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TU München:Rockstars aus Garching

Mit dem Geld von Unternehmen entstand an der Stadtgrenze von München ein Gründerzentrum. Die Start-ups sind außergewöhnlich erfolgreich, und arbeiten sogar mit Elon Musk zusammen.

Die Zukunft riecht nach verkohltem Holz. "Die Laser-Cutter sind auf Wochen ausgebucht. Ohne Anmeldung geht gar nichts", sagt Lana Handy, 26. Auf den Maschinen lassen sich Sperrholzplatten und Kunststoffe zuschneiden und gravieren. Die schlichten Holzplatten sind der Stoff aus dem Prototypen gebaut werden. Große Träume nehmen auf den Laser-Cuttern erstmals Gestalt an. An den Maschinen sitzen zwei junge Männer, sie sehen nur kurz auf. "Ein Slot ist auf vier Stunden begrenzt", sagt Handy. Sie führt durch den Maker Space, die Hightech-Werkstatt der Unternehmertum, so heißt das Zentrum für Innovation und Gründung an der Technischen Universität München (TUM) in Garching. Es gehört nicht zur Universität. Es ist eine eigene Welt, eine Welt, in der gute Ideen gedeihen sollen.

Handy hat Internationale BWL und Wirtschaftsinformatik studiert. Seit ein paar Monaten kümmert sie sich um die Leute, die die Werkstatt nutzen wollen. Es sind nicht nur Studenten, jeder darf dort arbeiten. Handy geht weiter zu den 3D-Druckern. Auf einem kleinen Tisch stehen ein paar Exemplare der letzten Produktion: Albert Einstein aus dunkelblauem Kunststoff. Ein paar Meter weiter schraubt Felix Seibel, 28, an einer Transportkiste für ein Lastenfahrrad. Seibel studiert Maschinenbau und Management. Den Auftrag für das E-Bike kommt von den Münchner Verkehrsbetrieben (MVG), betreut werden Seibel und seine Mitstreiter vom Lehrstuhl für Produktentwicklung der Fakultät Maschinenwesen. Seibel ist für die Systemarchitektur zuständig und unterstützt den Bau des Prototypen. Solche Projekte sind Teamarbeit. Gründen ist eine Mannschaftsleistung. Auch das lernen die Gründer an der Unternehmertum, wie man gut zusammenarbeitet.

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Illustration: Stefan Dimitrov

"Auf dieser Projektfläche wurden auch die ersten beiden Versionen der Hyperloop-Kapsel gebaut", erzählt Linda Handy. Ein weißes Blatt am Fenster weist darauf hin. Handy klingt fast ehrfürchtig, als stünde sie gerade an einem Ort, der einmal zu einer Gedenkstätte werden könnte. Der Hyperloop ist das Konzept eines Hochgeschwindigkeitszugs. Erdacht hat es der US-Seriengründer Elon Musk, 46. Wenn es nach ihm geht, sollen irgendwann Menschen und Güter in Kapseln mit Schallgeschwindigkeit durch Röhren von Stadt zu Stadt reisen. Auf dem Gelände von SpaceX in der Wüste im US-Bundesstaat Nevada hat Musk eine Teststrecke aufgebaut.

Tag und Nacht haben die Studenten des Warr-Teams im Maker Space an ihrer Kapsel gearbeitet. "Die erkannte man immer an den dunklen Augenringen", sagt Handy. Zwei Mal war das Team schon in den USA, um mit der Kapsel gegen andere studentische Teams anzutreten. Immer war ihr Gefährt am schnellsten. Ende August raste es mit 324 Kilometer die Stunde durch die 1,25 Kilometer lange Röhre. Auf Youtube sind Videos zu sehen. Sie zeigen die Studenten aus München an der Teststrecke. Alle tragen dunkelblaue Polo-Shirts mit den Kürzeln TUM und Warr für "Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft für Raketentechnik und Raumfahrt". Catriona Bruce war auch doch. Sie hat Musk kennengelernt. "Das ist ein cooler Typ", sagt sie. Bruce arbeitet an der Entwicklung des Antriebs mit. Im Maker Space bauen sie nun die dritte Kapsel.

Den Grundstein legte 2002 Susanne Klatten, die Großaktionärin von BMW

Der Erfolg des Warr-Teams ist auch ein Erfolg für die Unternehmertum. In dem vergangenen 15 Jahren hat es sich zum perfekten Lebensraum für Gründer entwickelt. Alle lernen voneinander: Studenten, Absolventen, Unternehmer, Wissenschaftler, Investoren, Berater. "Das ist hier keine Einbahnstraße", sagt Handy. Den Grundstein legte 2002 die Unternehmerin Susanne Klatten, 55. Sie ist Großaktionärin des Auto-Konzerns BMW. Über ihre Beteiligungsgesellschaft Skion hält sie mehr oder weniger große Anteile am Chemiekonzern Altana, am Carbonspezialisten SGL Group und am Windturbinenhersteller Nordex. Klatten gehört die Unternehmertum GmbH, um die sich herum in den vergangenen Jahren weitere Firmen angesiedelt haben: die Werkstatt Maker Space, ein Risikokapitalgeber und eine Beratungsfirma. Es gibt Angebote wie Startup Talents, eine Gruppe im sozialen Netzwerk Linkedin, es gibt die Entrepreneurs Night, einen Inkubator im Entrepreneurship Center in Garching mit Büros und Arbeitsplätzen und viele Pitchs. Gründen ist ein Wettkampf. Ein paar Millionen Euro sind in das Gründerzentrum geflossen, nicht nur das Geld von Susanne Klatten. Es beteiligen sich auch andere Firmen, wie SAP oder Conti. Manche geben als Sponsor oder Stifter Geld, andere wie Formlab, Shop Bot Tools, Bosch oder Felder stellen Maschinen für die Werkstatt.

6500 Start-ups

So viele Unternehmen gibt es dem Bundesverband Deutsche Startups zufolge in Deutschland, die in die Kategorie "Start-up" fallen. Dabei gibt es keine einheitliche Definition für Start-up. Der Bundesverband versteht darunter Firmen mit innovativen Produkten oder Dienstleistungen, meist technologiebasiert, die jünger als fünf Jahre sind. Start-ups werden meist im Team gegründet. Die meisten dieser jungen Firmen, etwa ein Drittel von ihnen, sitzen in Berlin. Insgesamt arbeiten hierzulande schätzungsweise 117 000 Menschen in Start-ups.

"Als wir anfingen, gab es in Deutschland noch keine Gründerszene", sagt Helmut Schönenberger, 45, Geschäftsführer und Mitgründer der Unternehmer-TUM GmbH: "Susanne Klatten hat eine Mission. Sie möchte die nächste Generation von Unternehmern auf den Weg bringen und dabei unterstützen, sie groß zu machen." Es ist auch die Mission von Schönenberger. Zur ersten Veranstaltung kamen 30 Studenten, erinnert er sich. Einer von ihnen war Robert Maier, Mitgründer von Roding Automobile. Die Firma stellt Sportwagen mit Chassis aus kohlefaserverstärkten Kunststoffen her. "Früher waren Gründer Exoten", sagt Schönenberger. Das hat sich erst mit der Zeit geändert. Richtig gut läuft es seit fünf Jahren. Dazu haben auch Männer wie Elon Musk und Mark Zuckerberg (Facebook) beigetragen. "Gründer sind heute Rockstars", sagt Schönenberger: "Die besten Talente wollen heute gründen, weil sie merken, dass sie mit den eigenen Ideen schnell einen großen Impact erreichen können." Wie viel Start-ups schon aus dem Unternehmertum hervorgebracht hat, kann Schönenberger nicht sagen. Nicht alle Teilnehmer an Programmen wie Manage & More oder Think Make Start gründen gleich. Viele Studenten von der TU München, aber auch anderen Universitäten, lernen sich dort erst kennen und gründen später. "Manche werden hier nur mit dem Gründergeist infiziert."

Schönenberger kann viele Erfolgsgeschichten erzählen - von Start-ups wie Flixbus, die längst erwachsen sind, und anderen, die erst groß werden wollen. Es sind Firmen wie Konux. Die Gründer Dennis Humhal, Andreas Kunze und Vlad Lata haben sich 2014 an der TU München kennengelernt. Das Unternehmen hat Sensoren entwickelt, auf Basis der mit ihrer Hilfe gesammelten Daten können Maschinen und Anlagen vorausschauend gewartet werden, bevor ein Problem auftaucht. Oder Lilium, das Start-up von Daniel Wiegand, Sebastian Born, Matthias Meiner und Patrick Nathen. Es hat ein senkrecht startendes Elektrojet entwickelt. Die Firma ist erst zwei Jahre alt und hat bei Investoren schon 100 Millionen Euro eingesammelt.

Deutschland muss sich nicht hinter den USA verstecken, aber mehr Gas geben

Oder Pro Glove. Das Unternehmen hat einen intelligenten Handschuh entwickelt. Auf dem Handrücken sitzt ein Scanner, er liest Strich- oder QR-Codes aus. Damit sich lassen sich in der Montage oder im Lager Teile und Waren schneller handeln. Anders als bei einem Handscanner, muss die Arbeit nicht unterbrochen werden. Das spart bis zu fünf Sekunden pro Scan. "Einige Tausend Handschuhe haben wir schon verkauft", sagt Hans-Christian Sittig, der Industriedesigner. Er sitzt im Vorraum des Maker Space. "Drüben in der Werkstatt haben wir unseren ersten Handschuh gebaut", sagt Sittig. Eines der frühen Exemplare liegt noch in dem hohen Regal vor der Eingangstür, das aussieht wie ein Setzkasten mit Erinnerungsstücken. "Wir sind hier sehr gecoacht worden", sagt Sittig. Das Team habe von Anfang an Kontakte zu Unternehmen gehabt wie BMW oder Festo. Die Nähe zum Markt sei wichtig gewesen. "Wenn die Leute ein Produkt nicht mögen, wird es sich auch nicht verkaufen", sagt Sittig.

Schönenberger ist stolz auf jedes einzelne Unternehmen. "Deutschland muss sich nicht hinter den USA verstecken", sagt er: "Aber wir müssen noch mehr Gas geben." Dafür müssten Studenten, Wissenschaftler und Unternehmer ihre Vorurteile und Animositäten überwinden, rät er. Es muss noch viel mehr Gründerzentren geben. "Das ist ein Kraftakt für die deutsche Volkswirtschaft, aber er lohnt sich."

© SZ vom 15.11.2017