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Industrie:Wie der Staat Thyssenkrupp helfen kann

FILE PHOTO: ThyssenKrupp steel factory in Duisburg

Arbeiter im Duisburger Stahlwerk von Thyssenkrupp: Nur einsteigen, um zu bewahren, das wird bei Thyssenkrupp kaum funktionieren.

(Foto: Wolfgang Rattay/REUTERS)

Der Stahlkonzern hat Milliarden versenkt und viele Fehler gemacht. Staatshilfen würden zwar nicht alle Probleme lösen. Aber sie könnten sinnvoll sein, wenn sie gezielt eine klimaneutrale Zukunft der Branche fördern.

Kommentar von Benedikt Müller-Arnold

Die Warnung der Arbeiter ist deutlich: Wenn sich der Staat nicht bald am Stahlgeschäft von Thyssenkrupp beteilige, so die Botschaft der IG Metall, dann seien Zehntausende gut bezahlte Stellen in Gefahr, neuerdings droht sogar ein Verkauf an die britische Liberty Steel. Zu hohe Verluste häufe der Thyssenkrupp-Konzern an, nachdem er im Frühjahr vor lauter Schulden seine profitable Aufzugssparte verkauft hat. Und wenn der Mutterkonzern nicht mehr kann, so hieß es in der Kundgebung, dann müsse eben Vater Staat ran.

Auf den ersten Blick klingt das fast unverschämt. Thyssenkrupp hat in vorigen Jahren Milliarden versenkt, Befreiungsschläge verpasst, Fehler gemacht. In der Corona-Krise hält der Bund nun Milliarden bereit, um zur Not bei Firmen wie Lufthansa einzusteigen. Doch taugt das auch für Thyssenkrupp? Schließlich sollten Beteiligungen im Sinne aller Steuerzahlenden langfristig Wert versprechen, Wohlstand in der Zukunft schaffen - oder zumindest große Schäden abwenden.

Gegen Staatsbeteiligungen spricht oft, dass sie den Wettbewerb verzerren

Nur einsteigen, um zu bewahren, das wird bei Thyssenkrupp kaum funktionieren. Aber Kapital geben, um etwa umweltschonende Zukunftstechnologien im Land anzutreiben: Das ergibt schon eher Sinn.

Gegen Staatsbeteiligungen spricht oft, dass sie den Wettbewerb verzerren: Warum sollte die Allgemeinheit einzelnen Firmen einen Vorteil einräumen und anderen nicht? In der Stahlbranche ist das anders. Die öffentliche Hand ist vielerorts an Herstellern beteiligt, nicht nur Niedersachsen an Salzgitter; man denke auch an chinesische Staatskonzerne, die mit hiesigen Produzenten konkurrieren.

Klar ist aber auch: Selbst wenn der Staat in die Thyssenkrupp-Sparte einstiege, bliebe der Druck auf die Fabriken hoch. Alle Stahlwerke dieser Welt könnten zusammengerechnet viel mehr produzieren, als die Menschheit wirklich braucht. Das ist seit Jahren ein Problem. Auch die weltweite Autoproduktion ging schon vor Ausbruch der Pandemie zurück; das trifft klassische Zulieferer wie Thyssenkrupp besonders. Die Krise hat die Lage nur verschärft.

In dem Zusammenhang steht auch die neue Offerte von Liberty Steel, die Stahlwerke von Thyssenkrupp zu übernehmen. Der Ruhrkonzern hat selbst gesagt, dass er Partnerschaften oder gar einen Verkauf erwägt. Nach praktisch jeder Fusion in der Branche fallen nicht nur Verwaltungsstellen weg; es geht auch darum, schlecht ausgelastete Anlagen zu schließen. Ob derlei Umbrüche humaner ausfallen, wenn der Staat beteiligt ist, taugt vielleicht als Hoffnung. Sicher ist es nicht.

Doch der Branche, die etwa sieben Prozent aller CO₂-Emissionen weltweit verursacht, steht ein noch größerer Wandel bevor: Um klimaneutral zu werden, muss die Stahlindustrie künftig entweder Kohle durch Wasserstoff ersetzen, der vorher mit viel Ökostrom gewonnen wird. Oder sie muss ihre Hüttengase abfangen und weiterverarbeiten.

Den Wettbewerb um Massenstahl hat Europa in vielen Fällen verloren

Hersteller in Europa bauen zwar Testanlagen für "grünen" Stahl. Doch sie müssten Milliarden investieren, um die Produktion zu skalieren. Hier könnte der Staat als Kapitalgeber sinnvoll sein: Er könnte sich etwa an möglichen Gemeinschaftsunternehmen für klimaneutrale Vorprodukte beteiligen. Dann ginge es nicht nur darum, Wertschöpfung im Land zu halten. Sondern ein Problem zu lösen, vor dem die ganze Welt steht, wenn sie künftig endlich klimaneutral wirtschaften will. Denn wer es ernst meint etwa mit grüner Mobilität, der sollte nicht nur mit treibhausgasneutralem Antrieb unterwegs sein. Sein Fahrzeug sollte auch aus grünen Werkstoffen gebaut sein.

Den Wettbewerb um Massenstahl hat Europa in vielen Fällen verloren. Doch auf der Suche nach grünem Stahl kann der Kontinent noch viel gewinnen. Dabei zu helfen, kann sich auch für den Staat rentieren.

© SZ

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Von Caspar Busse und Benedikt Müller-Arnold

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