StahlindustrieThyssenkrupp erwartet höchsten Gewinn seit 14 Jahren

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Martina Merz hat lange für den Autozulieferer Bosch gearbeitet. Seit Herbst 2019 steht die 58-Jährige an der Thyssenkrupp-Spitze.
Martina Merz hat lange für den Autozulieferer Bosch gearbeitet. Seit Herbst 2019 steht die 58-Jährige an der Thyssenkrupp-Spitze. (Foto: Ina Fassbender/AFP)

Der Ruhrkonzern spricht nach der langen Krise von einer Trendwende. Die Wasserstoff-Tochter meldet erfreuliche Neuigkeiten.

Von Benedikt Müller-Arnold, Essen

Wenn Martina Merz das Zahlenwerk vortrug, dann wurde es bislang ungemütlich. Die Ingenieurin, die seit gut zwei Jahren an der Thyssenkrupp-Spitze steht, hat Tausende Stellen abgebaut, Milliarden abgeschrieben, Tochterfirmen verkauft. Insofern schwingt Erleichterung mit, wenn Merz nun sagt: "Die Trendwende ist erkennbar, es geht in die richtige Richtung." Eigentlich fehlt nur noch der nautische Klassiker: Land in Sicht.

Der größte Industriekonzern des Ruhrgebiets erwartet für das laufende Geschäftsjahr, das bei ihm stets im Oktober beginnt, einen Gewinn von mindestens einer Milliarde Euro. Na endlich, mögen gebeutelte Aktionäre nun denken: Es wäre der höchste Thyssenkrupp-Profit seit 14 Jahren.

Deutschlands größter Stahlhersteller hatte sich vor einem Jahrzehnt mit neuen Werken in Amerika verhoben. Seither lasteten Milliardenschulden auf Thyssenkrupp. In der Corona-Krise verkaufte der Konzern zunächst deutlich weniger Stahl, Autoteile und Anlagen, schickte Tausende Beschäftigte in Kurzarbeit. Voriges Jahr musste Merz die profitable Aufzugssparte verkaufen, um eine Überschuldung abzuwenden.

Nun stehen die Zeichen im Großen und Ganzen auf Erholung. Thyssenkrupp erhält mehr Aufträge, produziert mehr - und die Stahlpreise sind gestiegen. Zudem hat Merz einige Verlustbringer verkauft: ein Edelstahlwerk etwa oder das Geschäft mit Bergbaumaschinen. Für das gerade vergangene Geschäftsjahr meldet der Konzern zwar einen Verlust von gut 100 Millionen Euro. Allerdings hat er auch mehrere Hundert Millionen Euro an Abfindungen gezahlt - in der Hoffnung auf niedrigere Personalkosten in der Zukunft.

Die Wasserstoff-Tochter Uhde Chlorine Engineers soll mehrere Milliarden wert sein

Für die nächste Zeit nimmt sich Merz nun vor allem drei Dinge vor. Zwei kann man der Kategorie "erfreulich" zurechnen, das dritte hingegen dürfte komplex und konfliktbehaftet werden.

Zum Erbaulichen zählt, dass eine Thyssenkurpp-Tochter in Dortmund eine "starke Nachfrage" meldet: Uhde Chlorine Engineers (UCE) baut Chemieanlagen, die aus Wasser und Salz reines Chlor gewinnen. Auf dieser Grundlage sattelt das Unternehmen nun auf Elektrolyseure um, die Wasser in die Elemente Wasserstoff und Sauerstoff zerlegen. Geschieht das mit Ökostrom, spricht man von grünem Wasserstoff. Dieser Energieträger gilt als Hoffnung für Stahlwerke, Chemiefabriken oder Lastwagen, um unabhängig von Kohle, Erdgas und Diesel zu werden.

Hochöfen von Thyssenkrupp: Allein das Stahlwerk in Duisburg verursacht gut zwei Prozent aller CO₂-Emissionen Deutschlands.
Hochöfen von Thyssenkrupp: Allein das Stahlwerk in Duisburg verursacht gut zwei Prozent aller CO₂-Emissionen Deutschlands. (Foto: Sean Gallup/Getty Images)

Bislang gehört UCE zu zwei Dritteln Thyssenkrupp und zu einem Drittel dem italienischen Konzern De Nora. Wenn alles klappt, will Merz einen kleinen Teil im kommenden Frühjahr an die Börse bringen. Mit dem Erlös könnte UCE in Wachstum investieren. Aber: "Wir wollen auf jeden Fall die Mehrheit behalten", sagt Merz. Börsenanalysten trauen UCE zu, drei bis sechs Milliarden Euro wert zu sein. Das ist beträchtlich, denn ganz Thyssenkrupp bringt derzeit keine sieben Milliarden Euro auf die Waage.

Dies hat auch mit dem komplexeren Vorhaben zu tun: Der Konzern will sich seit Jahren von seinen Stahlwerken trennen, die im Aufschwung Geld verdienen, aber in Krisen leiden. Bloß sind jüngste Versuche, mit einem Konkurrenten zu fusionieren oder die Sparte mit gut 26 000 Beschäftigten ganz zu verkaufen, gescheitert.

Stattdessen will Thyssenkrupp das Stahlgeschäft "verselbstständigen": Wer Aktien des Konzerns hat, bekäme denn auch Anteile der Stahltochter dazu. Auf demselben Weg hat beispielsweise der Autozulieferer Continental diesen Sommer seine Antriebssparte abgespalten.

Der internationale Mangel an Halbleitern droht Thyssenkrupp auszubremsen

"Das ist ein sehr komplexes Vorhaben", gesteht Finanzvorstand Klaus Keysberg. Auf dem Stahlgeschäft von Thyssenkrupp lasten allein Pensionsverpflichtungen von mehr als drei Milliarden Euro. Und Stahlhersteller müssen viel Geld in neue Anlagen investieren, damit sie künftig weniger Treibhausgase ausstoßen. "Kein Stahlhersteller kann die Herausforderung der grünen Transformation alleine stemmen", sagt Keysberg, da brauche es "massive politische Unterstützung".

Nichtsdestotrotz - und das wäre dann wieder erbaulich für Aktionäre - versucht der Konzern, nach dem laufenden Geschäftsjahr wieder eine Dividende auszuschütten. "Wir würden uns freuen und werden uns sehr anstrengen", sagt Merz. An der Börse hat Thyssenkrupp am Donnerstag zeitweise sieben Prozent an Wert gewonnen.

Allerdings spüre der Konzern "aktuell noch einmal Gegenwind", konstatiert Merz: So leidet die Autoindustrie derzeit unter dem internationalen Mangel an Halbleitern. Und wenn Bänder von Autoherstellern zeitweise stillstehen, dann merkt das auch Thyssenkrupp als großer Stahlhersteller und Zulieferer schmerzlich. "Es bleibt also anstrengend", sagt Merz dann doch wieder weniger verzückt. "Wir werden auch weiter kämpfen müssen."

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