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VW-Nutzfahrzeuge:Zurück in der Spur

MAN

Pandemie? Die ist für die VW-Nutzfahrzeugtochter Traton wohl erst einmal abgehakt. Der Auftragseingang war zu Jahresbeginn so hoch wie nie zuvor.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Die Lastwagen von MAN und Scania sind so gefragt wie nie. Darüber redet es sich auch einfacher als über eine umstrittene Personalie.

Von Thomas Fromm

Es scheint zur Natur von Managern zu gehören, dass sie lieber über Zahlen und Technik sprechen als über Menschen. Matthias Gründler, Chef der Volkswagen-Nutzfahrzeugsparte Traton zum Beispiel. Er sprach am Montagmittag sehr gerne übers Geschäft, über Rohstoffe, über elektrische Lkw und über ein Quartal, in dem die Bestellungen für Nutzfahrzeuge im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als die Hälfte angestiegen waren. Über einen neuen Kollegen aber, der erst seit ein paar Tagen in seinem Vorstandsteam arbeitet, wollte er nicht so viel berichten. Vielleicht, weil Zahlen einfach der nüchternere, der betriebswirtschaftlichere Teil der Geschichte sind. Und, auch das: der weniger politische.

"81 700 Aufträge innerhalb eines Quartals sind das beste Ergebnis", das die Gruppe "bislang erzielt hat", sagte Gründler. Wenn Spediteure wieder Lkw kaufen, dann scheinen die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie wirklich allmählich ausgestanden zu sein. Brummis rollen wieder, anders als bei den Bussen, denn im öffentlichen Nahverkehr ist die Pandemie immer noch ein großes Thema. Folge: Der Auftragseingang bei den Bussen ging kräftig runter. Ein Thema, über das ein Manager stundenlang reden könnte, es gibt ja auch viel zu sagen zur Konjunktur von Lkw und Bussen.

Aber natürlich musste auch über Menschen gesprochen werden. Über den 64-jährigen Bernd Osterloh, der nach 16 Jahren an der Spitze des Volkswagen-Betriebsrats zum 1. Mai nach München wechselte, um Personalvorstand bei der VW-Nutzfahrzeugtochter Traton zu werden. Von Niedersachsen nach Bayern, vom mächtigen Betriebsrat in den Vorstand eines Nutzfahrzeugherstellers: So ein Wechsel ist interessant, und deshalb war ja irgendwie klar, dass Traton-Chef Gründler, in dessen Vorstand Osterloh jetzt sitzt, bei der Vorlage der jüngsten Quartalszahlen vor Journalisten zu der Personalie gefragt wird. Der Vorstandsposten war im Juli 2020 ersatzlos gestrichen worden, da sich Traton mit seinen Nutzfahrzeugtöchtern MAN, Scania und Navistar lediglich als vorgeschaltete Holding sieht. Nun also wurde der Job doch wieder ausgelobt, und der, der ihn bekommt, erhält einen Vertrag bis 2024, dotiert mit zwei Millionen Euro im Jahr. Da ist die Frage nach einer Job-Beschreibung gar nicht so abwegig. Osterloh, antwortet Gründler, habe in der vergangenen Woche "bei uns angefangen", er arbeite "seine Aufgaben ab", und, auch das: "Wir geben ihm eine faire Chance." Und er werde "in den nächsten 100 Tagen seine Aufgaben klar definieren".

2024 kommt der letzte große Lkw-Dieselmotor

Zu definierende Aufgaben gibt es in diesem Unternehmen auf jeden Fall eine Menge. Es fängt an mit der Münchner Lkw-Tochter MAN, die immer noch weit weniger profitabel ist als das schwedische Schwesterunternehmen Scania. Daher soll nun gespart werden, an die 3500 MAN-Stellen in Deutschland sollen weg. Dazu soll das Werk in Plauen verkauft werden, dem österreichischen Standort in Steyr droht die Schließung, derzeit verhandelt das Unternehmen mit dem Investor WSA des früheren Magna-Chefs Siegfried Wolf. Dazu kommt der Umbau des Herstellers - immer mehr elektrische Lkw und Busse, immer weniger Dieselantriebe. 2024 soll noch einmal ein großer 13-Liter-Dieselmotor auf den Markt kommen, es wird dann der Letzte seiner Art sein.

Und dann steht Traton kurz davor, die restlichen MAN-Anteile von der Börse zu holen. Zurzeit hält die VW-Sparte 94,36 Prozent an dem Traditionskonzern, zu dem früher Geschäfte wie Stahl und Druckmaschinen gehört hatten. Zu einer Zeit, in der man noch ein Dax-Konzern und an einen Rückzug von der Börse noch nicht zu denken war. MAN bietet den verbliebenen Restaktionären nun 70,68 Euro je Aktie - das ist ein Aufschlag von satten 27 Prozent auf den Schlusskurs vom Freitag, was wiederum zeigt, wie wichtig es dem Eigentümer ist, MAN bis auf die letzte Aktie zu bekommen. 586 Millionen Euro würde der Spaß kosten, und Traton-Chef Gründler sagt, er verspreche sich davon, "schneller" und "agiler" handeln zu können. Tatsächlich fällt durch den sogenannten Squeeze-out die bisherige Zwischenholding MAN SE weg, und Traton kann schneller durchregieren - mit direktem Zugriff auf MAN und Scania aus Schweden. In Zeiten, in denen ein Sparprogramm umgesetzt wird und auch der Lkw-Markt vor großen Umbrüchen steht, ist das eine strategische Ansage.

Der Verschmelzungsvertrag zwischen Traton und MAN SE ist für den 14. Mai geplant; die MAN-Hauptversammlung soll dem Ganzen dann am 29. Juni zustimmen. Es wäre der letzte Schritt in einem jahrelangen Übernahmeprozess, der schon vor Jahren unter dem damaligen VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch begann. Damals, im Mai 2011, bot VW den Anteilseignern von MAN 95 Euro je Stamm- und 59,90 Euro je Vorzugsaktie.

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