bedeckt München

Thyssenkrupp:Schrumpfkur im Pott

FILE PHOTO: Martina Merz, CEO of German steelmaker Thyssenkrupp AG, attends the annual shareholders meeting in Bochum

"Wie bisher kann es nicht weitergehen": Martina Merz rückte im Oktober von der Aufsichtsrats- an die Vorstandsspitze von Thyssenkrupp.

(Foto: Wolfgang Rattay/Reuters)

Der Konzern will Geschäfte mit Tausenden Beschäftigten entweder in Partnerschaften einbringen oder verkaufen.

Von Benedikt Müller-Arnold, Köln

Als Martina Merz 2019 ihre erste Jahresbilanz als Thyssenkrupp-Chefin zog, stimmte sie die Belegschaft auf Veränderungen ein: Deutschlands größter Stahlhersteller liege in vielen Geschäften hinter eigenen Ambitionen zurück, sagte die 57-Jährige. "So wie bisher kann es nicht weitergehen." Wenn Sparten nicht zu den besten ihrer jeweiligen Branche gehören, müsse man sich eingestehen, "dass wir nicht der beste Eigentümer sind", so Merz.

Nun wissen die gut 160 000 Beschäftigten, was das genau bedeutet: Thyssenkrupp, der größte Industriekonzern des Ruhrgebiets, wird deutlich schrumpfen. Einzig den Werkstoffhandel und das Geschäft mit Industriekomponenten will Thyssenkrupp auch künftig "aus eigener Kraft weiterentwickeln"; es sind Sparten mit gut 33 000 Beschäftigten. Für alle anderen Sparten will der Konzern Partner suchen, manch andere verkaufen oder gar schließen. Diese Strategie hat der Vorstand am Montag dem Aufsichtsrat vorgelegt. "Wir haben schwierige und längst überfällige Entscheidungen getroffen", sagt Merz.

So will Thyssenkrupp das Autozuliefergeschäft zwar weiterführen, strebt aber Allianzen und Entwicklungspartnerschaften an. Für die Stahlwerke im Ruhrgebiet sowie den Marineschiffbau führe der Konzern "Gespräche über mögliche Partnerschaften und Konsolidierungsoptionen", teilten die Essener mit, und halte sich dabei "alle Optionen offen". Die Stahlwerke fuhren im vorigen Quartal Hunderte Millionen Verlust ein, da die Nachfrage auch infolge der Corona-Krise eingebrochen war.

Für weitere Sparten mit gut 20000 Beschäftigten sieht Thyssenkrupp gar keine Perspektive innerhalb des Konzerns - darunter etwa den Anlagenbau, ein Edelstahlwerk sowie das Geschäft mit Federn und Stabilisatoren. Einem Grobblechwerk in Duisburg droht weiterhin die Schließung.

Zwar hat der hoch verschuldete Konzern im Februar beschlossen, seine Aufzugssparte an Finanzinvestoren zu verkaufen. Doch bis der Kaufpreis von 17,2 Milliarden Euro im Sommer eingehen soll, kostet die Corona-Krise Thyssenkrupp viel Geld; der Konzern verlor alleine im vergangenen Quartal knapp 950 Millionen Euro. Den Verkaufserlös wolle Thyssenkrupp nun im ersten Schritt dazu nutzen, Schulden zu tilgen, heißt es in der Mitteilung. Darüber hinaus wolle man Geschäfte weiterentwickeln - freilich nur, "wo entsprechende Zielrenditen erreicht werden können".

Thyssenkrupp hatte schon einmal versucht, das krisenanfällige Stahlgeschäft in ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem Konkurrenten Tata Steel auszulagern. Doch die Fusion scheiterte 2019 am Veto der EU-Kommission. Als am Montag die Gespräche über neuerliche Versuche bekannt wurden, gewann der Konzern an der Börse zwölf Prozent an Wert.

© SZ vom 19.05.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite