Süddeutsche Zeitung

US-Arbeitsmarkt:Trumps trügerisches Jobwunder

  • Die Arbeitsmarktzahlen in den USA fallen noch besser aus als erwartet. US-Präsident Trump reklamiert das als seinen Erfolg.
  • Doch ausgerechnet in den Bereichen, denen Trump am häufigsten Hilfe versprach, sieht es nicht so gut aus.
  • Im Auto- und Maschinenbau sowie der metallverarbeitenden Industrie und der Bekleidungsindustrie sind sogar weniger Menschen tätig als noch im November 2018.

Die Zahlen sind wahrlich beeindruckend, und so war es kein Wunder, dass Donald Trump umgehend zum Smartphone griff. "Grandioser Arbeitsmarktbericht!", schrieb er in Großbuchstaben im Kurzmitteilungsdienst Twitter - wohl wissend, dass ihm die guten Beschäftigungsdaten in den kommenden Wochen gleich an zwei Fronten von Nutzen sein können: Sie lenken ab von dem Amtsenthebungsverfahren, das die Demokraten im US-Kongress gegen ihn eingeleitet haben, und sie zeigen, dass die Furcht vieler Präsidentenberater vor einer Rezession ausgerechnet im Wahljahr 2020 wohl unbegründet war. Eine hohe Beschäftigung nämlich sorgt in der Regel dafür, dass die Menschen ausgiebig konsumieren und die wichtigste Konjunktursäule damit weiter intakt bleibt.

Nach dem Bericht des Washingtoner Arbeitsministeriums stieg die Zahl der Erwerbstätigen außerhalb der Landwirtschaft im November im Vergleich zum Vormonat um 266 000. Sie fiel damit deutlich höher aus als von Experten prognostiziert, auch wenn ein Teil des Zuwachses auf das Ende des Streiks beim Autohersteller General Motors zurückgeht. Die meisten neuen Jobs entstanden im Dienstleistungssektor, unter anderem im Gastgewerbe und in der Gesundheitswirtschaft. "Dieser Bericht ist ein echter Hammer, die Beschäftigungsentwicklung hat die Erwartungen regelrecht zertrümmert", sagte Daniel Zhao, leitender Ökonom beim Karriere-Portal Glassdoor, der New York Times. Die Arbeitslosenrate steht nach dem leichten Anstieg im Oktober mit 3,5 Prozent wieder auf dem niedrigsten Stand seit 50 Jahren.

Was Trump und seine sofort zum Jubel bereitstehenden Claqueure beim Fernsehsenderverbund Fox allerdings beflissentlich übersahen, ist, dass die Zahlen ausgerechnet in jenen Bereichen keineswegs so überzeugend sind, für die sich der Präsident am meisten engagiert. Beispiel Verarbeitendes Gewerbe, wo der Staatschef ja versprochen hat, in großem Stil Jobs aus dem Ausland in die Vereinigten Staaten zurückzuholen: Nach einem Anstieg der Beschäftigtenzahlen um fast 500 000 in Trumps ersten zweieinhalb Amtsjahren stagniert die Entwicklung seit Monaten. In einigen Teilbereichen, darunter im Auto- und Maschinenbau sowie der metallverarbeitenden Industrie und der Bekleidungsindustrie, sind sogar weniger Menschen tätig als noch im November 2018, die durchschnittliche Wochenarbeitszeit ist auf den niedrigsten Stand seit acht Jahren gefallen. Ein Grund ist der Handelsstreit zwischen den USA und China, der das Verarbeitende Gewerbe überproportional trifft. Auch liegt die Zahl der Industrie-Beschäftigten weiterhin deutlich unter jenem Niveau, das vor der Finanz- und Wirtschaftskrise der Jahre 2008 und 2009 üblich war. Von einem "Ende der Trumpschen Industrie-Renaissance" spricht bereits das Nachrichtenportal Axios.

Die meisten Stellen entstanden bei Dienstleistern und im Gesundheitswesen

Ähnlich sieht es in Amerikas Zechen aus, denen der Präsident ebenfalls eine Wiedergeburt versprochen hatte, und deren Produkte er höchstpersönlich als "unsere wunderschöne, saubere Kohle" bewirbt. Tatsächlich ist die Zahl der Mitarbeiter im Kohlebergbau in den vergangenen Jahren beinahe unverändert geblieben, weil zwar ein paar bereits geschlossene Zechen den Betrieb wieder aufnahmen, andere dafür aber stillgelegt wurden. Vielerorts ist US-Kohle schon allein preislich nicht wettbewerbsfähig, gesamtwirtschaftlich gesehen spielt der Sektor ohnehin keine Rolle: Von den insgesamt fast 159 Millionen Beschäftigten in der US-Wirtschaft arbeiten gerade einmal 53 000 im Kohlebergbau, das ist ein Anteil von 0,3 Promille. Die Ratingagentur Moody's erwartet, dass die Nachfrage der Energieversorger nach US-Kohle bis zum Jahr 2030 um weitere 50 Prozent schrumpfen wird. Das werde nicht nur die Zechenbetreiber massiv treffen, sondern etwa auch die Bahnunternehmen der USA, für die Kohle nach wie vor das wichtigste Frachtgut ist.

Und auch eine dritte Wählergruppe, die sich von Trump viel versprochen hatte, sieht sich von der allgemein guten Wirtschafts- und Beschäftigungsentwicklung abgehängt: die Landwirte. Ihnen ist im Zuge des amerikanisch-chinesischen Zollstreits einer der wichtigsten Absatzmärkte für Soja, Mais, Obst und andere Waren weggebrochen, weil die Regierung in Peking viele US-Agrarprodukte mit Importabgaben belegt hat. Die Zahl der landwirtschaftlichen Insolvenzen stieg gegenüber dem Vorjahr um fast ein Viertel, die Schulden aller Farmer dürften bis Ende 2019 zusammengenommen mehr als 415 Milliarden Dollar erreichen.

Sollten Trumps politische Gegner allerdings frohlocken, dass die Industriearbeiter, die Kohle-Kumpel und die Landwirte dem Präsidenten bei der Wahl im kommenden November aus Enttäuschung den Rücken kehren werden, so könnte sich das als Trugschluss erweisen. In Gesprächen mit Betroffenen ist von einem allgemeinen Trump-Frust wenig zu spüren. Manche haben 2016 ohnehin nicht aus wirtschaftlichen Gründen für ihn gestimmt, sondern weil sie jemanden wollten, der in Washington "aufräumt" und Schluss macht mit illegaler Zuwanderung, dem Ausbau von Schwulenrechten und anderen, ihrer Ansicht nach unliebsamen Dingen. Wieder andere sagen, sie hätten ohnehin nicht damit gerechnet, dass jemand die über die Jahrzehnte verloren gegangenen Arbeitsplätze in der Industrie und im Bergbau tatsächlich zurückbringt. Aber wenigstens habe sich mal jemand für sie interessiert.

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SZ vom 09.12.2019/jps
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