Professor Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Instituts (HWWI), zählt zu den profiliertesten Ökonomen Deutschlands. Seit 2005 leitet er das HWWI, außerdem ist er Botschafter der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM). Zusammen mit Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln und ebenfalls INSM-Botschafter, hat Straubhaar kürzlich das Buch "Die gefühlte Ungerechtigkeit - Warum wir Ungleichheit aushalten müssen, wenn wir Freiheit wollen" veröffentlicht.

sueddeutsche.de: Herr Professor Straubhaar, die USA investieren bis zu eine Billion Dollar, um im Finanzmarkt Ramschpapiere und faule Kredite aufzukaufen. Ein Modell für Deutschland?
Thomas Strauhaar: Nein, ich hoffe, dass Europa das nicht nachahmt.
sueddeutsche.de: Warum nicht?
Straubhaar: Die Amerikaner denken aus Angst vor Rezession und Deflation, dass alle Register gezogen werden müssten.
sueddeutsche.de: Also handelt es sich um eine reine Verzweiflungstat der größten Volkswirtschaft?
Straubhaar: Ich würde das noch nicht so nennen. Es ist aber das unmissverständliche Signal, dass dem kurzfristigen Interesse alle langfristigen Ziele untergeordnet werden. Alle ordnungspolitischen Grundsatzfragen, die mit einem marktwirtschaftlich-kapitalistischen System untrennbar verbunden sind, werden missachtet. Kurzfristig werden die Amerikaner vielleicht Erfolg haben, langfristig aber Flurschaden anrichten.
sueddeutsche.de: Mit welchen Konsequenzen muss gerechnet werden?
Straubhaar: Die Inflation wird deutlich steigen und die Schuldenberge wachsen.
sueddeutsche.de: Unter dem langjährigen US-Notenbankchef Alan Greenspan wurde das Geld immer billiger. Der derzeitige oberste Währungshüter Ben Bernanke hält es mit der gleichen Strategie. Geht das gut?
Straubhaar: Das ist das für ordnungspolitisch denkende Menschen Verblüffende: Die letzten Krisen, wie etwa das Platzen der New-Economy-Blase, hat man durch die Politik des billigen Geldes korrigieren wollen. Wie ein schleichendes Gift wurden die alten Strukturen bewahrt. Jetzt therapiert man die Wirtschaft mit den Medikamenten, die ursprünglich zur Krankheit des Systems geführt haben. Deshalb ist für mich klar: Die nächsten strukturellen Blasen werden produziert.
sueddeutsche.de: Die Notenbanken, eigentlich Garanten für Stabilität, haben derzeit die Wahl zwischen Pest und Cholera - zwischen Inflation und Deflation. Manche warnen gar schon vor einer Hyperinflation. Ist die Angst berechtigt?
Straubhaar: Für Europa ist das falsche Panikmache. Die Europäische Zentralbank hat im Vergleich zu den USA, Großbritannien und Japan sehr zielgerecht und ohne Überstürzung gehandelt. Sie hat die Märkte nicht mit billigem und frisch gedrucktem Geld geflutet, sondern sukzessive versucht, die Geldpolitik zu lockern. Hierzulande von einer Hyperinflation zu sprechen, halte ich für maßlos übertrieben. Aber die Inflation wird stark steigen.
Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die Ökonomen überbieten sich in der Schwarzmalerei - wie das Horrorszenario à la Straubhaar ausfällt.
sueddeutsche.de: Wie fällt das Horrorszenario à la Straubhaar aus?
Straubhaar: Ich will kein Horrorszenario malen. Aber nach 2010 werden die Inflationsraten deutlich höher ausfallen als in den vergangenen Jahren. Ich tippe auf mehr als fünf, aber weniger als zehn Prozent. Das ist keine erfreuliche Perspektive, vor allem Kleinsparer werden massiv belastet.
sueddeutsche.de: Wie legen Sie Ihr Geld in dieser Krisenzeit noch an?
Straubhaar: Als Daumenregel gilt: Es ist nicht die dümmste Idee, sich heute bei relativ günstigen Konditionen zu verschulden und das Geld in langfristige Sachwerte anzulegen. Zum Beispiel in Immobilien in Speckgürteln, die weiter wachsen. Hypothekenzinsen beispielsweise werden auch in den kommenden Wochen sehr günstig bleiben.
sueddeutsche.de: Gerade hat die Commerzbank ihre neue Prognose veröffentlicht. Sie erwartet nun einen Konjunktureinbruch von bis zu minus sieben Prozent. Ist Schwarzmalerei der neue Volkssport der Ökonomen?
Straubhaar: Ich bin da sehr vorsichtig. Das HWWI hat immer versucht, optimistisch und mit Maß die Lage zu interpretieren. Aber auch wir sind nicht drum herumgekommen, die Daten nach unten zu korrigieren. Das letzte Quartal 2008 und die ersten beiden Monate des Jahres 2009 brachten derart dramatische Produktions- und Umsatzrückgänge, dass die Modelle keinen Spielraum mehr lassen.
sueddeutsche.de: Die Amerikaner reagieren viel schneller und nehmen größere Summen in die Hand, um der Krise Herr zu werden. Ist Angela Merkel die richtige Krisenmanagerin in dieser Republik?
Straubhaar: Ich bin kein Freund der großen Koalition - aber ich muss sagen, dass die ganz großen strategischen Entscheidungen in Deutschland sehr klug getroffen wurden.
sueddeutsche.de: Ein Beispiel?
Straubhaar: Der Auftritt von Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Peer Steinbrück Anfang Oktober 2008. Beide haben gesagt, dass die Spareinlagen der Bevölkerung sicher sind. Das war ganz eindeutig ein Auftritt von strategischer Klugheit, er hat einen Run auf die Banken in Deutschland verhindert. Auch die Ankündigung des Konjunkturpaketes war eine richtige Entscheidung. Bei der Umsetzung allerdings ist man von der Zielsetzung abgewichen.
sueddeutsche.de: Was meinen Sie genau?
Straubhaar: Das Ziel muss unverändert lauten, dass man sehr schnell wirksame konjunkturpolitische Instrumente ansetzen muss, um für staatliche Impulse zu sorgen. Es geht um schnelle, zielorientierte und zeitlich befristete Maßnahmen. Viele Punkte des Konjunkturpakets wirken aber erst im Jahr 2010.
Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum Straubhaar auf Angela Merkel bei "Anne Will" verzichten kann - und was die Krise mit einem PC zu tun hat.
sueddeutsche.de: Um die Stimmung aufzuhellen, tingelt Merkel inzwischen als Solo-Gast durch die Sonntagabend-Talkshow von Anne Will. Ihr Urteil zum Auftritt der Kanzlerin?
Straubhaar: Der Sonntagabend ist mir zu heilig, um fernzusehen.
sueddeutsche.de: Aber was bedeutet der Auftritt Merkels in einer Talkshow: Alles reine Psychologie der Kanzlerin?
Straubhaar: Ich finde es mutig, wenn sich eine Bundeskanzlerin dieser Herausforderung stellt. Das passt zum Medienzeitalter. Gerhard Schröder war ja auch bei Sabine Christiansen.
sueddeutsche.de: Was glauben Sie - wann wird diese Rezession überwunden sein?
Straubhaar: Es bestehen große Ängste, dass aus der Kombination von Deflation und Rezession eine längerfistige Depression folgt. Die Pleite von Lehman Brothers ist vergleichbar mit einem Totalabsturz des PCs. Wenn Produktion und Handel um 20 Prozent und mehr zurückgehen, ist die Geldpolitik am Ende ihrer Möglichkeiten. Momentan sehen wir, dass sich strukturelle Probleme in einer rasanten Dramatik gleichzeitig weltweit offenbaren - es ist eine ungewöhnliche Krise. Von daher ist es schwer zu sagen, wie lange sie noch dauern wird. Aber wenn der Stecker wieder eingestöpselt ist, habe ich gute Hoffnung, dass die Wirtschaft wie eine Festplatte beim Reload sehr schnell wieder anspringen kann.
sueddeutsche.de: Manchmal ist die Festplatte nach einem Absturz aber auch völlig blank.
Straubhaar: Diese Sorge teile ich nicht. Es ist nicht wie nach einem Krieg, wo es am Ende nur Trümmerhaufen gibt, die erst beseitigt werden müssen, ehe die Produktion wieder anrollen kann. Software und Hardware sind noch da. Sobald der Rechner wieder Strom erhält, fährt er hoch. Wichtig ist auch: Der Systemabsturz hat sich weltweit ereignet - es gibt keine relativen Veränderungen der Wettbewerbsfähigkeit. Für Deutschland und Europa besteht durchaus die Chance, dass die frühere Wettbewerbsfähigkeit schnell wieder gefunden wird.
sueddeutsche.de: Damit die Wirtschaft wieder anspringt, kommt es auf das Vertrauen der Bürger an. Wie viel Geld muss der Staat noch in die Hand nehmen, um verlorengegangenes Vertrauen wieder herzustellen?
Straubhaar: Es ist keine Vertrauenskrise im eigentlich Sinn, es ist eine Bilanzierungskrise.
sueddeutsche.de: Was heißt das?
Straubhaar: In den Bilanzen stehen noch viele offene Posten, die mit Bewertungsfragen und Kreditverflechtungen zusammenhängen - auch bei kleinen mittelständischen Firmen. Das hat nichts mit Vertrauen zu tun, das ist schlicht und ergreifend Bilanzierungsvorschrift. Banken können nicht so schnell auf ungeprüfte Bilanzen Kredite gewähren - selbst wenn sie es möchten, sind ihnen die Hände gebunden.
sueddeutsche.de: Was ist mit dem Gerede vom Wiederherstellen von Vertrauen durch den Staat?
Straubhaar: Der Staat kann kein Vertrauen schaffen. Es geht mehr um die Möglichkeit, gültige Bilanzierungsvorschriften kurzfristig außer Kraft setzen zu können und darum, die stockende Kreditnachfrage wiederzubeleben. Wir brauchen keine strengere Regulierung, wir bräuchten weniger.
sueddeutsche.de: Das arabische Emirat Abu Dhabi steigt über einen Staatsfonds für knapp zwei Milliarden Euro im großen Stil bei Daimler ein. Können Investoren aus Arabien die Konjunktur in Deutschland und Europa wieder anschieben?
Straubhaar: Ausländischen Staatsfonds hätte man schon früher rote Teppiche ausrollen müssen. Sie sind bereit, sich als Eigenkapitalgeber zu engagieren - gerade in Krisenzeiten. Diese vertrauensbildenden Maßnahmen würde ich mir auch von Unternehmen wie Schaeffler und Opel wünschen. Anstatt nach dem Staat zu rufen, sollten die Eigentümer selbst Kapital nachschießen.