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MAN und Scania:VW-Tochter setzt auf elektrische Lkws

So könnten Laster irgendwann aussehen. Der AXL von Scania hat keine Fahrerkabine und ist für Bergwerke und Steinbrüche gedacht.

(Foto: oh)

Traton hat große Pläne: Lkws ohne Dieselgestank. Der Konzern hat auch einen Laster ohne Fahrerkabine gebaut - anfassen darf man den aber noch nicht.

Wahrscheinlich wäre es auf die Dauer auch langweilig, würde ein Lkw-Manager wie Andreas Renschler ständig nur in Vorstandsetagen sitzen, Analysten und Investoren in dunklen Anzügen treffen und Kundengespräche mit Groß-Spediteuren führen. Natürlich geht es immer auch um Aktienkurse, um Strategien, um Absatz- und Gewinnzahlen. Aber die eigentliche Musik in diesem sehr besonderen Geschäft spielt ja, wenn man so will, weit weg von Vorstandsetagen.

Auf der Straße.

"Wenn ich alleine unterwegs bin und tanken muss, dann fahr' ich ab und zu gerne auf einen Autohof und höre mich da um", sagt Renschler, 61. Also dahin, wo die 40-Tonner stehen mit ihren deutschen, italienischen, bulgarischen oder ukrainischen Kennzeichen. Da, wo die Luft voller Diesel ist und Zigarettenqualm und wo es nach Fertig-Gulaschsuppen über Campingkochern riecht. Zuletzt, sagt Renschler, habe er das im Sommer gemacht, im Juli oder August. Tanken, Auto irgendwo parken, Zigarette anzünden, um die Ecke gehen, die Männer ansprechen, sich die Geschichten vom Leben auf der Autobahn anhören.

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Das sind dann Geschichten, die von Zeitdruck handeln, von Dauerstress, Parkplatzmangel, wenig Schlaf und Kleinkriminalität. Es kann nicht schaden zu wissen, was da draußen los ist, gerade wenn man wie Renschler Chef eines Lkw-Konzerns ist, der Traton heißt, an der Börse notiert ist, zum größten Teil aber noch zum Volkswagen-Konzern gehört und zu dem die beiden Lkw-Hersteller MAN aus München und Scania aus Schweden gehören. Weil Renschler ab und zu um die Autohöfe streicht und auch sonst eher bodenständig rüberkommt, nennen ihn Kollegen auch schon mal den "Trucker".

An einem verregneten Herbsttag nun steht Renschler, jetzt eindeutig mehr Manager als Trucker, mit Anzug und weißem Hemd auf einer Bühne und erklärt das Lkw-Fahren der Zukunft. Hinter der Scania-Teststrecke in dem kleinen Ort Södertälje, rund eine halbe Autostunde von Stockholm entfernt, haben sie einen Pavillon aufgebaut, eine Art deutsch-schwedische Begegnungsstätte, um die Zukunft des Lkw-Fahrens zu verhandeln. Ob der Trucker-Versteher Renschler das Leben seiner Klientel vom Autohof unbedingt besser machen kann, kann man noch nicht so genau sagen. Auf jeden Fall wird sich einiges für sie verändern. Es fängt damit an, dass es sehr bald sehr viel digitaler und vernetzter zugehen wird im Fahrerhaus. Wenn nach und nach immer mehr elektrische Lkws und Busse auf den Markt kommen, wird zuerst der Diesel-Gestank verschwinden. Aber vielleicht, irgendwann in ferner Zukunft, auch die Fahrer selbst. Das kann man dann, je nachdem, gut oder schlecht finden.

Die Zukunft wird also erst einmal elektrisch und digital, und während der Manager Renschler und seine Kollgen über die Zukunft mit Elektroantrieben und das Ende der großen CO₂-Schleudern sprechen, werden im Hintergrund immer wieder neue Bilder eingeblendet. Besonders lange steht das Bild mit Greta Thunberg und ihrem "Skolstreijk-för-klimatet"-Plakat. Act now!

Ausgerechnet die Lkw-Branche zeigt Bilder der Klimabewegung

Es ist die Woche eins nach dem UN-Klimagipfel, und ausgerechnet die Lkw-Branche, die wie keine andere für den alten Diesel steht, zeigt die Ikonen-Bilder der "Fridays-for-Future"-Bewegung. Wer hätte das noch vor Kurzem gedacht.

Der Druck kommt für die Lkw- Branche gerade von allen Seiten. Da ist ja nicht nur Greta, da sind die Kunden, die Spediteure, die möglichst viel Geld mit ihren Lkws verdienen wollen. Je eher sich die hohen Anschaffungskosten rentieren, desto besser. Am liebsten hätten sie es sogar irgendwann ganz ohne Fahrer, denn wenn Lkws eines Tages autonom fahren, so das Kalkül, bricht ein großer Kostenblock weg. Dann kommt die Politik: Die EU hat nicht nur für Autos, sondern auch für Nutzfahrzeuge die Grenzwerte für CO₂-Emissionen verschärft. Bis 2030 müssen die massiv runter, sonst drohen drakonische Strafen. Und dann sind da noch die Fahrer, bei denen es weder um die knallharten Kostenkalkulationen der Spediteure noch um Umweltschutz geht. Die Interessen der Fahrer sind grundsätzlicher: fair bezahlt werden, ab und zu mal ein freier Tag zu Hause, am Abend einen Parkplatz mit zumutbarer Duschkabine finden.

In zehn bis 15 Jahren soll ein Drittel der Lkws ohne Verbrennermotor fahren

Renschler hat daher ein paar wichtige Botschaften mit nach Schweden gebracht. "In den nächsten zehn bis 15 Jahren könnte jeder dritte Lkw und Bus unserer Marken mit alternativen Antrieben fahren", sagt er. "Die meisten davon voll elektrisch." Bis 2025 soll dafür mehr als eine Milliarde Euro in die Entwicklung von Elektro-Antrieben gesteckt werden. Das Problem ist nur, das weiß auch Renschler: Das Ganze kann ja nur funktionieren, wenn die Ladeinfrastruktur für diese emissionsfreien Lkws steht - und da ist man noch ganz am Anfang.

Zwei Milliarden Euro

will Traton-Chef Andreas Renschler in den kommenden Jahren in die Elektrifizierung und Digitalisierung der Lkws und Busse seiner Marken MAN und Scania stecken. Ziel: Die VW-Nutzfahrzeugtochter, die seit Juni börsennotiert ist, soll "führender Hersteller batterieelektrischer Nutzfahrzeuge" werden. In den nächsten zehn bis 15 Jahren könnte dann jeder dritte Lkw und Bus mit alternativen Antrieben fahren, "die meisten davon voll elektrisch". Den Anfang macht ab dem kommenden Jahr ein gemeinsamer elektrischer Antrieb bei MAN und Scania, der zunächst in elektrischen Stadtbussen eingesetzt werden soll. So will der Lkw-Hersteller die strengeren CO₂-Grenzen in der EU einhalten.

Wenn die Politik nicht mitspielt, wenn Lkw-Fahrer kein flächendeckendes Aufladenetz auf europäischen Autobahnen zur Verfügung haben, dann wird es schwierig. Die Spediteure werden ohnehin nur dann mitziehen, wenn die Anschaffungskosten für die teureren Elektrofahrzeuge runtergehen. Im nächsten Jahr soll es erst einmal mit elektrischen Stadtbussen von MAN und Scania losgehen - es ist dann der Einstieg in eine neue Lkw-Welt.