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Touristik:Das Mallorca des Orients

Die Marina Apartments und der Al Hamra Marina Yacht Club in Ras Al Khaimah

Ras al Khaimah ist eine Stunde von Dubai entfernt und soll Touristen anlocken, die Alternativen zu den klassischen Zielen am Mittelmeer suchen.

(Foto: SZ Photo/euroluftbild.de)

Der Tourismus im Emirat Ras al Khaimah wächst so stark wie kaum anderswo. Hier am arabischen Golf lässt sich besichtigen, wie der Urlaub von morgen aussehen könnte.

Hier war nichts außer Wasser und Wüstensand. Doch dann formten große Bagger das künstliche Marjan Island, eine eigene Urlaubswelt mit geschwungener Küstenlinie im arabischen Golf vor dem Ufer von Ras al Khaimah, dem nördlichsten Land der Vereinigten Arabischen Emirate, nur eine Autostunde entfernt von Dubai, jedenfalls außerhalb des Berufsverkehrs. Hier entsteht gerade sozusagen die Antwort der Scheichs auf überfüllte, überalterte und überteuerte Reiseziele am westlichen Mittelmeer. Denn hier ist alles neu, den Internet-Zugang gibt es nicht nur in der Halle, sondern überall. Das Mallorca des Orients ist mit günstigen Preisen für einen Familienurlaub am Strand auch eine Alternative zu den Zielen am östlichen Mittelmeer, die von deutschen Urlaubern in unruhiger Zeit nicht mehr so zahlreich angesteuert werden wie früher, die Türkei und Ägypten.

Die Scheichs von Ras al Khaimah sind keine Ölscheichs, die Quellen liegen weiter südlich. Ihr Wohlstand beruht ursprünglich auf einer florierenden Keramikindustrie und dem größten Zementwerk der Welt. Sie wollen nun den Erfolg von Dubai wiederholen und den Anteil des Tourismus an der nationalen Wirtschaftsleistung auf zehn Prozent verdoppeln. Derzeit gibt es 5000 Hotelzimmer in 22 Beherbergungsbetrieben, die - wie leicht auszurechnen ist - im Normalfall üppig dimensionierte Bettenburgen sind. Das Ziel sind 20 000 Zimmer im Jahr 2025, genug Raum für knapp drei Millionen Gäste jährlich.

Auf der künstlichen Insel Al Marjan sollen dann 20 Hotels stehen, heute ist es eine Handvoll, die in größeren Abständen platziert sind und offenbar sehr lukrativ arbeiten. "Strandhotels, die bereits in Betrieb sind, erzielen im Vergleich mit ähnlichen regionalen Märkten hohe Gewinnmargen", verrät Haitham Mattar, ein weltgewandter früherer Hilton-Manager, den sie zum Chef der Ras al Khaimah Tourism Development Authority gemacht haben, einer Regierungsbehörde mit der Lizenz zum Regulieren und Überwachen.

Der Pauschalreisende soll für Getränke, Spa und Sport zusätzlich viel Geld ausgeben

Die Erfolgsformel ist zumindest in einigen der Hotels ein relativ günstiger Übernachtungspreis, und dann soll der Pauschalreisende vor Ort für Getränke, im Spa und beim Sport am Strand noch einmal richtig viel Geld ausgeben. Mangels Alternativen in der Umgebung, bleibt dem Urlauber kaum etwas anderes übrig.

Diese heile und profitable Kunstwelt ist das Labor des Pauschalurlaubs von morgen. Es wurde jetzt gerade von 620 Mitgliedern des Deutschen Reiseverbandes DRV besichtigt, die hier ihre Jahrestagung abhielten. Reiseveranstalter und Reisebüros wollen ihren Kunden neben den Klassikern auch unbekannte Destinationen anbieten, vor allem in einer Zeit, in der Regionen wie die Türkei und Nordafrika nicht mehr so gefragt sind und mehr Menschen auf eigene Faust losfahren, ohne die Dienste der Reiseprofis in Anspruch zu nehmen.

Mehr als die Hälfte der Ausgaben für Ferienreisen gehen ohnehin bereits an Reiseveranstaltern und Reisebüros vorbei, weil die Leute entweder in Deutschland bleiben oder direkt bei Fluggesellschaften und Hotels buchen, gern auch online, oft nach dem Besuch von Vergleichsportalen.

Diese Suchmaschinen werden nach Meinung der Thomas-Cook-Managerin Stefanie Berk ohnehin von vielen Leuten völlig überbewertet, weil sie eindimensional die Angebote nur nach dem Preis sortieren: "Wollen die Kunden das wirklich?" Viel wichtiger sei es, dass ein Reiseveranstalter seine Leistung wieder mehr in den Vordergrund stellt und die Erwartungen erfüllt.

Disruptive Datenhändler könnten das Geschäftsmodell der Branche zerstören

Um Erwartungen erfüllen zu können, müssen die allerdings erst einmal bekannt sein. Dazu hatte in Ras al Khaimah Kai Diekmann einen Auftritt, der ehemalige Bild-Herausgeber, der gerade zum Fondsmanager mutiert, und als Silicon-Valley-Experte den Reiseexperten ein Schreckensbild ausmalte: Internetkonzerne wie Google und Facebook wissen längst wahnsinnig viel über viele Menschen, weil die ihnen so viel verraten haben - zum Beispiel über hochgeladene Fotos ihre Urlaubsgewohnheiten preisgeben. Wenn Facebook mal neben den Knopf "Like" noch "Book and Buy" setzt, "dann bekommt auch Ihre Branche ein riesengroßes Problem", meint Diekmann. Die Folgen könnten dann so sein wie früher schon bei der Musikindustrie, die disruptiven Datenhändler zerstören das klassische Geschäftsmodell.

Google, Facebook, Amazon - allen gehe es darum, einen Kunden komplett abzubilden: was er tut, wie er konsumiert, was er hört, wie er verreist. Die Daten landen auf Servern in Amerika und dürfen dort anders genutzt werden als in Europa. So entstehe ein Wettbewerbsvorsprung. Der werde immer größer, weil es für das Geschäft mit Daten keine weltweit geltenden Spielregeln gibt. Airbnb ist eine der Plattformen, die Anbieter von touristischen Leistungen mit Urlaubern zusammenbringen, ohne selbst ins Risiko zu gehen. Das ist aus Kundensicht äußerst attraktiv, aber für traditionelle Anbieter von Übernachtungen ein Riesenproblem, sagt Diekmann.

"Wir müssen die neuen Technologien und Möglichkeiten in unserem Geschäft einsetzen", findet DRV-Präsident Norbert Fiebig, und er sieht eine Zukunft für die Reisebüros, wenn es ihnen gelingt, "die Algorithmen der Maschinen mit dem menschlichen Know-how und der Professionalität der Mitarbeiter zu koppeln". Viel Zeit bleibt dafür wohl nicht mehr.

Denn einen deutlichen Beitrag zur Branchendiskussion leistete sich der größte Reiseveranstalter Tui. Er schickte erst gar keine hochrangigen Manager zur Verbandstagung, bei der Vertreter der Reiseveranstalter traditionell versicherten, wie sehr sie die Reisebüros als Vertriebspartner schätzen. Tui-Konzernchef Friedrich Joussen lässt sich dagegen gerade als Pionier der Blockchain-Technologie inszenieren. Bei der sausen fragmentierte Datenpäckchen durch das Internet, direkt hin und her zwischen Reiseveranstalter und Kunden. Diese Blockchains könnten die Welt verändern, das glauben viele nicht nur bei der Tui. Vermittler wie Reisebüros braucht man mit Blockchains nicht mehr - eines mehr oder weniger fernen Tages jedenfalls.

© SZ vom 11.12.2017
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