Danone-Chef:Vom Vorzeigemanager zum Buhmann

Emmanuel Faber chief executive officer of Danone SA poses prior to attend the presentation of the

"Ich zweifle von morgens bis abends an dem, was ich tue", sagt Danone-Chef Emmanuel Faber.

(Foto: Christophe Morin/imago/IP3press)

Danone-Chef Emmanuel Faber verzichtete auf Millionen und gab sich als sozialer Konzernlenker. Jetzt aber beugt er sich dem Druck der Börse und streicht Tausende Stellen.

Von Leo Klimm, Paris

Was ist der Sinn des Lebens? Mit kleinen Fragen hält sich Emmanuel Faber nicht auf. Er spricht gleich die ganz großen an. Auch wenn - oder gerade weil - er keine Antworten darauf hat. "Ich habe den Sinn des Lebens noch nicht gefunden", sagt Faber. Aber er suche danach, jeden Tag. "Ich zweifle von morgens bis abends an dem, was ich tue und wie ich es tue."

Topmanager werden fürs Entscheiden bezahlt. Fürs Starksein. Nicht fürs Zweifeln. Emmanuel Faber, Chef des Pariser Danone-Konzerns, dem Weltmarktführer bei frischen Milchprodukten, sucht und zweifelt und gibt das auch noch zu. "Ich finde nicht, dass ein Unternehmenschef immer stark sein muss und keine Probleme haben darf", sagt er.

Bezahlt wird allerdings auch Faber fürs Entscheiden. Das tut er auch. Wenn nötig, mit Härte. Nur: Emmanuel Fabers Entscheidungen treiben ihn selbst in Widersprüche. Dieses Dilemma wird umso offensichtlicher, weil er anders sein möchte als andere Topmanager. Faber sagt einerseits: "Ein Unternehmen existiert nur, weil es einen sozialen Nutzen hat." Und streicht dann andererseits Tausende Jobs, weil die Börse es ihm diktiert.

2020 war das Jahr, in dem Anspruch und Wirklichkeit in Fabers Tun frontal kollidiert sind. Es begann für ihn mit einem Triumph. Als erster börsennotierter Konzern nahm Danone den von der französischen Regierung neu geschaffenen Status einer société à mission an, eines Unternehmens, das nicht allein nach finanziellem Gewinn strebt. Rücksichtnahme auf soziale Belange, auf die Umwelt und auf die Gesundheit der Menschen zählen seitdem offiziell ebenso zum Firmenzweck.

Alle Marken stehen auf dem Prüfstand

Zum Ende des Jahres hat Faber allerdings einen Sparplan verkündet, und der gleicht dem so vieler anderer Konzerne. 2000 der weltweit 100 000 Danone-Mitarbeiter müssen gehen; außerdem stellt Faber sämtliche Marken des Lebensmittelmultis auf den Prüfstand. So soll jährlich eine Milliarde Euro eingespart werden - und die Rendite, die Investoren zuletzt Missfallen bereitete, bis 2023 um mehrere Prozentpunkte gehoben werden.

Wäre es Fabers erklärtes Ziel gewesen, sich bei einem breiten Publikum unbeliebt zu machen, er wäre nicht anders vorgegangen: Wegen des Sparprogramms geriet der Danone-Lenker in der französischen Öffentlichkeit innerhalb weniger Monate vom sozial-ökologischen Vorzeigechef, der bei Präsident Emmanuel Macron bestens gelitten war, zum profitgetriebenen Kostenkiller. Der Regierung stellt Danone jetzt als Beispiel dafür an den Pranger, wie große Unternehmen in der Corona-Krise gerade nicht handeln sollen. In einer Zeit, die keine Nuancen verträgt, nur noch laute, widerspruchsfreie Gewissheiten, passt einer wie Faber nicht ins Schema. Einer, der die eigenen Widersprüche offenlegt.

Er selbst mag das Wort von den Widersprüchen nicht. Er spricht lieber von einer "Kluft", die er zu verringern suche. Die Kluft zwischen Rendite und Sozialem. Die zwischen dem reichen Hier und dem armen Anderswo - etwa den Orten, wo in Entwicklungsländern Bauern für Danone arbeiten. Die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Keinen Anspruch zu haben, wäre bequemer. Faber müsste sich dann nicht daran messen lassen. Bequemlichkeit kann man ihm nicht vorhalten. Er fühlt sich krank an diesem nassgrauen Dezembertag, den Rollkragenpulli hat er bis unters Kinn gezogen, aber die Fragen zu seinem Leben im Dauerparadox will er schon beantworten. Er kann sich quälen, auch das ist eine Aussage. Bei Danone gilt er manchen gar als Asket, wenngleich als charismatischer, und es mag kein Zufall sein, dass seine Leidenschaft, das Sportklettern, auch eine ziemliche Schinderei ist. Dafür wirkt Faber, 56, grauer Dreitagebart, tiefblaue Augen, selbst in angeschlagenem Zustand so fit, dass er problemlos in einem Werbespot für Anti-Ageing-Joghurt auftreten könnte.

Der Alpenmensch liebt Bergsteiger-Metaphern

Wenn er seine gegenwärtige Lage beschreiben soll, greift der Alpenmensch Faber auf Bergsteiger-Metaphern zurück. "Ich befinde mich auf einem Höhengrat", sagt er. "Ich muss das Gleichgewicht halten, trotz Seitenwinden. Ich muss weitersteigen, ich muss entschieden sein". Nicht zweifeln, nicht hadern.

Wobei das fürchterliche Corona-Jahr 2020 Danone eigentlich schon längst aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Wegen der Restaurantschließungen weltweit sind besonders in der Wassersparte um die Kernmarke Evian die Einnahmen weggebrochen. Danone hat im ersten Halbjahr zwar immer noch 1,1 Milliarden Euro verdient. Das ist Faber aber nicht genug. "Wir wachsen nicht mehr. Ein Unternehmen, das nicht wächst, funktioniert nicht." Selbst wenn Kapital nur ein Mittel sei, kein Selbstzweck, werde es gebraucht, um den Konzern wettbewerbsfähig zu halten. "Sonst endet mit dem Unternehmen auch sein sozialer Auftrag."

Zur Mahnung an diesen Auftrag hat Faber das Porträt eines Obdachlosen in seinem Pariser Chefbüro hängen, das der britische Fotokünstler Lee Jeffries gemacht hat. Die Danone-Doktrin vom Unternehmen als einem "wirtschaftlichen und sozialen Doppelprojekt" hatte schon Firmendynast Antoine Riboud 1972 ausgegeben.

Fabers Problem heute ist, dass sich große Konkurrenten wie Nestlé und Unilever in der Krise besser behaupten. Das bekommt der Danone-Aktie nicht: Sie hat im Lauf des Jahres mehr als ein Viertel ihres Werts eingebüßt. Der Börsenkurs bleibt das Maß der Dinge - dagegen hilft, wie sich in der Krise erweist, auch der erweiterte Firmenzweck nichts. Weil das Danone-Kapital breit gestreut ist, wird der Konzern durch den stetigen Wertverlust immer mehr zum potenziellen Übernahmeziel. Nicht zuletzt auf diese Gefahr reagiert Faber mit dem Sparprogramm, das bei ihm "Transformationsprogramm" heißt.

Er könne es schon aushalten, dass Danone stets ein bisschen weniger rentabel ist als seine Rivalen, beteuert Faber. Zu groß allerdings dürfe der Abstand nicht werden. Die Kluft verringern, darum geht es, auch hier.

Hat sich der Kapitalismus-Pol durchgesetzt?

Muriel Pénicaud, die Danone-Personalvorständin war, ehe sie Frankreichs Arbeitsministerin wurde, beschreibt ihren Ex-Chef als "eine Hochspannungsleitung". Ständig unter Strom, ständig zwischen zwei inneren Polen hin- und hergerissen.

Faber verwahrt sich dagegen, nun habe sich der Kapitalismus-Pol in ihm durchgesetzt. Er verweist darauf, dass sich Danone gerade nicht von wenig qualifizierten Geringverdienern trennt, sondern von Mitarbeitern aus dem mittleren Management. Und für jene, die gehen müssen, lege der Konzern ein zweijähriges Weiterbildungsprogramm auf. Schon gar nicht lässt sich Faber den Vorwurf gefallen, seine Verankerung in der katholischen Soziallehre, das Obdachlosen-Foto in seinem Büro, seine Selbstfindungs-Trips in indische Sterbehäuser, seien am Ende nur eitle Heuchelei.

"Ich habe auf Dutzende Millionen an Betriebsrente verzichtet", sagt er. Zudem spendet Faber einen großen Teil seiner Jahresbezüge, die zuletzt 4,7 Millionen Euro betrugen, für gute Zwecke. "Ich verdiene mehr Geld als ich zum Arbeiten brauche und um jeden Tag motiviert zu sein", sagt er.

Die soziale Gesinnung macht aus ihm allerdings keinen Kumpeltyp. Faber ist als fordernder Chef bekannt, der keine Widersprüche duldet. Seine eigenen sind ihm offenbar genug. Eine Insiderin berichtet, die Stimmung in der Pariser Konzernzentrale sei notorisch schlecht. Fabers Verschleiß an Führungskräften, bis hinauf in den Vorstand, ist beeindruckend. Erst neulich kündigte die Finanzvorständin.

Der Tod des Bruders

Faber ist ein machtbewusster Mann, das ist klar, sonst hätte er es nicht so weit gebracht. Nach Lehrjahren als Banker in London und bei einem mittelständischen Betrieb in der Bretagne kam er 1997 zu Danone. Dort stieg er schnell auf, empfahl sich als Stratege: Erzeugnisse wie Bier, die nicht zum angestrebten Image eines Anbieters gesunder Lebensmittel passten, nahm Faber aus dem Sortiment. Um sich der Abkehr vieler Verbraucher von Milchprodukten anzupassen, kaufte er später für 12,5 Milliarden Dollar einen US-Hersteller von veganen Produkten. Auch für die Plastikverpackungen, die seinem Konzern viel Kritik einbringen, suchte Faber nach Alternativen. Bis 2025 sollen alle Danone-Verpackungen wiederverwertbar sein. Das Geldverdienen verliert er bei alledem nie aus dem Blick. Faber war lange Finanzchef, bis er 2014 an die Konzernspitze rückte. Die Bedeutung der Rendite, um die sich beim Sparplan alles dreht, vergisst so einer nicht.

"Ich bleibe dabei", sagt Faber trotzig, "ich strebe weiter nach einer radikalen Veränderung der Wirtschaft." Sein Posten an der Spitze eines Lebensmittelmultis ermögliche es ihm, viel wirksamer die Welt zum Guten zu verändern, als wenn er etwa bei einer Nichtregierungsorganisation wäre.

Der Sinn des Lebens, der Sinn seines Lebens, ist er das?

Einmal wurde Emmanuel Faber gebeten, an der Pariser Eliteuni HEC einen Managementvortrag zu halten. Faber erzählte den Studenten lieber die Geschichte von seinem an Schizophrenie erkrankten Bruder. Die Einlieferung des Bruders in die Psychiatrie fiel in die Zeit, als Faber selbst HEC-Student war. Es war eine erschütternde Erfahrung, sagt er. Den Bruder begleitete er bis zu seinem Tod. "So etwas," sagt er, "relativiert alles, was sonst noch passiert im Leben."

© SZ
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