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Thyssenkrupp:Was der Notverkauf für Konzern und Beschäftigte bedeutet

ThyssenKrupp

Die Zentrale des Traditionskonzerns Thyssenkrupp.

(Foto: Marcel Kusch/dpa)

Wegen hoher Schulden verkauft der Stahl- und Industriekonzern Thyssenkrupp seine Aufzugsparte an Finanzinvestoren. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Von Benedikt Müller, Düsseldorf

Das Aufzugsgeschäft ist der Stolz von Thyssenkrupp, galt lange als unverkäuflich: Der größte Industriekonzern des Ruhrgebiets liefert Aufzüge und Rolltreppen bis nach China, verkauft meterhohe Fahrsteige bis nach Australien, an den Flughafen von Perth. Die Sparte hat Aufzüge entwickelt, die dank Magnetschwebetechnik ohne Seil durch Häuser gleiten - sogar horizontal. Und ihre etwa 53 000 Beschäftigten weltweit rücken aus, wenn ein Fahrstuhl mal stecken bleibt.

Doch nun stehen die Aufzüge vor der Abfahrt. Thyssenkrupp verkauft das Geschäft für 17,2 Milliarden Euro an ein Konsortium aus Finanzinvestoren. Das haben Vorstand und Aufsichtsrat am Donnerstag beschlossen. Der Kaufvertrag sei unterschrieben, teilte der Konzern mit. Dabei hat sich Thyssenkrupp für ein Konsortium um den US-Investor Advent, die britische Cinven und die RAG-Stiftung aus Essen entschieden, welche die Folgekosten des Bergbaus im Ruhrgebiet trägt. Mithin bleibt zumindest ein kleiner Teil der Gewinne im Pott, der Heimat von Thyssenkrupp. Auch will der Konzern selbst für 1,25 Milliarden Euro eine kleine Rückbeteiligung an seiner Aufzugssparte erwerben. Der Deal gilt als Kandidat für einen der größten Firmenverkäufe dieses Jahres.

Warum gibt Thyssenkrupp die Sparte ab?

Die Essener trennen sich alles andere als freiwillig davon. Seit Jahren lasten hohe Schulden und Pensionsverpflichtungen auf Deutschlands größtem Stahlkonzern. Jüngst litt Thyssenkrupp zudem unter der schwachen Konjunktur, etwa in der Autoindustrie. Viele Geschäfte laufen schlecht, der Konzern fährt Verluste ein und kann in diesem Jahr keine Dividende auszahlen.

Noch vor einem Jahr hofften die Essener auf einen ganz anderen Ausweg: Sie wollten die krisenanfälligen Stahlwerke in ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem Konkurrenten Tata auslagern, auch um Schulden aus der Bilanz zu schaffen. Doch die EU-Kommission hat die Stahlfusion untersagt, aus Sorge um den Wettbewerb.

Damit Thyssenkrupp trotzdem nicht das Kapital ausgeht, hatte der Konzern im vorigen Frühjahr angekündigt, dass er die Aufzugssparte an die Börse bringen, aber mehrheitlich beteiligt bleiben wollte. Im Sommer korrigierte er, dass man auch einen Verkauf prüfe. "Wir trennen uns nicht gerne von unseren Mitarbeitenden und dem Aufzuggeschäft", sagt Vorstandschefin Martina Merz. Doch könne Thyssenkrupp nun "wieder Fahrt aufnehmen".

Warum ist das Geschäft so wertvoll?

Das Geschäft mit der vertikalen Mobilität wächst stetig, nicht nur dank neuer Hochhäuser, Flughäfen oder Einkaufszentren weltweit. Hersteller wie Thyssenkrupp warten und modernisieren auch bestehende Anlagen, darunter Aufzüge anderer Fabrikanten. Solche Serviceverträge gehen zumeist über viele Jahre. Daher fährt die Sparte - im Gegensatz zu anderen Thyssenkrupp-Töchtern - stabile Gewinne ein.

Im vergangenen Jahr hat das Aufzugsgeschäft einen Umsatz von knapp acht Milliarden Euro erwirtschaftet. Es blieb ein Gewinn von etwa 900 Millionen Euro vor Zinsen und Steuern. Damit gehört Thyssenkrupp - noch - zu den vier größten Aufzugsfirmen der Welt, nach Otis aus den USA, Schindler aus der Schweiz und Kone aus Finnland. Der Konzern schätzt seinen Anteil am Weltmarkt auf 13 Prozent.

Wer hat noch für die Sparte geboten?

Am liebsten hätte Kone mit der Thyssenkrupp-Sparte fusioniert. Zumindest hatte der Konkurrent mit etwa 17 Milliarden Euro zwischenzeitlich das höchste Gebot abgegeben. Allerdings hätte es wohl einige Zeit gedauert, bis Wettbewerbsbehörden einen solchen Zusammenschluss geprüft hätten. Zudem befürchteten Arbeitnehmervertreter, dass in der fusionierten Firma viele Arbeitsplätze weggefallen wären. Stattdessen verhandelte Thyssenkrupp zuletzt mit zwei Konsortien aus Finanzinvestoren: Neben dem Zusammenschluss von Advent, Cinven und RAG-Stiftung buhlte ein Verbund der US-Gesellschaften Blackstone und Carlyle sowie des kanadischen Pensionsfonds CPP um den Zuschlag. Alternativ ließ sich der Konzern einen Börsengang des Geschäfts offen.

Was bedeutet das für die Beschäftigten?

Finanzinvestoren wollen erfahrungsgemäß, dass ihre Beteiligungen profitabler werden; und für gewöhnlich verkaufen sie ein Unternehmen nach einigen Jahren weiter oder bringen es an die Börse - mit einem möglichst hohen Gewinn.

Allerdings hat die IG Metall dem Gewinnstreben gewisse Grenzen gesetzt. Die Gewerkschaft hat eine Vereinbarung mit den Käufern geschlossen. Demnach sind betriebsbedingte Kündigungen in dem Aufzugsgeschäft bis März 2027 ausgeschlossen, auch die Standorte in Deutschland sollen "mit ihren wesentlichen Funktionen" erhalten bleiben. Auch hätten sich die Bieter verpflichtet, in Innovationen und die Zukunft des Aufzugsgeschäfts zu investieren und die Mitbestimmung zu erhalten. Wenn die künftigen Eigentümer die Sparte eines Tages an die Börse bringen oder weiterverkaufen, sollen sie abermals einen Vertrag mit der IG Metall schließen. "Thyssenkrupp hat bewiesen, dass Unternehmenstrennungen mit hoher Verantwortung gegenüber den Beschäftigen möglich sind", sagt Vize-Aufsichtsratschef Jürgen Kerner von der IG Metall.

Was wird nun aus Thyssenkrupp?

Nach dem Verkauf der Aufzüge kann der Konzern Schulden zurückzahlen. Auch will Thyssenkrupp nach eigenem Bekunden einen Teil der Pensionsverpflichtungen ausfinanzieren. Beides soll dazu führen, dass die Essener künftig weniger Zinsen und Pensionszahlungen leisten müssen. Thyssenkrupp will den Erlös jedenfalls nicht an die Aktionäre ausschütten, sondern auch in die Zukunft verbleibender Geschäfte investieren. "Entscheidend ist für uns jetzt, die bestmögliche Balance für die Verwendung der Mittel zu finden", so Vorstandschefin Merz. Die Essener verdienten zuletzt noch Geld mit Industriekomponenten und dem Werkstoffhandel; die Stahlwerke und der Anlagenbau hingegen schrieben Verluste. "Die Geschäfte stehen miteinander im Wettbewerb um Investitionen", gab Merz die Linie vor. Der Konzern will nun bis Mai entscheiden, welche Geschäfte er selbst weiterentwickeln - und welche er in Partnerschaften einbringen oder verkaufen will. Es sieht also nach weiteren Abschieden an der Ruhr aus.

© SZ vom 28.02.2020
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