Tierhaltung An manchen Tagen zahlt der Bauer Eintritt für seinen Stall

Etwa zur selben Zeit saß Ralf Remmert in seinem Schweinestall und fasste den Entschluss, einen "dritten Weg" der Schweinehaltung zu finden. Er dachte über die Schweine seiner Großmutter nach, die im Sommer zufrieden im Gras unter dem Kirschbaum lagen. Er wollte den Tieren ein Leben irgendwo zwischen Paradies und Trostlosigkeit ermöglichen - günstiger als Bio, damit die Verbraucher auch zugreifen. "Ich wollte nicht mehr auf die Politik warten", sagt Remmert. Er gab seinen Tieren etwas mehr Platz, fütterte ihnen eine Mischung aus Heu und Mineralien zu, die er auf eine Gummimatte warf, damit es den Spaltenboden nicht verstopft, gab ihnen eine feste Liegefläche zum Ausruhen, Einstreu zum Wühlen - und im Sommer schmiss er Maiskolben in den Stall. Remmert schnitt den Tieren erst ein Stückchen weniger vom Schwanz ab - und ließ ihn dann ganz am Ferkel.

"Am Anfang haben alle gesagt: Das ist Blödsinn, unbezahlbar", sagt Remmert. Landwirte, Freunde, seine Familie. Und auch die Mäster, denen er die Hälfte seiner Ferkel verkauft, zögerten. Warum sollten sie freiwillig das Risiko tragen, dass sich die Tiere im Stall blutig beißen? Heute hat er feste Abnehmer in Niedersachsen. Als aber im vergangenen Herbst einer ausfiel, kämpfte Remmert ein paar Wochen lang mit Platzproblemen im Stall. Er fand zunächst keinen alternativen Mäster. "Da hab ich selbst gedacht, warum gibst du dir das?", sagt Remmert.

Sensibles Körperteil: Der Ringelschwanz zeigt oft an, ob es dem Schwein gut geht.

(Foto: Katrin Langhans)

Das gesetzeskonforme Schwein ist in Deutschland die Ausnahme.

Und es ist teuer - zu teuer. "Es gibt Tage, da zahle ich Eintritt in meinen Stall", sagt Remmert mit einem müden Lächeln. Im Januar habe der Ferkelpreis bei etwa 40 Euro gelegen, das deckte nicht einmal die Produktionskosten von etwa 50 Euro pro Tier. Für so wenig Geld könne man kein Schwein gut halten. Remmerts Stimme hebt sich am Satzende, fast so als würde er eine Frage stellen. Sein Blick schweift durch den Stall. "Ideal ist auch das hier nicht, aber es ist ein Anfang", sagt er. Zwei private Investoren unterstützen mittlerweile sein Vorhaben. "Ohne die ginge es nicht", sagt er. Wenn die Tiere vom Ferkel über die Gruppenhaltung der Sau bis hin zum Mastschwein besser leben sollen, müsste er etwa 20 Prozent mehr verdienen, um ohne Hilfe wirtschaftlich zu arbeiten.

Deutschland bricht das Recht, anstatt die Haltung zu verbessern

Zwanzig Prozent mehr für ein Kilo Fleisch, das ist auch die Summe, die Landwirtschaftsminister Christian Schmidt für sein geplantes Tierwohllabel veranschlagt, dessen Umsetzung in den Händen der nächsten Regierung liegt. Es böte dem Tier in der ersten von drei Stufen neben etwas mehr Platz kaum eine spürbare Verbesserung. Landwirte können im Einzelfall Schweinen auch weiterhin die Schwänze abschneiden. "Es ist paradox, dass Deutschland aus Angst vor Kannibalismus das Recht bricht, anstatt die Haltung zu verbessern", sagt Angela Dinter von der Organisation Provieh. Die Tierschutzorganisation reichte 2009 Beschwerde bei der EU ein wegen des Schwanzabschneidens in Deutschland. Seither liefern sich die Parteien einen heftigen Briefwechsel.

Selbst Ralf Remmert hat manchmal Angst, dass in seinem Stall das Schwanzbeißen ausbricht. "Auch ich habe kein Patentrezept", sagt er. Aber bisher sei das große Blutbad ausgeblieben. Remmert öffnet die Tür zu seinem neuen Stall, den er vor einem halben Jahr in Betrieb genommen hat. Wenige Wochen alte Ferkel flitzen herum, ihre Ohren fliegen um ihre Köpfe. Neben einer Gemeinschaftsfläche in der Mitte des Raums hat jede Schweinefamilie seitlich einen eigenen Bereich, den die Tiere verlassen können, wann sie wollen. Futter gibt es für alle in einem Futtertrog in der Mitte.

"Schweine sind soziale Tiere"

In diesen Stall hat Remmert alle seine Ideen gesteckt, all seine Hoffnung. Er sei mit einem Stallbauer im Gespräch, sagt er und plane bereits das nächste Projekt. Ein Stall, in dem die ganze Schweinefamilie ein Leben lang zusammen bleibt. Es ist ein Konzept, bei dem die Geschwister bis ins Mastschweinalter hinein gemeinsam gemästet werden und die Muttersau immer in Sichtweite bleibt. "Ferkel trauern, wenn sie die Mutter verlassen müssen", sagt Remmert. Den Umzug müsse man sich aus der Perspektive der Tiere so vorstellen: Das Ferkel ist gerade mal fünf Wochen alt und muss sich allein in einer neuen Umgebung zurecht finden. Es ist gestresst, quiekt nach der Mutter, oft tagelang.

Ralf Remmert hebt ein Ferkel vom Boden auf. "Schweine sind soziale Tiere, die Haltung hat sich nur immer mehr von ihren den Bedürfnissen entfernt", sagt er. Das kleine Ferkel quiekt kurz, zappelt, liegt dann aber ruhig in seinem Arm und beobachtet den Besuch mit seinen wachen braunen Augen.

Landwirtschaft Ein ökologisches Desaster vor unseren Augen

Landwirtschaft im Wandel

Ein ökologisches Desaster vor unseren Augen

Die glücklichen Ferkel auf der Grünen Woche täuschen über eine fatale Entwicklung hinweg: Die Landwirtschaft hat mit Land nicht mehr viel zu tun, dafür umso mehr mit Wirtschaft.   Kommentar von Markus Balser