Nicola Leibinger-Kammüller, 65, führt seit zwei Jahrzehnten das Ditzinger Maschinenbauunternehmen Trumpf. Das Familienunternehmen macht Werkzeugmaschinen, Lasertechnik und Elektronik für die Industrie, die Geschäfte laufen derzeit aber schlecht. Im vergangenen Geschäftsjahr verzeichnete Trumpf einen Millionenverlust. Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung auf dem SZ Wirtschaftsgipfel sprach Leibinger-Kammüller über das Führen in unberechenbaren Zeiten.
Süddeutsche Zeitung: Frau Leibinger-Kammüller, wir leben in unsicheren Zeiten. Es gibt Kriege, steigt Trumpf deshalb jetzt ins Waffengeschäft ein? Sie wollen Laserwaffen entwickeln, um Drohnen vom Himmel zu holen. Warum?
Nicola Leibinger-Kammüller: Aus purer Notwendigkeit. Wir sind von vielen Seiten bedroht. Wir sehen es als unsere staatsbürgerliche Pflicht an, uns hier zu engagieren. Denn wir haben vermutlich die passenden Laser, um mit Kooperationspartnern eine rein defensive Waffe zu entwickeln, die Drohnen abwehren kann. Kriege werden mit Drohnen geführt, und diese werden immer günstiger und immer mehr. Deshalb müssen wir etwas tun, das gesellschaftlich verantwortlich ist. Wir müssen uns schützen, so schwierig und traurig es auch ist.
Ist das Ihr Versuch, Teil der Zeitenwende zu sein, die Olaf Scholz mal ausgerufen hat?
Die Zeitenwende von Herrn Scholz möchte ich nicht so gern kommentieren … Es ist einfach der Zeit geschuldet. Wir sind in einer Lage, in der wir uns nicht mehr zurückhalten können. Wir haben sehr intensiv diskutiert, sind dann aber zu dem Entschluss gekommen, dass wir es tun müssen. Mit den Kindern haben wir ein paar Runden gedreht, am Ende haben neun von zehn zugestimmt, eines hat sich enthalten. Der Vorstand war schnell dabei. Die Belegschaft war auch ganz überwiegend dafür, das hat mich selbst überrascht.
Im Mittelstand läuft es auch schlecht. Trumpf selbst hat gerade einen Verlust in Millionenhöhe verkündet. Das liegt vor allem an der Schwäche der deutschen Autoindustrie, richtig?
Ja, auch. Es liegt aber auch an der schwächelnden Weltkonjunktur, es liegt an China, es liegt an der Geopolitik, nicht für möglich gehaltenen Zöllen und Handelsbeschränkungen.
Sie wollen 1000 Stellen abbauen. Arbeiten Sie gerade im Alarmmodus?
Wir haben diese Stellen bereits weltweit abgebaut, und das äußerst verantwortungsvoll. Ich bin jetzt 20 Jahre im Amt und 40 Jahre in der Firma. Im Maschinenbau gab es immer wieder Krisen. Die kamen mit zwei bis drei Jahren Abstand, es ging hoch und es ging wieder runter. Was wir jetzt erleben, ist Stagnation. Wir schwächeln als Industrie ja schon seit drei Jahren. Diese Stagnation ist lähmend. Das macht die Führung noch anspruchsvoller. Weil man einerseits nüchtern bleiben muss in der Einschätzung und schnell in der Umsetzung. Und andererseits die dadurch verunsicherten Menschen dabei mitnehmen und begleiten muss.
Gab es in Ihren 20 Jahren als Chefin mal ein vergleichbares Jahr, wo Sie sagen könnten, ich mache das so wie damals?
Es gibt immer Dinge, die man wieder angehen kann: Man fährt die Investitionen zurück, man spart an den Sachkosten, man kürzt die Reisekosten. Aber eine Situation wie die jetzige habe ich in meiner Laufbahn noch nie erlebt. Wir haben im Land so viele Themen, die nicht laufen und die dringend angepackt werden müssten – und die einfach zu langsam vorangehen. Kanzler Merz sagt, er wolle nicht zulassen, dass die Produktion abwandert. Genau das ist aber schon in vollem Gange. Und jeder weiß es.
Was ist denn der Grund dafür, dass es so schlecht läuft?
Es gibt eine Reihe von Standortfaktoren, von der Bürokratie über die Steuern bis hin zu den Energiekosten. Und: Wir arbeiten zu wenig. Bevor Sie jetzt fragen, ob ich die Deutschen für faul halte: Das würde ich sofort verneinen. Aber die Relation zum Ausland ist entscheidend für die Betrachtung der Produktivität. Die Schweizer arbeiten 200 Stunden mehr im Jahr, die Amerikaner 400, die Polen 600 und die Chinesen 800. Wir haben die allermeisten Ferien und Feiertage, wir haben trotzdem die meisten Krankheitstage. Wir müssen einfach mehr arbeiten. Das ist auch gar nichts Schlimmes. Ich finde, Arbeiten ist sinnerfüllend, es bringt Wertschätzung. Und: Wir haben zu viele Menschen im System, die gar nicht arbeiten.

Hat sich da wirklich was verändert? Oder ist die Lage einfach so schlecht, dass wir jetzt ranklotzen müssen, nachdem wir uns vorher entspannt zurückgelehnt haben?
Wir hatten sehr komfortable Zeiten. Und es ist nicht verwerflich, wenn man mal in die Ferien geht, das tue ich auch. Wir hatten in der Vergangenheit aber auch glänzende Rahmenbedingungen: niedrige Zinsen, günstige Rohstoffe, den teuren Euro, keine Kriege und China war technologisch nicht so stark. Das war komfortabel. In diesem Umfeld haben alle Tarifpartner, nicht nur die Gewerkschaften, gesagt: Dann legen wir halt noch was drauf, wir können uns das ja leisten. Das ist jetzt vorbei.
Das heißt, wir arbeiten nicht wahnsinnig viel weniger, sondern die Lage ist eine andere, und deswegen müssen wir mehr anpacken.
Die Arbeitszeit wurde sukzessive verringert und die Ferienzeiten erhöht. Aber wir sind im Gros nicht faul, um hier ganz klar zu sein. Wir sind sogar ein unfassbar fleißiges Volk. Wir machen ganz viel nebenher. Wir bauen unsere Dachböden aus und engagieren uns im Ehrenamt. Wir kümmern uns mehr um unsere Kinder als früher. Aber wir haben eben jetzt veränderte Verhältnisse. Die chinesische Industrie überrollt uns in Europa. Da ist etwas aus der Balance geraten. Aber wir können es noch retten.
Wie denn?
Mehr schaffen. Mehr Freude an der Arbeit. Wir haben alle Voraussetzungen. Wir haben herausragende Universitäten. Wir haben toll ausgebildete Leute, das KI-Zentrum in Heilbronn, die TU München, Darmstadt, Karlsruhe. Wir haben im Grunde noch immer alles.
Die Statistiken zeigen, dass in Deutschland so viele Menschen arbeiten wie noch nie.
Das stimmt, allerdings sehr oft in Teilzeit – so oft wie noch nie, nicht nur bei Frauen. Entscheidend ist für Unternehmen zudem immer der direkte Vergleich mit Standorten im Ausland.

Arbeitsmarkt:Wer in Deutschland mehr arbeiten könnte – und wer nicht
Die Boomer-Generation geht in Rente, einige Arbeitnehmer streben nach der Vier-Tage-Woche, und viele Menschen in Deutschland hängen in Mini- und Teilzeitjobs fest. Wie kommt das Land aus diesem Dilemma raus?
Es wird ja auch oft als Generationenproblem diskutiert. Sehen Sie das auch so, dass es eine jüngere Generation gibt, die immer weniger arbeiten will?
Ich glaube, das ist, wie es übrigens immer war, ganz unterschiedlich. Es gibt unglaublich engagierte junge Leute. Und es gibt welche, die es sich bequem machen. Bei Trumpf haben wir viele tolle junge Leute, die arbeiten wie die Verrückten. Wenn Sie sie mit interessanten Themen packen und ihnen tolle Aufgaben geben, wenn Sie ihnen Freiheit geben, sich zu entwickeln, Dinge zu entwickeln, wenn Sie sie gut führen, wenn Sie sie gut behandeln, wenn Sie sie gut bezahlen, ich höre jetzt auf: Dann arbeiten sie sehr engagiert.
Was würde helfen?
Wir müssen Bürokratie abbauen. All diese unsinnigen Dokumentationspflichten, die nie gelesen werden: weg damit. Die Ämter müssen dringen digitaler und professioneller werden. Die Wartezeiten für Genehmigungen sind der helle Wahnsinn. Wenn man neue Hallen bauen will und dann jahrelang auf Genehmigungen warten muss, verlieren Sie die Lust und gehen möglicherweise nach Polen oder in die Schweiz.
Die aktuelle Regierung hat ja einen ganz anderen Kurs als die vorherige. Wie, finden Sie, läuft es bislang für die Wirtschaft?
Viel zu langsam. Aber da sind natürlich auch zwei Koalitionspartner beisammen, die eigentlich nicht zusammenpassen. Doch sind sie jetzt zum Erfolg verdammt.
Wenn Sie mit einer Zeitmaschine ins Deutschland im Jahr 2040 reisen könnten, was glauben Sie, was die größte Veränderung ist?
Wir arbeiten mehr und länger. Aber viel, viel flexibler – mit entscheidend mehr Modellen. Ich glaube, wenn wir die Dinge, die auf dem Tisch liegen, jetzt umsetzen und gemeinsam anpacken, können wir 2040 wieder ganz weit vorne sein. Wir sind innovativ und haben allen Grund, an unser Land zu glauben. Aber wir müssen jetzt den nötigen Schwung kriegen.
