Süddeutsche Zeitung

Toshiba:Teure Atomkraft

Die Verpflichtungen des maroden japanischen Elektronikkonzerns Toshiba bei der US-Tochter Westinghouse sind noch größer als gedacht.

Toshiba kämpft ums Überleben. Am Dienstag hatten sich die Hausbanken des angezählten japanischen Elektronik-Konzerns zwar dazu bereit erklärt, fällige Kreditrückzahlungen nicht einzufordern, bis Toshiba einen Sanierungsplan habe. Doch am Mittwoch wurde bekannt, dass das Loch in der Kasse der amerikanischen Atom-Tochter Westinghouse noch weit größer sei als bisher angenommen.

Dabei setzt Toshiba seit einigen Jahren auf das Standbein Atomtechnik - und erhält dafür Unterstützung der japanischen Regierung. Der Konzern hat in den vergangenen zehn Jahren sukzessive Westinghouse übernommen, nach eigenen Angaben weltweit der größte Konstrukteur von Atomkraftwerken. Da in Amerika kaum noch Atommeiler gebaut werden, trennten sich die früheren US-Eigner von Westinghouse. Es lohnte sich einfach nicht mehr. Die Branche ordnete sich neu, dabei übernahm Westinghouse vor zwei Jahren CB&I Stone & Webster, ein US-Ingenieurs-und Service-Unternehmen für Atomkraftwerke. Damit hatte sich Toshiba unwissentlich Verpflichtungen von umgerechnet mehreren Milliarden Euro eingehandelt.

Vor dem Jahreswechsel hatte die Aktie bereits 40 Prozent ihres Wertes verloren

Westinghouse selbst macht ebenfalls Verluste: Der Bau eines Atomkraftwerks in Georgien ist mehr als eine Milliarde Euro teurer als veranschlagt, ähnlich ist es bei einem Projekt in China. Toshiba wollte das nicht zugeben und fälschte die Bilanzen. Auch in anderen Sparten des Konzerns wurden jahrelang überhöhte oder erfundene Gewinne verbucht, angeblich auf Druck der Konzernleitung. Toshiba musste deshalb alte Jahresabschlüsse mehr als 1,4 Milliarden Euro nach unten korrigieren. Mindestens 27 Top-Manager waren verwickelt und wurden entlassen. Das Unternehmen hat gegen drei seiner früheren Vorstände Strafanzeige eingereicht.

Als die Verpflichtungen von Westinghouse kurz vor Silvester erstmals bekannt wurden, verlor die Toshiba-Aktie 40 Prozent ihres Wertes. Einige Rating-Agenturen stufen sie als "Junk" - Schrott - ein. Damit dürften sich manche Fonds von dem Papier trennen. Vor allem aber hat Toshiba keine Chance mehr, am Finanzmarkt neues Geld einzusammeln. Die Börse droht sogar, die Aktie aus dem Handel nehmen.

Um sich zu sanieren, hat Toshiba seine Sparte für Haushaltsgeräte an den chinesischen Konkurrenten Midea verkauft, die Medizintechnik ging an Canon. Nun soll auch die PC-Sparte abgestoßen werden. Die Unternehmensführung glaube, so die Wirtschaftszeitung Nikkei, Toshiba könne sich mit seiner Halbleiter-Sparte sanieren, die zudem vom schwachen Yen profitiere. Die Halbleiter-Produktion verlange aber hohe Investitionen, dafür fehle Toshiba das Geld. Einige Banker forderten deshalb, Toshiba sollte auch diese Sparte verkaufen und auf die Atomkraft setzen. Davor schrecken kleinere Gläubiger, besonders japanische Regional-Banken, zurück. Sie haben gesehen, wie Toshiba und Westinghouse mit ihren Atom-Projekten Milliarden verzockten. Und vor ihrer Haustür zeigt die Ruine Fukushima, in die Toshiba auch involviert ist, wie teuer die riskante Atomkraft wirklich ist.

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Quelle:
SZ vom 12.01.2017
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