Tiefensee im Gespräch:"Bahn-Börsengang nicht mehr auf Agenda"

Lesezeit: 3 min

Pleiten, Pech und Pannen: Minister Tiefensee wirft Bahn-Chef Mehdorn Fehlentscheidungen vor und erteilt dem Börsengang eine Absage.

M. Bauchmüller

SZ: Herr Tiefensee, Streit um Ticketgebühren, angeknackste ICE-Achsen, jetzt noch eine Datenaffäre: Viel Freude kann die Bahn dem Verkehrsminister derzeit nicht machen.

Minister Tiefensee: "Der Börsengang der Bahn steht nicht mehr auf der Agenda"

Verkehrsminister Tiefensee über Bahn-Chef Mehdorn: "Mein Vertrauen ist nicht uneingeschränkt."

(Foto: Foto: ddp)

Tiefensee: Ganz so sehe ich es nicht. Es gibt eine Menge, das an der Bahn nach wie vor Freude bereitet, und wir haben in den letzten Jahren vieles erreicht. Aber es stimmt: Die Bahn macht leider zu viele negative Schlagzeilen.

SZ: Woran liegt das?

Tiefensee: Das liegt an der Konzernspitze, an der von ihr beschädigten Unternehmenskultur. Es liegt auch daran, dass offenbar ein Stück Realitätssinn verlorengegangen ist, etwa in Bezug auf die Bonuszahlungen für die Vorstände. Oder nehmen Sie die Schaltergebühr beim Ticketkauf, die letztlich zurückgenommen werden musste. Das hat dem Image der Bahn nicht gutgetan, und das gilt auch für das Image der handelnden Personen.

SZ: Sie meinen den Bahnchef, Hartmut Mehdorn?

Tiefensee: Ja.

SZ: Viele Parlamentarier haben zuletzt Zweifel an seinem Willen bekundet, die Affäre um die Ausspähung von Mitarbeitern aufzuklären. Haben Sie noch Vertrauen zu ihm?

Tiefensee: Mein Vertrauen ist nicht uneingeschränkt. Gerade der Briefwechsel der letzten Wochen und Monate stimmt mich nachdenklich. Da ist ein Brief von Mehdorn aus dem vergangenen Januar, der um Vertrauen wirbt und mir vorwirft, ich würde Medienberichte überbewerten. Aber schon eine Woche später stelle ich fest, dass an den Vorwürfen eine Menge richtig ist.

Ich erinnere mich ferner an den Briefwechsel im vorigen Sommer, als es um die Sicherheit der ICE-Achsen ging. Damals verlangte Herr Mehdorn von mir mehr Vertrauen in die Sicherheitsgarantien der DB AG. Ich sollte meine Behörde, das Eisenbahnbundesamt, auffordern, die Achsen seltener überprüfen zu lassen. Dann stellte sich heraus, dass das Gegenteil nötig ist, nicht weniger, sondern viel mehr Kontrollen der Achsen. Mehdorns Forderung verstieß gegen elementare Sicherheitsbedürfnisse, auch die der Bahnkunden. Und jetzt gipfelt es in dem ungeheuerlichen Vorwurf, dass zwei völlig unbescholtene und hochkompetente Ermittler, nämlich Frau Herta Däubler-Gmelin und Herr Gerhart Baum, mit gezinkten Karten spielen. Das ist in höchstem Maße ärgerlich.

SZ: Der Bahnvorstand hatte nach einem Brandbrief der beiden Ermittler deren Professionalität bezweifelt.

Tiefensee: Dieser Vorwurf richtet sich eher gegen die Verantwortlichen bei der Bahn selbst. Zweifelsfrei ist ja, dass der Vorstand das Unternehmen in Sachen Datenschutz nicht professionell geführt hat.

SZ: Klingt alles nach einem ziemlich angespannten Verhältnis.

Tiefensee: Das Verhältnis ist angespannt, ja.

SZ: Kann das dauerhaft gutgehen?

Tiefensee: Wir sollten, auch wenn es manchmal schwerfällt, zunächst die Untersuchungen abwarten. Dann erst können Entscheidungen fallen. Die Vorfälle hätten von der Bahn selbst längst aufgeklärt werden müssen, jetzt muss das in kürzester Zeit nachgeholt werden, denn wir brauchen Ergebnisse bis Ende März. Durch diese Scharmützel geht unnötig Zeit verloren.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Muss Bahn-Chef Mehdorn gehen?

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema