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Troika in Athen:Zahlenschieberei hinter verschlossenen Türen

Die Troika wirft Athen vor, nicht genug zu sparen. Die internationalen Kreditgeber trauen den Kürzungsversprechen der griechischen Regierung nicht. Der Druck auf die Troika ist hoch: Finanzjongleure verschieben die Zahlen so lange, bis das Ergebnis politisch tragfähig ist. Neue Wirtschaftsdaten erschweren ihre Arbeit.

Drei ausländische Männer in Anzügen steigen aus einer dunklen Limousine und verschwinden in einem Regierungsgebäude in Athen. Das ist in der Regel alles, was die Griechen von der Troika sehen. Das Kontrollorgan, den die Europäische Kommission, die Europäische Zentralbank und der Internationale Währungsfonds nach Athen schicken, arbeitet hinter verschlossen Türen. Die Mission ist heikel: Griechenland soll ein solides Sparpaket vorlegen, gleichzeitig soll das Land wachsen. Und die Regierung um Premier Antonis Samaras kann nur akzeptieren, was innenpolitisch noch zu ertragen ist. Politiker aus seiner Koalition protestieren bereits, am Wochenende kam es auch wieder zu Demonstrationen vor dem Parlament.

Eurokrise: Troika in Athen

Drei Männer, eine Troika-Mission (von links): Matthias Mors, der Direktor der Generaldirektion Wirtschaft und Finanzen in der Europäischen Kommission, Klaus Masuch von der Europäischen Zentralbank und Poul Thomson, Vizedirektor des Internationalen Währungsfonds, verlassen die Villa Maximou in Athen nach einem Treffen mit dem griechischen Premierminister Samaras vergangene Woche.

(Foto: dapd)

Die Euro-Zone wartet auf den Troika-Bericht. Er analysiert, wie gut die Reformen in Athen greifen, wie sich der Schuldenstand in den kommenden Jahren entwickeln wird, wann die Wirtschaft endlich wieder wächst. Ohne ein positives Urteil von der Troika bekommt Griechenland keine weiteren Notkredite aus dem Rettungspaket.

Die Athener Regierung hat am Sonntag einen ersten Entwurf für ein weiteres Sparpaket vorgelegt. Das Urteil der Troika: Nett - aber nicht gut genug. Rund 11,5 Milliarden Euro will Athen in den kommenden zwei Jahren einsparen. Doch die Troika ist skeptisch. Kommt wirklich so viel Geld durch die Bekämpfung der Steuerhinterziehung rein? Schafft es Samaras, den Staat weiter zu verschlanken? Oder zerbricht die Regierung unter dem Druck durch die internationalen Kreditgeber?

Troika-Berichte sind voller Graphen und Berechnungen. Doch wie bei jedem mathematischen Modell kommt es sehr auf die Annahmen an, die außerhalb der Zahlenlogik liegen. Ob beispielsweise ausländische Kapitalgeber wieder in Griechenlands Wirtschaft investieren, weiß im Moment niemand sicher.

Klar ist: Der politische Druck auf die Troika ist hoch, Zahlen passend zu machen. Deutschland möchte auf keinen Fall ein drittes Rettungspaket für Griechenland, dafür gäbe es kaum Zustimmung im Bundestag - auch in Hinblick auf die Bundestagwahl im Herbst 2013. Aber die Troika ist nicht nur im deutschen Auftrag unterwegs. Frankreichs neue sozialdemokratische Regierung sagt deutlich, dass Griechenland die volle Unterstützung der Euro-Zone habe - diplomatisches Lob für Samaras' Kurs. Finnland wiederum lehnt jedes Entgegenkommen ab.

Die Troika ist Rechenspiele gewohnt. Im Februar hatte sie zuletzt einen Bericht über Griechenland vorgelegt, der für Aufsehen sorgte. Er rechnete mit zwei Szenarien, einem optimistischen und einem pessimistischen. Beobachter wie der Finanzblogger Felix Salmon von Reuters hielten jedoch beide Szenarien noch für äußerst optimistisch. Der Bericht verspreche eine unrealistische Lösung für die Krise, schrieb Salmon: "Magisches Wachstum!"

Mit ein paar Monaten Abstand lesen sich die Zahlen aus dem Februar-Bericht tatsächlich recht zuversichtlich. Die Troika rechnet damit, dass die Wirtschaft Griechenlands 2012 zwischen 4,3 und 4,8 schrumpfe. Die jüngsten Zahlen der griechischen Statistikbehörde fallen deutlich schlechter aus. Sie beziffert das Minus im zweiten Quartal auf 6,2 Prozent. Selbst das deutsche Finanzministerium sagt jetzt: "Die Wirtschaftsentwicklung in Griechenland ist in der Tat ungünstiger als im März erwartet." Damals rechnete die Troika damit, dass Athen 2013, spätestens 2014 wieder Wirtschaftswachstum vermelden könnte.

Aktuelle Zahlen schüren weitere Zweifel an optimistischen Prognosen. Die Produktion im verarbeitenden Gewerbe sackte im Juli im Vergleich zum Vorjahr um 5,0 Prozent ab, meldet das Statistikamt an diesem Montag (PDF). Noch im Juni verzeichnete der Bereich, der 15 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes ausmacht, ein kleines Plus von 0,2 Prozent. Die Industrieproduktion brach im Juli sogar um 7,8 Prozent ein.

Damit der aktuelle Bericht fertiggestellt werden kann, wird sich an diesem Montag Regierungschef Samaras wohl wieder mit der Troika treffen, hinter verschlossenen Türen. Für die anstehenden Verhandlungen hat sich Athen präpariert, berichtet die Nachrichtenagentur dpa: Die griechische Regierung habe schon ein zweites Sparpaket vorbereitet, 17 Milliarden Euro statt 11,5 Milliarden schwer - damit sich die Troika die Reformen aussuchen kann, die zur Berechnung passen.

© Süddeutsche.de/bbr/hgn/rus

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