Tierschutz:Tiere auf Irrfahrt durchs Mittelmeer

Tierschutz: Junge Bullen, völlig verdreckt: So sehen manche Tiere nach einem langen Schifftstransport aus.

Junge Bullen, völlig verdreckt: So sehen manche Tiere nach einem langen Schifftstransport aus.

(Foto: AI/AWF)

Der Handel mit lebenden Rindern floriert. Doch das lukrative Geschäft hat eine dunkle Seite. Tierschützer haben bei Schiffstransporten erschreckende Missstände dokumentiert.

Von Silvia Liebrich und Oda Lambrecht, Hamburg

Am sechsten Tag wird die Lage der Tiere auf dem Schiff immer kritischer. Kurz vor dem Ziel in Ägypten zeigt das Thermometer unter Deck 30,3 Grad Celsius, die Luftfeuchtigkeit erreicht 92 Prozent. Viele Rinder liegen tief in ihren Exkrementen, sind völlig verdreckt. Einige sind verletzt, andere zeigen deutliche Zeichen einer Infektion. Rotz tropft ihnen aus der Nase, die Augen haben sich entzündet, sie atmen schwer.

Szenen wie diese sind offenbar keine Seltenheit. Tierschützer haben sie im vergangenen Herbst bei einer Überfahrt von Kroatien nach Ägypten aufgenommen. Zwei Jahre lang hat die Organisation Animal Welfare Foundation solche Schiffstransporte von europäischen Häfen in Länder außerhalb der EU beobachtet und zahlreiche Tierschutzprobleme und Verstöße gegen EU-Recht dokumentiert. Ihr Abschlussbericht liegt der Süddeutschen Zeitung und dem NDR vor.

Insgesamt sechs Tage, solange ist das Schiff vom kroatischen Hafen Rasa nach Alexandria unterwegs. Drei trächtige Kühe verenden bereits während der ersten vier Tage. Bis zum Ende des Transports steigt die Zahl der toten Tiere auf neun, auch weil es keine geeigneten Medikamente an Bord gibt. Endlich angekommen, müssen die Tiere drei weitere Tage auf dem Schiff bleiben. Neben Bullen, männlichen Kälbern und Kühen ist auch eine Gruppe italienischer Büffel dabei, die grundsätzlich nicht nach Ägypten eingeführt werden darf.

1678 Tiere sollen an Bord, es muss schnell gehen

Bilder wie diese zeigen die Schattenseite eines Exportbooms, den Agrarverbände und Politik als große Erfolgsgeschichte betrachten. Lebende Schlacht- und Zuchttiere aus der EU sind im gesamten Mittelmeerraum gefragt. Frankreich, die Niederlande, Ungarn und Deutschland stehen auf der Liste der Lieferländer weit oben. Zu den wichtigen Importeuren gehören nach Angaben des Statistischen Amtes der EU die Türkei, Libanon, Algerien und Ägypten. Rinderexporte in diese Region haben sich in den vergangenen drei Jahren beinahe verdoppelt auf 650 000 Tiere. Gesamtwert 2016: mehr als 800 Millionen Euro.

Beim Beladen des Schiffs, das am 8. Oktober den Hafen von Rasa verlässt, muss es schnell gehen. Volle Lastwagen stehen Schlange am Kai. Über eine steile Rampe werden die Tiere an Bord getrieben. Laut Frachtunterlagen sind es genau 1678 Stück. Tierärzten im Hafen bleibt kaum Zeit zu prüfen, ob sie gesund sind, obwohl das vorgeschrieben ist. Manche Rinder geraten in Panik, springen auf andere auf oder verkeilen sich im Gestänge.

Im Schiffsbauch ist es eng und dunkel. Auf den Aufnahmen sind rostige Boxengitter mit geborstenen Metallstücken zu sehen, an denen sich Tiere verletzten können. Die blanken Metallböden sind nur spärlich mit Streugut bedeckt, so dass die Tiere kaum Halt finden. Eines von fünf Decks ist so niedrig, dass die Kälber dort nur schwer von den Arbeitern mit Wasser und Futter versorgt werden können.

Dem "good will" der Schiffsbesatzung überlassen

"Ab den europäischen Häfen wird europäisches Recht systematisch gebrochen, ab hier endet jede Kontrollmöglichkeit", kritisiert Iris Baumgärtner von der Animal Welfare Foundation. Sie beobachtet Tierexporte seit Jahren und schult auch deutsche Polizeibeamte für Straßenkontrollen. Ab dem Hafen seien die Tiere oft dem "good will" der Schiffsbesatzungen überlassen, meint sie. Dabei verlangen die Regeln der EU, dass Exporteure für das Wohlergehen der Tiere bis zum Ziel sorgen müssen. Der EU-Gerichtshof hat das 2015 in einem Urteil klargestellt. Doch in der Realität werde das kaum eingehalten, sagt Baumgärtner. Was nach dem Ablegen aus einem EU-Hafen geschehe, werde von den Mitgliedstaaten nicht mehr kontrolliert.

1300 Kilometer mit dem Lastwagen, dann 5000 Kilometer Seeweg

Viele der Schiffe für Tiertransporte im Mittelmeer sind offenbar in schlechtem Zustand - die Tierschützer haben insgesamt 56 Schiffe im Mittelmeerraum untersucht. Bei den meisten handelt es sich um ausgemusterte Frachter oder Fähren, ihr Durchschnittsalter liegt den Angaben zufolge bei 35 Jahren. Nur zwölf der Schiffe stehen auf der sogenannten weißen Liste, die Schiffen einen hohen Sicherheitsstandard bescheinigt. Der Großteil erfüllt gerade einmal Mindestanforderungen, fährt unter Billigflaggen mit hohem Sicherheitsrisiko, ist registriert in Ländern wie Sierra Leone, Kambodscha, Togo oder dem Libanon.

Auch das Schiff, das lebende Fracht von Kroatien nach Ägypten bringt, ist seit gut 40 Jahren auf den Meeren unterwegs. An den Ohrmarken lässt sich erkennen, dass auch drei Schwarz-Bunte-Kühe aus Norddeutschland darunter sind. Das bedeutet mindestens 1300 Kilometer Transport auf dem Lastwagen und dann noch einmal 5000 Kilometer Seeweg.

Michael Marahrens vom Friedrich-Loeffler-Institut, einer Bundesforschungseinrichtung für Tiergesundheit, stuft Transporte über eine so lange Strecke als "äußerst belastend" für die Tiere ein. Er hat sich das Material der Tierschützer angesehen. "Ich würde in einigen Fällen sogar von tierschutzwidrig sprechen", sagt er über die Zustände auf dem Schiff. "Die Tiere stehen in ihrem eigenen Mist, sind dadurch ständig feucht und können sich nicht selber mit adäquaten Futtermitteln versorgen." Behörden müssten im Vorfeld kontrollieren, ob während der Transporte Risiken bestünden. Wenn ja, dürften sie nicht abgefertigt werden, sagt er.

Über Tiertransporte wird nur ungern geredet

Die Spur der drei Kühe führt auf einen Hof nach Ostfriesland. Dort wurden sie 2014 geboren und verkauft. Weder der Landwirt noch der Viehhändler wollen sich offiziell zu den Umständen äußern. Tiertransporte, egal ob mit dem Schiff oder per Lkw, sind ein heikles Thema, über das in der Branche nicht jeder gern redet.

Nicht so Christoph Busch, Exportleiter der Allgäuer Herdebuchgesellschaft und seit gut 20 Jahren im Geschäft. "Braun- und Fleckvieh aus Süddeutschland sind in der Türkei, in Marokko, Saudi-Arabien oder Ägypten gefragt", erklärt er. "Unsere Tiere sind robust, sie passen sich gut an das heiße Klima dort an". Das Interesse an einer eigenen Milchwirtschaft sei in den Ländern groß. Der Rinderzuchtverband betreibt in Kempten eine von vielen Sammelstellen für den Verkauf und Export von Vieh. Die Bauern verkaufen hier ihre Tiere.

Das Exportgeschäft läuft in diesem Frühjahr auch im Allgäu gut an - eine Bilderbuchlandschaft mit Kühen auf saftig grünen Wiesen, die viele Urlauber anlockt. Doch die Bauern hier haben ein Problem: die Weidewirtschaft bringt zu viele Milchkühe hervor. Der Verkauf ist für die Landwirte angesichts niedriger Milchpreise zudem ein willkommener Zusatzverdienst. 1200 bis 1500 Euro können sie derzeit laut Busch für eine gesunde, trächtige Kuh erzielen. Käufer im Ausland zahlen pro Tier 2000 bis 2200 Euro.

Tierärzte? Nicht zwingend vorgeschrieben

Die Zustände auf dem Schiff nach Alexandria machen auch Busch wütend. Er zeigt auf das Bild eines Tiers mit abgebrochenem Horn und offener Kopfwunde. "Das hätte ein Veterinär an Bord versorgen müssen", sagt er. Doch ein Arzt ist nicht zwingend vorgeschrieben. Inakzeptabel ist für ihn auch, dass die Rinder im eigenen Dreck stehen. Es dürfe nicht sein, dass Tiere so leiden. "Firmen und Organisationen, die dafür verantwortlich sind, müsste man die Lizenz nehmen", fordert er. Sie brächten die ganze Branche in Verruf.

Dann legt Busch Fotos auf den Tisch, die einen anderen Eindruck vermitteln: helle Schiffsbäuche mit sauber eingestreuten Boxen ohne rostige Ecken und Kanten. Er selbst hat sie bei einer Fahrt nach Marokko aufgenommen. Er sagt aber auch: "Wir nehmen nicht jedes Schiff". Die Planung müsse mit der Reederei, Veterinären und dem Schiffspersonal genau abgestimmt sein. "Da muss alles in einwandfreiem Zustand sein. Wer kranke oder verletzte Tiere liefert, verliert Geld - und was noch schlimmer ist, er verliert das Vertrauen seiner Kunden", sagt Busch, der Abnehmer regelmäßig besucht und auch die Bedingungen vor Ort anschaut.

Was am Zielort mit den Tieren geschieht, lässt sich kaum prüfen

Doch nicht alle Exporteure kümmern sich offenbar so um das Wohl der Tiere. Auf den Bildern sind viele junge Bullen mit Ohrmarken aus Ungarn und den Niederlanden zu sehen. Tierschützer vermuten, dass sie kurz nach der Ankunft geschlachtet werden, teilweise unter grausamen Bedingungen, wie Aufnahmen der Organisation Animals International zeigen. An den Hinterbeinen gefesselt werden sie über den Boden geschleift, noch lebend wird ihnen die Kehle durchgeschnitten. Zwar müssen Exporteure angeben, ob sie Schlacht- oder Zuchttiere ausführen. Was am Zielort mit ihnen geschieht, lässt sich aber kaum prüfen, es gibt keine verlässlichen Statistiken.

Doch wer trägt am Ende die Verantwortung für solche Missstände? Tierschützer sehen die EU, die Mitgliedstaaten und Ämter in der Pflicht. "Die abfertigenden Veterinärbehörden genehmigen die Transporte in dem Wissen, dass sie niemals die vorgeschriebenen Rückmeldungen der Transporte bis zum Zielort erhalten werden", sagt Iris Baumgärtner. Die Animal Welfare Foundation fordert daher ein generelles Ausfuhrverbot lebender Tiere. Agrarverbände und Politik lehnen das strikt ab.

Tatsächlich hat die EU die Regeln für Tiertransporte in den vergangenen Jahren verschärft. Ein Sprecher der Kommission macht aber auch deutlich, dass die Mitgliedsländer sicherstellen müssten, dass diese Regeln eingehalten werden. Im Berliner Agrarministerium heißt es dazu, dies sei Sache der Bundesländer. Doch dort zeigt man mit dem Finger nach Brüssel und Berlin. Niedersachsens Agrarminister Christian Meyer (Grüne) betont, sein Land habe keine Rechtsgrundlage, um Transporte in Drittländer zu stoppen. Dass es Defizite gibt, leugnet er nicht: "Wir haben große Probleme, gerade mit Tiertransporten, die außerhalb der EU stattfinden."

Für die Tiere auf dem Schiff nach Alexandria geht das Leiden nach der Ankunft weiter. Viele Tiere sind krank, doch an Land dürfen sie nicht. Die Behörden verbieten wegen der Büffel zunächst das Entladen. Erst nach weiteren drei Tagen dürfen die meisten von Bord, während die Irrfahrt der Büffel weitergeht: erst zurück nach Kroatien, dann über die Türkei in den Libanon, wo sie am 4. November das Schiff verlassen. Danach verliert sich ihre Spur, wie die vieler anderer Tiere, die aus der EU ausgeführt werden.

Ein ausführlicher Bericht läuft am Dienstag, 18. April, um 21.15 Uhr auf NDR3 in "Panorama 3".

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