bedeckt München

Thyssenkrupp:"Es tut weh, das anzusehen"

Thyssenkrupp will insgesamt 11 000 Arbeitsplätze streichen. Die Probleme reichen weit über die Corona-Krise hinaus.

Von Benedikt Müller-Arnold, Düsseldorf

Eigentlich fehlt nur noch, dass Martina Merz mit der Faust auf ihr Pult haut. Aber so eine ist die Thyssenkrupp-Chefin nicht. Die 57-Jährige spricht sachlich, überlegt, unaufgeregt. Doch ihre Botschaft ist knallhart: "Wir werden alles hinterfragen", sagt Merz, seit einem Jahr an der Spitze von Deutschlands größtem Stahlkonzern. Dessen Kosten müssten sinken, fordert die frühere Bosch-Managerin. "Da muss jetzt auch mal über unsere Tabus gesprochen werden." Oha.

Was das bedeutet, haben die gut 103 000 Thyssenkrupp-Beschäftigten weltweit nun erfahren: Der größte Industriekonzern des Ruhrgebiets will nicht mehr 6000 Stellen abbauen, wie voriges Jahr angekündigt, sondern insgesamt 11 000, mehr als die Hälfte davon in Deutschland. Betriebsbedingte Kündigungen wolle man zwar vermeiden, sagt Personalvorstand Oliver Burkhard. "Wir können sie im Moment aber nicht ausdrücklich ausschließen." Es wäre: ein Tabubruch in dem traditionell mitbestimmten Unternehmen.

"Die Corona-Krise hat uns voll erwischt", konstatiert die Vorstandschefin

Warum geht es Thyssenkrupp so schlecht? Die Corona-Krise ist nur ein Teil der Antwort. Lange konnte der Konzern die wechselhaften Ergebnisse seiner Stahlwerke mit den stabilen Gewinnen seiner Aufzugssparte ausgleichen. Doch das ist vorbei. Die Essener haben ihr Aufzugsgeschäft im Sommer verkauft, weil ihnen sonst das Geld auszugehen drohte. Hohe Schulden, Pensionszusagen und Verwaltungskosten belasten Thyssenkrupp seit Jahren. Nun steht dem wieder mehr Eigenkapital gegenüber: Der Aufzugverkauf beschert dem Konzern für das abgelaufene Geschäftsjahr einen einmaligen Bilanzgewinn von 9,5 Milliarden Euro.

Doch ohne die Aufzüge ist Thyssenkrupp anfällig, verwundbar. "Die Corona-Krise hat uns voll erwischt", sagt Merz. Wichtige Kunden wie die Autoindustrie brauchten weniger Stahl und Komponenten, Firmen orderten weniger Anlagen. Ohne die Aufzüge meldet der Konzern 5,1 Milliarden Euro Verlust. Alleine 2,8 Milliarden Euro musste Thyssenkrupp abschreiben, weil die Nachfrage nach Stahl und Autoteilen "mittelfristig geschwächt" sei.

Die IG Metall will, dass sich Bund oder Land beteiligen

Wie will Merz den Konzern aus der Krise führen? Allen voran sucht sie einen Partner oder Käufer für die Stahlwerke an Rhein und Ruhr. Bislang hat nur die Firma Liberty Steel des britisch-indischen Unternehmers Sanjeev Gupta bekannt gegeben, dass sie die Sparte von Thyssenkrupp übernehmen will. Alternativ kämen auch SSAB aus Schweden oder Tata Steel in den Niederlanden als Partner in Betracht. Doch beide sprechen auch miteinander über eine mögliche Fusion, wie sie kürzlich bestätigten.

Die IG Metall fordert, dass sich Bund oder Land wenigstens zeitweise an der Sparte mit gut 27 000 Stahlwerkern beteiligen sollten. Die Gewerkschaft argumentiert auch mit anstehenden Milliardeninvestitionen in klimaneutrale Technologien, ohne die Stahlwerke langfristig keine Zukunft in Europa haben werden. "Wir sind natürlich in Gesprächen mit der Politik", sagt Thyssenkrupp-Vorstand Klaus Keysberg. Staatshilfe allein werde die Probleme freilich nicht lösen: Die Branche litt schon vor der Corona-Krise unter günstiger Konkurrenz aus Asien. Im kommenden Frühjahr wolle man entscheiden, so Keysberg, wem die Stahlwerke von Thyssenkrupp künftig gehören sollen.

Auch für andere, defizitäre Geschäfte meldet der Konzern erste Kaufangebote, beispielsweise für Teile des Anlagenbaus. Ein Grobblechwerk in Duisburg hingegen muss wahrscheinlich schließen, da kürzlich der letzte Bieter abgesprungen ist.

"Das sehe ich positiv, wenn ein Vorstand lernfähig ist."

Was bleibt dann noch von Thyssenkrupp? Auf jeden Fall der internationale Handel mit Werkstoffen wie Stahl sowie weite Teile des Autozuliefergeschäfts. Und dann sind da noch kleine Geschäfte, denen selbst die Corona-Krise nichts anhaben kann: Großwälzlager für Windräder etwa. Oder Anlagen zur klimaneutralen Erzeugung von Wasserstoff - "ein absolut boomender Markt", sagt Merz. Ihr Konzern suche zwar Partner, um dieses Geschäft weltweit auszubauen. Aber man plane nicht mehr, diesen Teil des Anlagenbaus zu verkaufen.

Für Arbeitnehmervertreter ist immerhin das ein gutes Zeichen an einem ansonsten recht düsteren Tag. "Thyssenkrupp hat erkannt, dass es keine gute Idee wäre, das wachsende Geschäft mit Elektrolyseuren zu verramschen", sagt Daniela Jansen, Konzernbetreuerin der IG Metall. "Das sehe ich positiv, wenn ein Vorstand lernfähig ist." Insgesamt aber verunsichere das hohe Abbauziel die Belegschaft. "Ein Personalabbau allein bringt jedenfalls noch keinen wirtschaftlichen Erfolg", mahnt Jansen. "Thyssenkrupp muss auch zu den zugesagten Investitionen stehen."

Auf der anderen Seite warnt Großaktionär Cevian, dass der finanzielle Spielraum des Konzerns nach dem Verkauf der Aufzugssparte schmelze. "Wettbewerber haben in der Corona-Krise massiv durchgegriffen und ziehen weiter davon", konstatiert Friederike Helfer, die für den schwedischen Finanzinvestor im Aufsichtsrat von Thyssenkrupp sitzt. "Es tut weh, das anzusehen, denn es müsste so nicht sein."

Fest steht, dass der einst so stolze Ruhrkonzern weiter schrumpfen dürfte. "Größe allein ist für uns kein relevanter Maßstab", hält Merz dagegen. Wichtig sei, dass Thyssenkrupp bald wieder Geld verdiene und in die Zukunft investieren könne. Noch sei sie nicht am Ziel, gesteht Merz. "Die nächsten Schritte können schmerzhafter werden als die bisherigen."

© SZ/lwei/koe
Martina Merz

SZ PlusThyssenkrupp
:"Ich sitze hier auf Möbeln, da komme ich nicht mal mit den Füßen auf den Boden"

Vorstandschefin Martina Merz über den radikalen Umbau des Traditionskonzerns.

Interview von Caspar Busse und Benedikt Müller-Arnold

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite