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Thyssenkrupp:Die Familie warnt

Die Nachfahren des Gründers kritisieren die Krupp-Stiftung: Sie habe sich in der Führungskrise des Konzerns durch ihre unklare Haltung blamiert. Das Ergebnis: Zunächst warf der Vorstandschef hin, dann der Aufsichtsratsvorsitzende.

Von Benedikt Müller, Düsseldorf

Berthold Beitz gestorben

Der letzte Krupp: Alfried Krupp (Mitte), dessen Sohn Arndt von Bohlen und Halbach (links) und der Generalbevollmächtigte Berthold Beitz posieren im Jahr 1961 vor der Villa Hügel in Essen.

(Foto: Heinz Ducklau/dpa)

Eigentlich haben die Nachfahren des Unternehmers Friedrich Krupp, der im Jahr 1811 eine erste Gussstahlfabrik in Essen gründete, nichts mehr zu melden beim heutigen Weltkonzern Thyssenkrupp: Als der letzte Firmenerbe Alfried Krupp von Bohlen und Halbach im Jahr 1967 starb, ging das Unternehmen in den Besitz der Krupp-Stiftung über. Die Familie ist dort nicht vertreten.

Und doch ist die Kritik interessant, die zwei Neffen und die Nichte von Alfried Krupp nun in einem Handelsblatt-Interview äußerten: Die Krupp-Stiftung, die nach mehreren Fusionen und Kapitalerhöhungen nur noch 21 Prozent der Thyssenkrupp-Aktien besitzt, verfolge keine klare Strategie und komme ihrem unternehmerischen Auftrag nicht nach. "Wir sehen stattdessen, dass sich die Stiftung mit ihrer unklaren und schwachen Haltung blamiert", sagt Diana Friz, die ihren Onkel Alfried Krupp noch persönlich kannte.

Mit ihrer Kritik an der Krupp-Stiftung stehen die Nachfahren bei Weitem nicht alleine, da schon seit Monaten ein Streit um die Zukunft von Thyssenkrupp schwelt - und der Traditionskonzern seit diesem Sommer in einer Führungskrise steckt. Sowohl der langjährige Vorstandschef Heinrich Hiesinger als auch Aufsichtsratschef Ulrich Lehner sind im Juli zurückgetreten. Beide Manager gaben als Grund an, dass ihnen zuletzt der entscheidende Rückhalt großer Aktionäre gefehlt habe. Mehr oder weniger deutlich spielten sie dabei auf die Krupp-Stiftung an, die immer noch größter Anteilseigner des Essener Konzerns ist.

Seit Monaten kritisieren Finanzinvestoren wie Cevian, dass Thyssenkrupp mit seinen verschiedenen Sparten von Aufzügen bis U-Booten zu komplex aufgestellt sei. Der Mischkonzern müsse sich fokussieren, fordert der schwedische Investor, der etwa 18 Prozent der Aktien hält. Der US-Fonds Elliott, der mit knapp drei Prozent der Anteile bei Thyssenkrupp eingestiegen ist, forderte sogar öffentlich den Rücktritt Heinrich Hiesingers - und hat dieses Zwischenziel erstaunlich schnell erreicht.

Gegen diese Verbalattacken habe die Krupp-Stiftung den Vorstand nicht ausreichend verteidigt, kritisierten auch Beschäftigte des Konzerns in einem offenen Brief an Ursula Gather, die Kuratoriumschefin der Stiftung. "Wir sind traurig, enttäuscht und wütend", heißt es darin.

Zuerst muss ein neuer Chef für den Aufsichtsrat her, dann ein neuer Vorstandsvorsitzender

Jahresrückblick 2013- Mecklenburg Vorpommern

Jahrzehnte hatte der Krupp-Vertraute Berthold Beitz als Stiftungsvorsitzender das Sagen. Er starb 2013 – und hinterließ eine schwache Stiftung, klagen Familienmitglieder.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Die Krupp-Nachfahren kritisieren nun, dass der langjährige Kuratoriumschef Berthold Beitz die Organisation bis zu seinem Tod vor fünf Jahren nicht zukunftsfähig aufgestellt habe. "Als er starb, fand sich die Stiftung in einer ähnlichen Situation wieder wie Jugoslawien nach Tito", lästert Friedrich von Bohlen und Halbach. Das Kuratorium sei zwar mit namhaften Wissenschaftlern, Politikern, Juristen und Journalisten besetzt, ihm fehle aber die unternehmerische Kompetenz. "Wie kann eine solche Gemeinschaft unternehmerische Entscheidungen beurteilen?", fragt Eckbert von Bohlen und Halbach.

Zwar erklären sich die Krupp-Nachfahren bereit, in das Kuratorium einzutreten oder wenigstens als Beirat der Stiftung zu dienen. "Aber wir drängen uns sicher nicht auf", sagt Eckbert von Bohlen und Halbach. Die Stiftung habe diese Hilfe bislang abgewiesen. Vor der Jahrtausendwende war die Familie juristisch gegen ihren Ausschluss aus der Stiftung vorgegangen, scheiterte damit jedoch.

Die Krupp-Stiftung hat die Kritik am Donnerstag zunächst nicht kommentiert. Zuletzt teilte sie mit, dass ihr oberstes Ziel die "langfristige Stabilität und die Fortentwicklung der Thyssenkrupp AG" sei. Sie wolle sich dafür einsetzen, "die Einheit des Unternehmens möglichst zu wahren", so die Vorsitzende Gather.

Thyssenkrupp muss sparen

Guido Kerkhoff mag klare Worte. "Die aktuellen Ergebnisse stellen uns unter dem Strich nicht zufrieden", sagt der amtierende Thyssenkrupp-Chef. "Da lässt sich nichts schönreden." Der Konzern hat im vergangenen Quartal Verlust gemacht, vor allem wegen Auftragsproblemen in der Anlagen- und Schiffbausparte. "Wir müssen uns in all unseren Geschäften deutlich verbessern", sagt Kerkhoff. "Das packen wir jetzt entschlossen an."

Der langjährige Finanzchef, der nach dem abrupten Rücktritt von Vorstandschef Heinrich Hiesinger zumindest vorläufig an die Spitze gerückt ist, will nun sparen: Die Verwaltungskosten in der Zentrale will er um 150 Millionen Euro verringern. Zuvor hatte der Konzern dort lediglich Einsparungen von 100 Millionen Euro geplant. Damit geht Kerkhoff einen Schritt auf kritische Investoren zu, die dem Ruhrkonzern einen "aufgeblähten Verwaltungsapparat" attestierten. Wie viele Stellen in der Zentrale wegfallen sollen, steht noch nicht fest.

Thyssenkrupp musste 200 Millionen Euro auf Aufträge des Anlagen- und Schiffbaus abschreiben, deren Kosten stark gestiegen sind. Der Konzern will die Sparte nun auf deutlich kleinere Aufträge ausrichten und kündigt eine "teilweise Restrukturierung" an.

In den vergangenen neun Monaten haben zwar die Stahlwerke von höheren Weltmarktpreisen profitiert. Thyssenkrupp will dieses Stammgeschäft jedoch in ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem Konkurrenten Tata Steel auslagern, um den Schwankungen des Marktes weltweit und Zöllen besser begegnen zu können. Alle anderen Sparten des Konzerns melden nach neun Monaten jedoch niedrigere Betriebsgewinne als im Vorjahreszeitraum. Sie leiden unter dem relativ starken Euro und höheren Rohstoffkosten. Selbst im lukrativen Geschäft mit Aufzügen und Rolltreppen will Thyssenkrupp die jährlichen Verwaltungskosten nun um 100 Millionen Euro senken. Ein Geschäftsjahr beginnt bei dem Konzern stets im Oktober.

Kerkhoff verpasst nun jeder Sparte konkrete Renditeziele - verbunden mit einer Frist. "In den Geschäften von Thyssenkrupp steckt erhebliches Potenzial. Das müssen wir freilegen", sagt der 50-Jährige, der bereits seit sieben Jahren dem Vorstand des Konzerns angehört. Der Aufsichtsrat habe ihm das klare Mandat erteilt, den bisherigen Kurs bis auf Weiteres fortzusetzen, sagt Kerkhoff, "mit allen Geschäften unter einem Dach". An der Börse kamen die Ankündigungen am Donnerstag jedoch nicht gut an: Die Thyssenkrupp-Aktie verlor zeitweise mehr als drei Prozent an Wert. Benedikt Müller

Der Aufsichtsrat des Konzerns sucht nun zunächst einen neuen Chef für dieses 20-köpfige Gremium. Es besteht aus zehn Arbeitnehmervertretern, zwei Entsandten der Krupp-Stiftung und einem Vertreter von Cevian. Sobald Thyssenkrupp einen neuen Aufsichtsratschef gefunden hat, kann die Suche nach einem neuen Vorstandschef folgen - und vor allem nach einer Strategie, die den teils gegenläufigen Interessen Rechnung trägt: Die Arbeitnehmervertreter fordern eine möglichst sichere Zukunft für möglichst viele Beschäftigte des Konzerns; Investoren drängen hingegen auf weitere Abspaltungen einzelner Geschäfte - und hoffen, dass Thyssenkrupp an der Börse wieder an Wert gewinnen wird.

"Das Ziel muss sein, dass das Unternehmen weiterlebt und Geld verdient", sagt Krupp-Nachfahre Eckbert von Bohlen und Halbach. "Womit, das ist eine sekundäre Thematik." Hauptsache, die Krupp-Stiftung komme als Ankeraktionärin "in die Offensive", sagt Friedrich von Bohlen und Halbach. Derzeit preschten nur die Finanzinvestoren mit einer klaren Strategie für Thyssenkrupp nach vorne.

© SZ vom 10.08.2018
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