt vertreten und hat 2014 angekündigt, bis 2019 etwa 100 Millionen Euro im türkischen Markt einzusetzen. Es gebe keine Pläne, diese Investitionspolitik zu verändern, so ein DHL-Sprecher. Andere deutsche Firmen wie Zeiss, Beiersdorf, Deichmann, Haribo und Siemens halten besondere Änderungen auf dem türkischen Markt bisher nicht für notwendig. Die politische Entwicklung der Türkei als Markt mit langfristigem Wachstumspotenzial werde aber weiter beobachtet. Unabhängig von der momentanen politischen Entwicklung, sagt ein Sprecher von Siemens, bleibe die Türkei jedoch ein attraktiver Markt. Während die meisten deutschen Firmen sich mit Äußerungen zur Politik zurückhalten, äußert der Stuttgarter Automobilzulieferer Mahle immerhin einen Wunsch: Ein stabiles politisches Umfeld sowie stabile Beziehungen zu Europa. "Das sind die Voraussetzungen für ein langfristiges, erfolgreiches wirtschaftliches Engagement", sagt ein Sprecher.

Dass sie langfristige wirtschaftliche Engagements aller aggressiven Rhetorik zum Trotz für Wachstum und Wohlstand braucht, dürfte der Regierung Erdoğans bewusst sein. Eine Politik gegen den Westen führt am Ende zum Verlust des Kapitals ausländischer Investoren. Erdoğan weiß aber auch, dass kein Unternehmen überstürzt Produktionsstandorte abreißen wird, die es sich in Jahrzehnten aufgebaut hat und dass viele das vorerst auch gar nicht wollen.