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Triebwerkprobleme beim A380:Gefährliches Abwarten

Die A380 der Lufthansa fliegen bereits seit längerem mit neuen Triebwerken - anders als die Flugzeuge der Konkurrenz. Hat also Triebwerkhersteller Rolls-Royce schon vor dem Qantas-Unfall von den Problemen gewusst?

Jens Flottau

Die Schwächen des Airbus A380-Triebwerks waren bei Rolls-Royce möglicherweise schon lange vor dem Brand an einer Maschine der australischen Fluggesellschaft Qantas bekannt. Nur so lässt sich erklären, dass die in diesem Jahr ausgelieferten Lufthansa-A380 bereits Motoren des Typs Trent 900 in einer verbesserten Version haben, während Singapore Airlines und Qantas die Triebwerke nun austauschen müssen. Rolls-Royce hat von den Problemen zwar womöglich gewusst, aber die gravierenden Folgen unterschätzt. Es ist derzeit noch unklar, ob und wie Kunden informiert waren.

Qantas: Austausch von 40 Triebwerken der weltweiten Airbus-A380-Flotte noetig

Qantas muss 14 Motoren seiner A380-Flotte austauschen - die Lufthansa nur eines.

(Foto: dapd)

Der britische Konzern wollte die Vorgänge auf Anfrage nicht kommentieren. Rolls-Royce muss nun bis zu 40 Motoren der aktuellen Airbus A380-Flotte austauschen. Betroffen von der in der jüngeren Luftfahrtgeschichte beispiellosen Aktion wären in erster Linie Qantas, Singapore Airlines. Airbus kündigte erstmals an, von Rolls-Royce eine finanzielle Entschädigung für das Desaster zu verlangen.

Die Entscheidung von Rolls-Royce macht deutlich, wie schwerwiegend die Qualitätsmängel sind. Treffen die Analysen des Unternehmens zu, dann müsste jedes zweite Triebwerk der von ihm ausgerüsteten A380-Flotte ausgewechselt werden. Laut Qantas-Chef Alan Joyce könnten bei seiner Airline 14 Motoren betroffen sein, Singapore Airlines müsste womöglich mehr als 20 Triebwerke austauschen. Lufthansa geht derzeit davon aus, dass sie nur noch einen von derzeit 16 Motoren wechseln muss.

Dem Vernehmen nach ist bei den Lufthansa-Maschinen ein Lager im Inneren des Triebwerkes mit einer zusätzlichen Ummantelung ausgestattet. Frühere Versionen des Trent 900-Motors haben dies offenbar nicht.

Der Fehler bei den Triebwerken ist am 4. November aufgeflogen. An diesem Tag hatte sich bei einer Qantas-Maschine vier Minuten nach dem Start einer der vier Motoren in seine Einzelteile zerlegt. Die Maschine konnte nach knapp zwei Stunden schwer beschädigt zum Flughafen in Singapur zurückkehren. Seither hat Qantas alle A380 aus dem Flugbetrieb genommen. Singapore Airlines legte zeitweise drei Maschinen still, setzt sie mittlerweile aber wieder ein.

Lieferplan kommt durcheinander

Als Ursache für die schwerwiegende Panne hat Rolls-Royce mittlerweile ein Ölleck identifiziert, das durch das fehlerhafte Lager entstanden ist und ein Ölfeuer ausgelöst hat. In der Folge waren große Teile wie eine Turbinenscheibe im Inneren des Triebwerkes zu Bruch gegangen. Der Hersteller hat nun eingeräumt, dass die betroffenen Komponenten bei vielen Flugzeugen ausgetauscht werden müssen. Laut Lufthansa haben 15 der 16 Triebwerke ihrer vier A380 bereits das modifizierte Bauteil. Nur bei der ersten Maschine, die im Mai ausgeliefert wurde, muss noch ein Motor ausgetauscht werden.

Ein weiteres Indiz spricht dafür, dass das Problem intern schon länger bekannt ist: Rolls-Royce hat nämlich begonnen, Motoren von der Airbus-Endmontagelinie wieder zurückzuholen, um diese dann bei bereits an Kunden ausgelieferten Maschinen einzusetzen.

Airbus bekommt die Triebwerke sehr früh im Laufe des Produktionsprozesses, weil die Jets zur Innenausstattung von Toulouse nach Hamburg fliegen müssen. Dort stehen die Maschinen dann aber mehrere Monate lang am Boden und brauchen theoretisch keine Motoren. Dies will sich nun Rolls-Royce zunutze machen, um die ärgsten Nöte seiner Kunden zu beseitigen. Doch ist offenbar unklar, ob Rolls-Royce schnell genug Nachschub liefern kann, damit Airbus mit seinen Lieferterminen nicht in Verzug gerät.

Von den vier noch in diesem Jahr zur Auslieferung anstehenden A380 haben drei Rolls-Royce-Triebwerke, nur eine Maschine ist mit den konkurrierenden und derzeit problemfrei laufenden Motoren der Engine Alliance (General Electric und Pratt & Whitney) ausgestattet. Angesichts der Probleme gilt es als unwahrscheinlich, dass Airbus die Flugzeuge an die Airlines übergeben kann. Das bedeutet womöglich Umsatzeinbußen in dreistelliger Millionenhöhe, denn ein großer Teil des Kaufpreises ist erst bei Übergabe fällig. 2011 will Airbus pro Monat zwei Maschinen ausliefern, etwa die Hälfte davon haben Rolls-Royce-Motoren.

© SZ vom 19.11.2010/aum
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