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Tierschutz:"Die Verbraucher wollen kein Leid mehr sehen"

Niedersachsens Agrarminister Gert Lindemann will das Leid in den Ställen beenden: Mit einem 38-Punkte-Plan soll der Schutz von Nutztieren bis 2018 schrittweise verbessert werden. Nur die Bauern muss er davon noch überzeugen.

Jeden Morgen gibt es diesen einen kritischen Moment. "Wenn die Sonne noch tief steht und nur einen schmalen Streifen Licht auf den Hallenboden wirft, werden die Tiere auf einmal unruhig", erzählt Christian Sürie, Leiter des Lehr- und Forschungsguts Ruthe. "Plötzlich rennen die Puter los. Jeder will sich einen Platz im Lichtkegel ergattern." Weil der Streifen aber zu schmal sei für alle, würden die Tiere aggressiv. "Im Extremfall beginnen sie, mit ihren scharfen Schnäbeln wild aufeinander einzuhacken und zu picken."

Lindemann sieht Tierschutzplan auf gutem Weg

Gut ein Jahr nach dem Start sieht der Landwirtschaftsminister den niedersächsischen Tierschutzplan auf einem guten Weg. Mit einem 38-Punkte-Plan will Lindemann den Schutz von Nutztieren bis 2018 schrittweise verbessern.

(Foto: dpa)

Sürie steht in einem Gang hoch oben über einer Putenmast-Halle des Forschungsguts, das zur Tierärztlichen Hochschule Hannover gehört. Links und rechts befinden sich Fenster, durch die man nach unten zu den Tieren sehen kann. Im Moment ist alles ruhig. Doch wenn sie aggressiv werden, kann es schlimmste Verletzungen geben, bis hin zum Tod. "Deshalb mussten wir uns etwas einfallen lassen", sagt Sürie und macht eine kurze Pause. "Wir achten jetzt sehr genau darauf, dass morgens die Vorhänge der Halle zu sind." Eine einfache Lösung. In diesem Fall funktioniert sie. Doch sind Vorhänge leider kein Allheilmittel.

Gert Lindemann, Niedersachsens Agrarminister, weiß das. "Was mich aber noch viel mehr frustriert", sagt der CDU-Politiker, nachdem er Sürie aufmerksam zugehört hat, "ist das, was mir Experten immer wieder mitteilen: Es kann alles gleich sein, die Luft, das Futter, der Platz, das Licht - bei drei Tests bleiben alle Tiere ruhig, beim vierten geht auf einmal die Pickerei los. Niemand weiß warum."Viele Bauern sind empört über den CDU-Mann.

"Von einem CDU-Mann haben wir das nicht erwartet"

Lindemann aber will eine Erklärung. Und er braucht sie auch. Denn er war es, der das Thema Tierschutz im vergangenen Jahr erstmals ganz oben auf die Agenda gesetzt hat. Im Februar 2011, Lindemann war noch keine fünf Wochen im Amt, hatte er einen Tierschutzplan vorgelegt, der bundesweit einmalig war - und vielen Bauern die Sprache verschlug: Zwölf Tierarten sind dort aufgelistet samt rund 40 problematische Maßnahmen, die in der Nutztierhaltung verbreitet sind, darunter das fast schon routinemäßige Schnabelkürzen bei Puten und Legehennen, das Wegbrennen der Hornansätze bei Kälbern und das Kastrieren von Ferkeln. All das geschieht häufig ohne Betäubung.

Umstritten sind diese schmerzhaften Maßnahmen schon lange. Doch Lindemann war der erste, der sie konkret auflistete und vor allem: mit einem Datum versah, bis zu dem sie überflüssig sein sollen. So soll bei Legehennen bis 2016, bei Puten bis 2018 auf das Kürzen der Schnäbel verzichtet werden. Inzwischen haben fast alle Bundesländer nachgezogen und ähnliche Ziele entwickelt. Manche Landwirte, die schon heute ihrer Tiere besser schützen als vom Gesetz vorgeschrieben, begrüßen das Vorhaben. Viele andere Bauern sind empört. Von einem Grünen hätten sie so etwas vielleicht erwartet, aber nicht von einem CDU-Mann."Die Verbraucher wollen keine Bilder mehr sehen von leidenden Tieren"

Fleischstandort Nummer eins

Lindemann, der von 2005 bis 2010 beamteter Staatssekretär im Bundeslandwirtschaftsministerium gewesen war, erst unter Horst Seehofer, dann unter Ilse Aigner (beide CSU), hatte sich eigentlich bereits in den Ruhestand verabschiedet. Doch dann stolperte Niedersachsens Agrarministerin Astrid Grotelüschen über Vorwürfe, eine Lobbyistin der Geflügelindustrie zu sein, und Ministerpräsident David McAllister brauchte einen Nachfolger: Lindemann musste ran. Nach kurzem Zögern nahm der damals 63-Jährige an und tat sofort kund, worin er seine vordringliche Aufgabe sah: im Tierschutz.

Niedersachsen ist Fleischstandort Nummer eins. In keinem anderen Bundesland spielt die Nutztierhaltung eine so große Rolle. "Die Verbraucher wollen keine Bilder mehr sehen von leidenden Tieren", sagt Lindemann. Schon aus eigenem Interesse müssten die Landwirte solche Zustände abstellen. "Andernfalls verlieren sie den Rückhalt in der Bevölkerung." Der Tierschutzplan war seine erste Amtshandlung. Seit Monaten laufen Untersuchungen und Praxistests, um herauszufinden, wie man die Probleme lösen kann.

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