Gastronomie:Nur Egoisten sparen jetzt am Trinkgeld

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Gastronomie: Als Servicekraft in der Gastronomie arbeitet man unter ständigem Erwartungsdruck der Gäste, aber Trinkgeld geben genau die immer weniger.

Als Servicekraft in der Gastronomie arbeitet man unter ständigem Erwartungsdruck der Gäste, aber Trinkgeld geben genau die immer weniger.

(Foto: Wolfgang Maria Weber/Imago)

Die Inflation zwingt viele Menschen zum Sparen. Aber wer nicht selbst jeden Euro umdrehen muss, sollte beim Trinkgeld nicht damit anfangen.

Kommentar von Helena Ott

Statt als Wertschätzung für guten Service empfinden Beschäftigte in der Gastronomie das Trinkgeld neuerdings häufig als Demütigung. Etwa, wenn eine Rechnung von 69,10 Euro mit mildem Lächeln auf 70 Euro aufgerundet wird. "Stimmt so." Oder wenn bei einem runden Geburtstag, der bis spät in die Nacht dauert, für zehn Mitarbeiter in Küche und Service 50 Euro Trinkgeld gegeben werden.

Bevor die Preise für Lebensmittel, Benzin und Strom nach oben geklettert sind, war das anders: Da gingen Kellnerinnen und Kellner mit 50 bis 100 Euro am Abend nach Hause. Teilweise, so berichten es Wirtinnen und Wirte, war das Trinkgeld höher als der Tageslohn. Zusätzliches Geld, auf das die Mehrheit der Servicekräfte angewiesen ist. Zusammen mit Hotelfachpersonal haben sie die geringsten Bruttolöhne mit im Durchschnitt knapp 2100 Euro brutto im Monat. Jetzt könnte man einwenden, dass Pflegekräfte, Kassierer und Busfahrerinnen ja auch kein Trinkgeld bekommen. Die erhalten aber zumindest Zuschläge für Wochenend-, Feiertags- und Nachtarbeit. Im Service ist es Standard zu arbeiten, wenn andere Freizeit haben - ohne finanziellen Bonus.

Bestraft werden die, die am härtesten von der Inflation betroffen sind

In Zeiten einer wirtschaftlichen Krise ist es egoistisch, um jeden Preis den eigenen Besitzstand zu wahren. Also weiterhin genauso oft zum Italiener, Vietnamesen oder ins Wirtshaus gehen zu wollen, aber bei anderen zu sparen, die das Treffen mit Freunden dort möglich machen - und zudem mit ihrem geringen Verdienst am meisten unter der Inflation leiden. Gemeint sind natürlich nicht jene, die selbst wenig verdienen. Aber die meisten Servicekräfte haben ohnehin ein feines Gespür dafür, wer wenig gibt, weil er nicht mehr hat oder schlicht geizig ist.

Ein berechtigter Einwand in der Debatte ums Trinkgeld ist, dass es nicht die Aufgabe der Gäste sein kann, die prekären Löhne in der Gastronomie auszugleichen. Gastronomen müssen ihre Preise künftig so kalkulieren, dass faire, der Arbeitsbelastung angemessene Löhne möglich sind. Bei sinkendem Konsum, hohen Fixkosten und Einkaufspreisen klingt das irrsinnig. Aber anders wird auch die akute Personalnot der Branche nicht zu bewältigen sein. Und so weit, dass Gäste reihenweise auf den Restaurantbesuch verzichten, ist es noch längst nicht. Das beweisen übervolle Biergärten, Gaststuben und Bartresen.

Es gehört für alle zur Teilhabe, mal essen zu gehen

Wenn sich Menschen mit wenig Geld diese Art der Teilhabe dann nicht mehr leisten können, muss die Regierung Abhilfe schaffen. Der Sozialstaat muss endlich für einen echten Lastenausgleich sorgen. Dabei helfen keine Steuerentlastungen wie der angekündigte Ausgleich der kalten Progression, von denen Besserverdiener dreimal so viel profitieren wie untere Einkommensgruppen. Stattdessen müssen zusätzliche Belastungen von ärmeren Menschen und Geringverdienern gezielt mit monatlichen Entlastungszahlungen über die Krisenmonate hinweg ausgeglichen werden. Es geht darum, für solche Menschen ein Mindestmaß an Teilhabe und ausgewogene Ernährung zu gewährleisten.

Darüber hinaus muss in der Gastronomie ein besserer Arbeitsschutz her. Während in der Industrie penibel auf Arbeitszeiten geachtet wird und in Büros Mitarbeiter ergonomische Schreibtische zur Verfügung gestellt bekommen, gibt es immer noch Kellnerinnen, die 15-Stunden-Schichten ohne regelmäßige Pausen schieben. Oder einzelne Gastronomen, die das Trinkgeld ihrer Mitarbeiter kassieren. Rechtlich ist das schlicht nicht zulässig, es muss auch staatlich durchgesetzt werden.

Politische Forderungen entbinden nicht von Fairness

Wer das aktuelle Regierungshandeln verfolgt, stellt fest, dass auch die Ampel nicht von einigen neoliberalen Grundsätzen abrückt. Es kommt also keine faire Verteilung über Nacht. Wer die Politik für eine verfehlte Sozialpolitik kritisiert, aber selbst 30 Cent Trinkgeld gibt, ist heuchlerisch. Petitionen einzureichen und an Demos teilzunehmen, ist wichtig, aber es entbindet nicht davon, fair mit Mitmenschen umzugehen.

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