Lebensmittel:Zu gut, um wahr zu sein

Hummer aus dem Müll - ´Containern" gegen Verschwendung

Ein großer Teil der Lebensmittel, die noch essbar sind, werden entsorgt. Die App von Too Good To Go will das eigentlich verhindern.

(Foto: Christiane Raatz/dpa)

Too Good To Go kämpft gegen Lebensmittelverschwendung. Experten bezweifeln den Nutzen.

Von Paula Protzen, Larissa Rehbock und Annika Scholz, Dortmund

Glaubt man dem Start-up Too Good To Go (TGTG), wurden dank seiner App schon mehr als sechs Millionen Lebensmittelportionen vor dem Mülleimer gerettet. "Wir träumen von einer Welt ohne Food Waste und arbeiten jeden Tag daran, dies in die Tat umzusetzen." So formuliert die dänische Firma die Vision auf ihrer Website. Supermärkte, Restaurants, Fast-Food-Ketten und deren Kunden sollen Teil der "Bewegung" gegen Lebensmittelverschwendung werden.

Die Idee des Unternehmens ist simpel: Kunden können Lebensmittel beispielsweise kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums in einem Supermarkt per App zu einem vergünstigten Preis kaufen. Eine Bio-Kiste Obst und Gemüse kann dann nur noch 3,90 Euro kosten, ein Bruchteil des üblichen Preises. Auch abgepackte Lebensmittel wie Cornflakes und Joghurts sind billiger und werden im Idealfall vor der Mülltonne verschont.

Doch selbst bei positiven Beispielen bleiben Fragen offen, wie bei Antonio Link. Der Geschäftsführer des Restaurants Hopfen & Salz in Dortmund macht seit Juni 2019 bei TGTG mit. "Wir entscheiden von Tag zu Tag, was über die TGTG-App abgegeben wird", sagt er. "Manchmal hat der Kellner einfach eine falsche Bestellung aufgenommen." Es sei zu schade, das Essen dann wegzuschmeißen. Portionen, für die seine regulären Gäste eigentlich neun Euro zahlen, verkauft er dann für drei Euro am Abend über die App. In dem Fall kann dank TGTG Essen gerettet werden.

Allerdings: Von den drei Euro muss Link noch die Mehrwertsteuer und die Provision von TGTG abziehen. "Am Ende bleibt dann ein Euro für ein ganzes Schnitzel mit Beilagen", sagt Link. Die gut gemeinte Initiative wird dann zum Verlustgeschäft für den Gastronomen. Link kann die Höhe der Provision von TGTG nicht nachvollziehen. "Mittlerweile verschenken wir manchmal lieber das Essen, weil für uns der Nachhaltigkeitsgedanke wichtiger ist als die App", sagt Link.

Je größer die Kooperationspartner, desto lukrativer das Geschäft

Das wiederum ist nicht gut für TGTG. Das Start-up will wachsen und um das zu tun, braucht es möglichst viele Bestellungen über seine App. Nur daran verdient es. Die Logik dabei ist einfach: Je größer die Partner und je zahlreicher deren Verkaufsstätten, desto wahrscheinlicher ist es, dass TGTG mitverdient und wächst. Die Kooperation mit Lebensmittelkonzernen oder Restaurantketten liegt aus Start-up-Sicht daher nahe. Auf der langen Liste der mehr als 5700 Unternehmen, mit denen TGTG kooperiert, stehen daher nicht nur kleine, inhabergeführte Betriebe; Partner sind zunehmend auch Konzerne wie Netto, Edeka, Shell, Nordsee, Starbucks oder Rewe.

Die Kooperation mit der Schnellrestaurantkette Nordsee veranschaulicht, wie lukrativ große Kunden für TGTG sind. Laut Nordsee generiert das Schnellrestaurant über die TGTG-App im Durchschnitt mehr als 380 Kunden pro Tag und mehr als 2600 Kunden in der Woche. Verteilt auf die 186 Filialen in Deutschland ist das für die Nordsee mit einem Umsatz von mehr als 320 Millionen Euro kein übermäßig attraktives Geschäft. Für das Start-up TGTG sind Tausende Bestellungen pro Woche hingegen ein entscheidender Wachstumsfaktor.

Das damit verbundene Problem zeigt der Blick in einen Vertrag, der der SZ vorliegt: Die Konzerne müssen so gut wie nichts an ihrer Geschäftspraxis ändern, wenn sie mit TGTG kooperieren. Um beim Start-up mitzumachen, müssen laut Vertrag weder Lieferketten bestimmte Standards erfüllen noch die Herstellung irgendwelche Kriterien beinhalten, die als nachhaltig gelten. Das Start-up zieht sich im Wesentlichen darauf zurück, dass seine Partner die geltenden Gesetze einhalten.

Kurzum: TGTG legt den Großen keine Steine in den Weg. Nordsee etwa teilt mit, fast nichts umgestellt zu haben, um die allgemeinen Geschäftsbedingungen von TGTG zu erfüllen. "Es mussten lediglich die technischen Zugriffsmöglichkeiten wie IT und Firewall angepasst werden", sagt ein Sprecher.

Ein volles Regal kurz vor Ladenschluss - schließlich lässt sich der Rest über die App verkaufen

So kämpft TGTG zwar offiziell gegen Lebensmittelverschwendung. Die Verträge deuten aber darauf hin, dass das Start-up lediglich eine zusätzliche digitale Vertriebsplattform für Konzerne sein könnte. Nachfragen zur Vertragsgestaltung weicht das Unternehmen aus, verweist auf eigene Nachhaltigkeitsprojekte und betont, dass "wirklich nur das überproduzierte Essen über die App angeboten" werde. Sollte es trotzdem zu ungewöhnlichen Aktivitäten kommen, würde das von unserem Partner-Management sofort bemerkt werden", sagt ein Sprecher. Wie genau, bleibt offen.

Um das Ziel einer nachhaltigen Lebensmittelindustrie zu erreichen, reicht es der Umweltschutzorganisation WWF zufolge jedoch nicht aus, wenn Unternehmen nur schauen, welche übrig gebliebenen Lebensmittel sie noch verkaufen können. "Die Verteilung der Überproduktion ist nicht ausreichend. Notwendig ist vielmehr ein verantwortlicher Umgang entlang der gesamten Lebensmittelversorgungskette, vom Acker bis zum Handel", sagt Tanja Dräger de Teran, Referentin für Ernährung, Landwirtschaft und Artenvielfalt des WWF. Die Expertin hält TGTG zwar zugute, die Verbraucher für das Problem der Lebensmittelverschwendung zu sensibilisieren. Das Start-up helfe aber nicht bei einer Transformation des Ernährungssystems.

Vielmehr könnte die App Lebensmittelhändler sogar dazu anreizen, bis kurz vor Ladenschluss eine prall gefüllte Theke vorzuhalten. Dieser Wunsch der Kunden gilt als Hauptproblem für zu viel produzierte Lebensmittel. 2018 untersuchte der WWF Ausmaß und Ursachen für die Verschwendung von Brot und Backwaren. Das Ergebnis: Die Akzeptanz fast leerer Regale ist selbst am Abend sehr gering. Kunden erwarten, auch um 18 Uhr noch eine Vielfalt an frischen Backwaren.

Die Selbstbedienungsbäckerei Backwerk, ebenfalls Partner von TGTG, bestätigt das: "Wir versuchen, unseren Gästen ein möglichst breites und attraktives Angebot bis Ladenschluss zu bieten", sagt ein Sprecher. TGTG nennt er eine sinnvolle Ergänzung zum Tagesgeschäft.

Die App hilft den Mitgliedern, dank eines zusätzlichen Absatzkanals konkurrenzfähig zu bleiben. TGTG verdient bei all dem mit, trägt aber wohl nicht wesentlich dazu bei, die Strukturen zu ändern, die zur Überproduktion von Lebensmitteln führen.

© SZ
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