Süddeutsche Zeitung

Thyssenkrupp:Schmerzlich getrennt

Thyssenkrupp lädt zur Hauptversammlung, bevor sich der kriselnde Traditionskonzern demnächst aufteilen will. Aktionäre kritisieren, dass man mit der teuren Aufspaltung nur einer Mode an der Börse gehorche.

Winfried Mathes weiß nicht recht, ob er das alles eher unterhaltsam oder doch eher grausam fand. "Seit einem halben Jahr bekommen wir Thyssenkrupp-Aktionäre aus Essen von allen Protagonisten eine Daily Soap geliefert", sagt der Vertreter der Deka, des Fondshauses der Sparkassen. Wie eine Seifenoper sei das gewesen, als im Sommer erst Konzernchef Heinrich Hiesinger und Chefkontrolleur Ulrich Lehner zurückgetreten sind. Als Thyssenkrupp danach monatelang neue Aufsichtsräte und eine neue Strategie gesucht hat. Und der Traditionskonzern schließlich entschieden hat, dass er sich in zwei Unternehmen zerteilen will. "Wir Aktionäre können nur den Kopf über das Führungschaos schütteln, das unsere gewählten Vertreter da veranstaltet haben", schimpft Mathes.

Da ist er nicht der einzige am Freitag. Thyssenkrupp hat zur Hauptversammlung geladen, der vorletzten vor einem irreversiblen Einschnitt: Der Konzern will seine vielversprechenden Geschäfte mit Aufzügen, Autoteilen und Anlagen in eine Thyssenkrupp Industrials AG abspalten. Der Stahlhandel und die ruhmreichen Stahlwerke sollen in einer Materials AG verbleiben. Freilich wären beide Firmen wohl nicht mehr groß genug für den Dax; mithin droht dem Gründungsmitglied Thyssen bald der Abstieg aus Deutschlands wichtigstem Aktienindex. Der Aufsichtsrat hat der Zweiteilung dennoch zugestimmt. Die Hauptversammlung gibt dem Konzern nun ein Stimmungsbild der Aktionäre.

Deka-Mann Mathes etwa hat Bedenken. Das eine Schwesterunternehmen könnte sich als "Möchtegern-Industrieperle" entpuppen, befürchtet der Investor. Im Aufzugsgeschäft etwa berichtet Thyssenkrupp seit Jahren niedrigere Gewinnmargen als Konkurrenten wie Otis oder Schindler. Die Materials AG nennt Mathes ein "Schmuddelkind mit Potenzial", galten die Stahlwerke mit ihren schwankenden Gewinnen doch lange als Sorgenkind des Konzerns. Nicht umsonst bringt Thyssenkrupp diese Stammsparte gerade in ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem Konkurrenten Tata Steel ein. Mit der Spaltung sei es also nicht getan, warnt Mathes, die Zahlen müssten besser werden.

Der Mann, der die Zweiteilung umsetzt, heißt Guido Kerkhoff. Der langjährige Finanzchef ist im Sommer an die Spitze gerückt, als Hiesinger zurücktrat, nachdem sein Konzernumbau kritischen Investoren nicht schnell genug gegangen war. "Wir machen aus Thyssenkrupp zwei starke Unternehmen", sagt Kerkhoff. Beide Zwillingsfirmen könnten sich künftig auf weniger, dafür ähnlichere Geschäfte konzentrieren, würden schneller und flexibler. Die Gewinne der Sparten sollen steigen. Und die Schwesterunternehmen würden auch unterschiedliche Investoren ansprechen. "Getrennt sind wir stärker", glaubt Kerkhoff.

Mithin folgt Thyssenkrupp dem Zeitgeist: Auch Konzerne wie Bayer oder Eon haben in den vergangenen Jahren Teile als eigenständige Firmen an die Börse gebracht, damit sich danach alle auf ihre Kerngeschäfte konzentrieren können. Den klassischen Mischkonzern hingegen, wie Thyssenkrupp noch einer ist, verschmähen kritische Investoren zuweilen als unübersichtlichen Gemischtwarenladen.

Dennoch, oder gerade deshalb, sieht Daniel Vos die Aufspaltung kritisch: Man gehorche da einer Mode, die sich auch wieder ändern könne, sagt der Redner der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. Die Teilung wirke wie "aus der Not geboren"; nicht umsonst sei der Börsenwert von Thyssenkrupp um ein Viertel eingebrochen, seitdem Kerkhoff den Plan im Herbst bekanntgegeben hat. Zudem wird die Spaltung zunächst mehrere Hundert Millionen Euro kosten, etwa für Steuern und Beraterkosten. Da wäre es viel günstiger, moniert Vos, wenn alle Sparten im Konzern verbleiben und ihre Gewinne steigern würden. Im vergangenen Geschäftsjahr haben die Essener trotz 42 Milliarden Euro Umsatz nur 60 Millionen Euro Gewinn erwirtschaftet.

Der einst so kritische Investor Cevian und die Krupp-Stiftung tragen die Zweiteilung mit

Thyssenkrupp setzt darauf, dass das Eigenkapital steigen werde, wenn der Konzern seine profitable Aufzugssparte im Zuge der Spaltung neu bewerten lassen kann. Umso schneller will sich Thyssenkrupp teilen: Bereits im Frühjahr sollen Personalentscheidungen fallen, bis Mai sollen die Marken stehen, im Oktober sollen die Schwesterunternehmen den Betrieb aufnehmen. "Was wir uns vorgenommen haben, ist ein Kraftakt", sagt Kerkhoff, der Zeitplan sei ambitioniert. "Aber er ist machbar."

Wenn die nächste Hauptversammlung Anfang 2020 die Spaltung endgültig billigen soll, hat der Vorstand - Stand jetzt - die Zustimmung seiner wichtigsten Aktionäre sicher: Die Krupp-Stiftung, die das Erbe der Gründerfamilie verwaltet, will mit ihren etwa 21 Prozent der Aktien an beiden Zwillingsfirmen beteiligt bleiben. Auch der schwedische Finanzinvestor Cevian, der mit seinen etwa 18 Prozent der Anteile den Vorstand unter Hiesinger öffentlich unter Druck gesetzt hatte, hat der Zweiteilung im Aufsichtsrat zugestimmt.

Dieses Gremium soll fortan Martina Merz leiten. Die Maschinenbauingenieurin und frühere Bosch-Managerin gehört auch den Kontrollgremien von Lufthansa, Volvo und drei weiteren Unternehmen an. Daher fordern Aktionäre am Freitag, dass die 55-Jährige einen Teil dieser Mandate aufgeben sollte, damit sie genug Zeit für Thyssenkrupp hat. Auch Wolfgang Colberg, Partner des Finanzinvestors CVC, besetzt einen freien Platz im Aufsichtsrat.

Während der Konzern nun die Details seiner Spaltung erarbeitet, steht für Kerkhoff eines schon fest: "Wir werden uns keinen Kunstnamen geben." Beide Firmen bleiben Thyssenkrupp, kündigt der Vorstandschef an. Für viele Menschen im Ruhrgebiet sei Thyssenkrupp eben "mehr als ein Investment", sagt Kerkhoff vor seinen Aktionären, darunter viele ehemalige Mitarbeiter des Traditionskonzerns. Zu welchem der beiden Schwesterfirmen es den Vorstandschef selbst zieht, lässt er bislang offen.

"Das letzte Jahr war eine Zäsur für uns alle", sagt Kerkhoff. Die nächste Zäsur wird folgen.

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Quelle:
SZ vom 02.02.2019
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