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Börsenbeben:Das Coronavirus bringt Trumps Welt ins Wanken

Supporters of U.S. President Donald Trump wave Trump banners outside the location of Democratic U.S. presidential candidate Michael Bloomberg's Super Tuesday rally, in West Palm Beach

Seine Anhänger halten Donald Trump die Treue, aber der Börsencrash bedroht einen Eckpfeiler seiner Wiederwahlstrategie.

(Foto: Maria Alejandra Cardona/Reuters)

Der Kurssturz an den Weltbörsen erschüttert das Vertrauen in die Wirtschaftskompetenz des US-Präsidenten. Der reagiert mit Verschwörungstheorien.

Es ist gerade einmal zwei Wochen her, da erklärte Donald Trump die leidige Sache mit dem Coronavirus für erledigt. Die Zahl der Infizierten im Land tendiere gegen null, die Lage sei im Griff, betonte er. Nur Tage später ist Trumps Welt eine völlig andere: Auch in den USA steigt die Zahl der Toten, fünf republikanische Top-Politiker, darunter sein designierter Stabschef Mark Meadows, befinden sich nach einem Parteitreffen freiwillig in Quarantäne, und der Präsident muss die Frage beantworten, warum er, der täglich Dutzende Hände schüttelt, sich nicht selbst längst hat testen lassen. In der Nacht zu Dienstag drehte Trump nun bei: Mit einem "sehr großen" Entlastungspaket für Bürger und Betriebe will er zumindest dafür sorgen, dass aus der Gesundheits- nicht auch noch eine Wirtschaftskrise wird.

Der Sinneswandel hat allerdings weniger mit Einsicht zu tun als mit dem Börsencrash, der die US-Aktienkurse am Montag beinahe ins Bodenlose hatte stürzen lassen. Zwar erholten sich die Märkte am Dienstag wieder ein wenig, dennoch dürfte dem Präsidenten gehörig der Schreck in die Glieder gefahren sein: Seit mehr als drei Jahren benutzt er den Börsenboom als eine Art Gütesiegel, das nach seinem Dafürhalten nicht nur die Richtigkeit seiner Politik bestätigt, sondern aus dem er auch den Anspruch ableitet, bei der Wahl im November im Amt bestätigt zu werden. Ein Ende der Rekordjagd oder gar eine längere Talfahrt der Kurse würde diese zentrale Wahlkampfbotschaft im Kern beschädigen.

Trump ist nicht der erste Politiker, der sich im Glanz steigender Aktienkurse sonnte. Wie so oft ging der Präsident aber einen Schritt weiter als alle anderen und verkaufte die Kursgewinne in Tweets und Reden als Ausdruck seiner Persönlichkeit, ja, seiner Gewinnermentalität. Tatsächlich wäre es nicht redlich zu behaupten, der Boom der letzten Jahre habe nichts mit ihm zu tun: Mit Steuersenkungen sowie dem Abbau kostenträchtiger Umwelt- und Sozialstandards trug Trump maßgeblich dazu bei, dass viele Firmen höhere Gewinne erzielten und eigene Aktien zurückkaufen konnten. Dass sich eine solch wirtschaftsfreundliche Politik in steigenden Aktienkursen niederschlägt, ist nur folgerichtig.

Ist Trump die Beruhigung der Märkte wichtiger als der Schutz der Bevölkerung?

Was Trump aber - wie mancher vor ihm - übersah, ist, dass an den Börsen nicht nur Daten und Fakten gehandelt werden, sondern auch Hoffnungen und Befürchtungen. Dass Herdentrieb, Überschwang und pure Ahnungslosigkeit die Finanzmärkte häufig von der Realität entkoppeln und dass Faktoren eine Rolle spielen, auf die ein Präsident schlicht keinen Einfluss hat. So sind die Aktienkurse derzeit auch deshalb so hoch, weil es den Anlegern angesichts historisch niedriger Zinsen schlicht an vernünftigen Alternativen mangelt.

Angesichts solcher Unwägbarkeiten haben es sich weitsichtigere Politiker immer wieder verkniffen, mit Kursgewinnen zu prahlen. Trumps viel geschmähter Vorgänger Barack Obama etwa äußerte sich nur sehr selten zur Lage am Aktienmarkt, obwohl er durchaus Grund dazu gehabt hätte: So legte der S&P-500-Index in seinen ersten drei Amtsjahren um fast 70 Prozent zu, Trump kam im gleichen Zeitraum auf knapp 50 Prozent.

Diese Woche schrumpfte das Plus auf nur noch gut 20 Prozent. Da der Börsenboom jedoch für Trump einer der Eckpfeiler seiner Wiederwahlstrategie ist, entbehrt es nicht einer gewissen Logik, dass er die gesundheitlichen wie die ökonomischen Risiken des Coronavirus systematisch herunterspielte. Tagelang versuchte der Präsident gar, die Epidemie per Tweet totzuschweigen, indem er ständig neue Gründe dafür erfand, warum die Aktienkurse immer stärker schwankten. Mal waren es angeblich die Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, die mit ihren Fernsehdebatten die Börsen verschreckten, mal waren es die Medien, die die Gefahren des Virus aus seiner Sicht aufbauschten. Noch am Montagmorgen, also unmittelbar vor Beginn des Börsencrashs, ereiferte sich Trump darüber, dass niemand über die 37 000 US-Bürger berichtet habe, die 2019 an der Grippe gestorben seien, jetzt aber wegen zwei Dutzend Corona-Toten riesige Artikel erschienen. Schuld an der Nervosität der Aktienmärkte, so seine Botschaft, seien nicht irgendwelche Viren, sondern der Öl-Streit zwischen den Lieferländern Saudi-Arabien und Russland - und die "Fake News" der Medien.

Diese Interpretation allerdings ging offenbar selbst wichtigen Beratern zu weit, die sehr wohl registrierten, dass selbst einige ultrakonservative Kommentatoren die Frage aufwarfen, ob dem Präsident die Beruhigung der Finanzmärkte womöglich wichtiger sei als der Schutz der Bevölkerung und die Bekämpfung einer Epidemie. Entsprechend scharf fiel die Kurskorrektur aus, die Trump am Dienstag vollziehen musste: Er werde, so sprach der Staatschef, dem Kongress ein Paket aus "sehr weitreichenden Lohnsteuersenkungen" und einer Reihe weiterer Maßnahmen vorschlagen, um die ökonomischen Folgen der Corona-Krise in den Griff zu bekommen - jener Krise also, deren Existenz er noch Stunden zuvor bestritten hatte.

Trump wäre allerdings nicht Trump, ginge der Richtungswechsel nicht mit neuen Verschwörungstheorien einher. Laut Vanity Fair, einer in den USA durchaus Ernst zu nehmenden Monatsillustrierten, soll er in einem Gespräch mit Beratern den Verdacht geäußert haben, die Medien wollten mit übertriebenen Corona-Berichten die Aktienmärkte zu seinen Ungunsten manipulieren. Doch damit nicht genug: Der Präsident befürchtet dem Artikel zufolge zudem, einer oder mehrere der Journalisten, die auf seinen Reisen durchs Land regelmäßig in der Air Force One mitfliegen, könnten sich absichtlich mit dem Coronavirus infizieren - um ihn, Trump, anzustecken.

© SZ vom 11.03.2020/mxh

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