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Sozialstaat:Wer wie viel Geld vom Staat bekommt

Ab in den Hochseilklettergarten: Kindergeld bekommen in Deutschland alle Familien vom Staat, unabhängig vom Einkommen.

(Foto: imago stock&people)

Es sind mitnichten nur Arbeitslose und Geringverdiener, die Geld vom Sozialstaat bekommen. Häufig gilt sogar: Wer mehr verdient, bekommt auch mehr. Eine Analyse mit großer Grafik.

Pensionen für Beamte fließen häufig an Menschen, die ein hohes Einkommen haben: Die einkommensstärksten 20 Prozent bekommen 46,2 Prozent aller Pensionszahlungen. Die gesetzliche Rente dagegen erhalten besonders Menschen, die zur unteren Hälfte der Einkommensskala gehören. Für große Teile dieser Gruppe macht die Rente rund 40 Prozent ihres Einkommens aus. Diese Zahlen stammen aus einer neuen, detaillierten Vermessung des deutschen Sozialstaats. Sie zeigt, wie viel der Staat welchen Einkommensgruppen überweist (hier als PDF). Vergleichbar gemacht hat diese Daten der Ökonom Martin Beznoska vom arbeitgeberfinanzierten Institut der deutschen Wirtschaft.

Eine überraschende Erkenntnis der Vermessung: In Deutschland steigt mitunter die Summe, die der Staat einem Menschen auszahlt, wenn sein Einkommen steigt - obwohl man erwarten könnte, dass ein Sozialstaat lieber demjenigen mit weniger Einkommen stärker hilft. Allerdings sind viele staatliche Leistungen vom Einkommen abhängig, vor allem die Rente, aber etwa auch das Elterngeld: Wer mehr einzahlt, bekommt dann auch mehr.

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Wer etwa als Single 50 000 Euro Jahresbrutto hat, bekommt davon im Durchschnitt rund 9100 Euro als Transferleistung vom Staat. Aber wer etwa 57 000 Euro als Einkommen hat, also mehr verdient, bekommt im Durchschnitt auch mehr vom Staat, nämlich rund 10 335 Euro.

Abseits solcher Sprünge in den Transferleistungen zeigt sich aber eine klare Tendenz: Der Staat hilft vor allem den Menschen mit weniger Geld, der Transferanteil am Einkommen ist bei ihnen am höchsten. Und je reicher jemand in Deutschland wird, desto weniger hängt sein Einkommen davon ab.

Die ärmsten zehn Prozent bekommen mehr als ein Viertel ihres Einkommens im Schnitt über Arbeitslosengeld II, auch bekannt als Hartz IV, und die Grundsicherung. Zusammen mit anderen staatlichen Leistungen beziehen Menschen in dieser Gruppe rund 67 Prozent ihres Einkommens über Transfers. Man gehört zu den ärmsten zehn Prozent, wenn man weniger als 1314 Euro als Monatsbrutto hat. Wer weniger als 2072 Euro bekommt und damit zu den ärmsten 30 Prozent gehört, bekommt immer noch mehr als die Hälfte seines Einkommens direkt vom Staat überwiesen.

Auch Topverdiener bekommen Geld vom Staat

Doch selbst die einkommensstärksten 80 bis 90 Prozent - dazu gehören Singles mit einem Monatsbrutto von 4514 bis 5836 Euro - beziehen im Schnitt fast zwölf Prozent ihres Einkommens vom Staat, vor allem über Pensionen und die gesetzliche Rente. Und selbst das oberste Prozent der Einkommensskala erhält noch Geld vom Staat, vor allem Rente und Kindergeld, was einkommensunabhängig gezahlt wird. Die Rente der Reichsten ist allerdings deutlich geringer als die der Mittelschicht. In dieser Einkommensgruppe finden sich viele Unternehmer, die im Zweifel nie in die Rentenversicherung eingezahlt haben.

Insgesamt zahlt der Staat ein Drittel seiner Einnahmen wieder direkt an die Bürger aus: 513,6 Milliarden Euro wurden auf diese Weise 2019 ausgeschüttet; alle erwähnten Einkommenswerte wurden ebenfalls für 2019 hochgerechnet. Der größte Posten sind die gesetzlichen Renten, sie machen rund 60 Prozent der Transfers aus, etwa 309 Milliarden Euro. "Das ist viel und wird auch noch mehr werden", sagt Ökonom Beznoska. Weitere große Posten sind die Pensionen mit 70 Milliarden Euro sowie das Arbeitslosengeld II und die Grundsicherung mit knapp 46 Milliarden Euro.

Wie die Einkommenswerte in der Grafik zu lesen sind

Die durchschnittlichen Transferzahlungen sind nicht ganz intuitiv zu lesen. Die Idee dahinter: Alle Deutschen werden nach ihrem Einkommen aufgereiht, von arm bis reich. Anschließend werden alle Geldflüsse vom Staat an die Bürger aufgelistet - und dann je Einkommensgruppe wieder heruntergerechnet. Daher finden sich in jeder Einkommensgruppe verschiedene Geldquellen, die so auf einen einzelnen Menschen gar nicht zutreffen, denn kaum jemand wird zur gleichen Zeit Kindergeld, Arbeitslosengeld I, Bafög und eine Pension beziehen. In einer Einkommensgruppe insgesamt kommt das aber alles vor.

Diese aggregierten Daten auf eine Art Durchschnitt herunterzurechnen, erlaubt es, die Werte in einer Größenordnung auszudrücken, die der eigenen Lebenswelt ähnelt - denn dann geht es um ein paar Tausend Euro statt um Milliardensummen. Gerechnet wird dabei mit dem sogenannten Bruttoäquivalenzeinkommen. Dabei wird die Zahl der Personen in einem Haushalt berücksichtigt, weil es zum Beispiel für ein Paar billiger ist als für einen Single, einen Fernseher zu kaufen, die zwei Menschen können sich das Gerät ja teilen. Auch die Zahl der Kinder je Haushalt kann so eingerechnet werden. Ein Ehepaar mit zwei Kindern und einem gemeinsamen Einkommen von rund 70 000 Euro entspricht in dieser Rechnung einem Single-Einkommen von rund 33 000 Euro. Die Mathematik dafür stammt von der OECD.

Woher die Daten für die Grafik stammen

Die aufgeführten Werte sind, wie in der Wissenschaft üblich, eine möglichst getreue Abbildung der Realität. Die Daten hinter den Einkommen stammen im Wesentlichen aus einer Umfrage, dem sogenannten sozio-ökonomischem Panel (SOEP). Die Informationen kommen also nicht direkt von den Kontoauszügen der Menschen, was die Werte leicht verzerrt. Auch nehmen die reichsten Deutschen an solchen Umfragen de facto nicht teil.

Die Ergebnisse kommen den tatsächlichen Zahlungen aber sehr nahe, die errechneten Werte entsprechen zu 95 Prozent den tatsächlichen Staatsausgaben. Besonders exakt geben die Menschen Renten und Pensionen an, ziemlich überschätzt sind die Werte für das Wohngeld - vermutlich verwechseln viele Arbeitslosengeld-II-Empfänger die übernommenen Kosten der Unterkunft mit diesem anderen Förderprogramm; das Wohngeld macht aber kein Prozent der staatlichen Transferleistungen aus, die Ergebnisse werden also nur wenig verzerrt.

Nicht berücksichtigt in den Zahlen sind Sachleistungen, wenn beispielsweise das Jobcenter einen neuen Kühlschrank finanziert oder die Unterkunft für Asylbewerber. Geldleistungen der Kranken- und Pflege- und Unfallversicherungen fehlen ebenfalls. Gewisse Ausreißer in den Daten - wenn jemand angibt, insgesamt mehr Geld auszugeben, als überhaupt Einkommen übrig ist - wurden herausgefiltert.

© SZ vom 12.02.2020
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