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Thyssenkrupp:Investoren sind verärgert über den Kurs von Thyssenkrupp

Ein Mitarbeiter am neuen Hochofen 8 bei der ThyssenKrupp Steel AG Duirburg Deutschland Assista

Ein Stahlarbeiter von Thyssenkrupp in Duisburg.

(Foto: Ute Grabowsky/imago/photothek)
  • Der Konzern steht vor gewaltigen Brüchen und will seine Stahlwerke abspalten.
  • Doch vielen Anlegern geht der Umbau nicht schnell genug.
  • Wirklich einig über den zukünftigen Kurs sind aber auch die Aktionäre nicht.

Von Benedikt Müller, Bochum

Dass ein Banker mit den Gewinnen eines Konzerns unzufrieden ist, ist das eine. Thyssenkrupp dümpele herum, kritisiert Ingo Speich von Union Investment, erwirtschafte mit Aufzügen oder Autoteilen viel weniger Gewinn als die Konkurrenz. In den sieben Jahren unter Heinrich Hiesinger als Chef hätten die Aktionäre zwölf Prozent Verlust gemacht. "Das ist desaströs", schimpft der Fondsmanager.

Doch dann wird es grundsätzlich auf der Hauptversammlung von Thyssenkrupp am Freitag in Bochum. Der Traditionskonzern wagt in diesem Jahr einen tiefen Bruch: Er will seine Stahlwerke, die Thyssen und Krupp groß gemacht hatten, in ein Gemeinschaftsunternehmen mit der britisch-indischen Tata Steel abspalten. Die Partner wollen bis zu 4000 Stellen streichen. Doch vielen Anlegern geht das nicht weit genug. Die Forderungen reichen bis zur Zerschlagung des Konzerns.

"Das Management verschläft gerade den Trend zu flexibleren Einheiten", warnt Speich. Mit Gemischtwarenläden wie dem Ruhrkonzern könnten Investoren nichts mehr anfangen. "Thyssenkrupp muss endlich aufwachen", fordert der Banker - und stellt weitere Sparten infrage, etwa den Anlagenbau oder das U-Boot-Geschäft.

Der Streit zeigt, unter welchem Druck Mischkonzerne derzeit stehen. Immer weniger Investoren glauben, dass eine Firma Schwankungen besser meistert, wenn sie viele Sparten hat. Roter Faden bei Thyssenkrupp wäre: Der Konzern stellt Stahl her, handelt mit Metallen - und verarbeitet sie weiter in Rolltreppen oder Maschinen. Doch viele Investoren wollen es nicht mehr einem Vorstand überlassen, Geld auf Sparten zu verteilen. Sie wollen selbst fokussiert investieren - zum Beispiel in Stahl oder in Aufzüge.

Keine Woche vergeht derzeit ohne neue Teilungsfantasien. Seit dieser Woche sinniert der US-Konzern General Electric (GE) über eine Aufspaltung. Siemens bringt seine Gesundheitssparte an die Börse. In der vergangenen Woche hat der Autozulieferer Continental Aufspaltungspläne bekannt gemacht. Thyssenkrupp ist regional umgeben von geteilten Konzernen: Bayer brachte Töchter an die Börse, Eon die alten Kraftwerke, RWE seinen grünen Strom, Metro teilte sich. An jeder Spaltung verdienen Anwälte, Banker und Berater.

Thyssenkrupp-Chef Hiesinger tritt Forderungen nach einer Zerschlagung entgegen. "Wir führen Thyssenkrupp integriert, weil das zu messbaren Vorteilen führt", sagt der frühere Siemens-Manager. Die Digitalisierung krempele die Wirtschaft um; auch Trends wie die E-Mobilität beeinflussen den Konzern, der viel an die Autoindustrie liefert. "In solchen Umfeldern ist es gut, nicht zu eng aufgestellt zu sein."

Auch die Aktionäre sind zerstritten

Gleichwohl schließt der Vorstandschef nicht aus, dass sich die Zusammensetzung des Konzerns weiter ändern könnte. Im Mai will Hiesinger über die Strategie beraten. Dann will er auch konkretisieren, wann welche Finanzziele erreicht werden sollen. Bereits am Freitag stellte Hiesinger steigende Dividenden in Aussicht, was den Aktienkurs um vier Prozent nach oben treibt. "Wir reden nicht nur über den Umbau", so Hiesinger, "wir bauen um."

Am Ende der Hauptversammlung stellen sich 96 Prozent der Aktionäre hinter den Vorstand. Doch der aktivistische Investor Cevian, der 17 Prozent der Aktien hält, setzt ein Zeichen, in dem er sich an der entscheidenden Abstimmung um die Entlastung des Vorstands nicht beteiligt. Am Rande der Hauptversammlung kritisiert Cevian abermals den Vorstand. "Die Aktie könnte sich verdoppeln, wenn das Unternehmen nicht so komplex wäre", sagt Lars Förberg, Gründer des schwedischen Investors, der 17 Prozent an Thyssenkrupp hält. Cevian fordert, das "übergroße Konglomerat" müsse sich umstrukturieren. Schon vor der Hauptversammlung hatte der Investor den Vorstand öffentlich angegriffen. Andere Aktionärsvertreter kritisieren wiederum, dass Cevian der Thyssenkrupp-Führung öffentlich in den Rücken fällt. Bei aller Unzufriedenheit sollte der Investor Entscheidungen der Konzerngremien respektieren, fordert Daniel Vos von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. Den Streit um Aufspaltungen bezeichnet Vos als Trend-Debatte. "Der Trend wechselt aber alle drei bis fünf Jahre." Definitiv gebe es Synergien, wenn ein Konzern aus mehreren Geschäftsfeldern bestehe. Noch spricht Vos für die Mehrheit der Thyssenkrupp-Aktionäre.

Unter Hiesinger hat der Konzern mehrere Geschäftsfelder abgestoßen: den Edelstahl, die Werften sowie die verlustträchtigen Stahlwerke in Brasilien, für die sich der Konzern stark verschuldet hatte. "Wir haben schon heute Thyssenkrupp spürbar und messbar verändert", sagt Hiesinger.

Mit ihrer Stahlfusion reagieren Thyssenkrupp und Tata auf die schwankenden Stahlpreise und das Überangebot auf dem Weltmarkt. Die Partner wollen Europas zweitgrößten Stahlhersteller formen und prüfen derzeit gegenseitig ihre Bücher. Wenn alle Gremien rechtzeitig zustimmen, könnte ihre Firma Ende des Jahres anfangen zu arbeiten. Dann wären die Stahlwerke noch eine schnöde Beteiligung in den Büchern des Traditionskonzerns.

© SZ vom 20.01.2018/been
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