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Bei uns in Tokio:Zwischen Bäumen und Betonpfeilern

Der Stadtteil Tatsumi steht für die faszinierende Einheit der Widersprüche. Es lohnt sich, ein Paar Ohropax griffbereit zu haben.

Von Thomas Hahn, Tokio

Ein Foto, aufgenommen am Mittwochabend im Tatsumi-no-Mori Ryokudo Park. Eine Kleewiese, ein junger Baum, im Hintergrund üppiges Laub. Ein grünes Idyll, einladend. Zumindest erscheint es so. Denn was man auf dem Bild nicht sieht, ist die Geräuschkulisse. Direkt über dem Park verläuft ein Gewirr mächtiger Autobahnbrücken. Das Dröhnen des Tokioter Individualverkehrs ist hier so laut, dass im Sommer sogar die Zikaden Komplexe bekommen.

Aber warum muss man einen Ort immer auf seine Nachteile reduzieren? Der Stadtteil Tatsumi in Tokios Ostbezirk Koto steht für die faszinierende Einheit der Widersprüche. Er ist eine Insel im Hafengebiet mit U-Bahn-Anschluss. Besitzt eine ausdrucksstarke Gesichtslosigkeit. Und besticht mit Wohnlagen, die man in teuren Bezirken wie Shibuya oder Shinjuku vergeblich sucht. In Tatsumi kann man am Wasser leben, im Grünen, im Grauen, am Autobahnkreuz. Wer lange genug in dieser urbanen Erlebniswelt zugebracht hat, hört irgendwann sicher auch das ewige Rauschen der Straßen nicht mehr.

Bäume und Betonpfeiler vereinen sich hier zu einem Wald der besonderen Art. Das örtliche Schwimmbad ist großartig - so großartig, dass Normalbürger dort oft gar nicht schwimmen können. Im Tatsumi International Swimming Centre finden viele große Wettkämpfe statt. Immerhin daran könnte sich bald etwas ändern. Nur ein paar hundert Meter weiter ist nämlich eine neue Schwimmhalle entstanden. Ein eleganter Klotz.

Das sogenannte Tokyo Aquatic Centre wurde erbaut für die allseits unbeliebten Olympischen Spiele, die diesen Sommer laut Regierung trotz Pandemie unbedingt stattfinden sollen. Ob die Einheimischen das Gebäude wirklich wollten, ist schwer zu sagen. Aber das war den staatlichen Olympia-Betreiber wohl ohnehin nicht so wichtig. Im Tatsumi-no-Mori Beach Park war eben eine Ecke mit Bäumen frei, also ging es los. Topmoderne Anlage, nicht ganz billig. Die Baukosten sollen nach ein paar Kürzungen immer noch 56,7 Milliarden Yen betragen haben, umgerechnet etwa 432 Millionen Euro. Dafür wurde das Dach zuerst gebaut, was so noch nie gemacht worden sei, hieß es damals. Ist ja vielleicht auch nicht die beste Idee. Denkt man als Laie.

Irgendwie kommt man trotzdem gerne her. Tokio ist oft so eng und zubetoniert. In Tatsumi hat die Natur auch verloren, aber hier wächst sie wenigstens noch ein bisschen unter den dröhnenden Brücken. Es gibt richtiges Gebüsch, man kann sich ins Gras fallen lassen. Und mit Ohropax wäre sogar ein Picknick möglich.

© SZ/vit
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