bedeckt München 13°

Thomas Piketty über Ungleichheit:Piketty entwickelt den Plan einer weltweiten Vermögensabgabe

Diese Formel und die These, es könne so etwas wie ein ehernes Gesetz des Kapitalismus geben, verleiht Pikettys Buch tatsächlich eine marxistische Anmutung. Und genau hier setzt die Kritik der anderen Wirtschaftswissenschaftler ein. Die Formel r>g ist in der Ökonomie wohlbekannt; sie ist eine der Grundannahmen der neoklassischen Wachstumstheorie, nur hat sie eben mit der Verteilung des Volkseinkommens wenig zu tun. Die Formel würde nur dann einen Trend zu immer größeren Vermögen bedeuten, so schrieb Martin Feldstein, der einflussreiche Harvard-Ökonom, wenn die Menschen ewig lebten. Da dies nicht so ist, werden Vermögen in Wirklichkeit aufgezehrt, geteilt und verschwendet.

Das Ergebnis ist unbestimmt, die Formel ist für Verteilungsfragen irrelevant. Die Kritik haben so oder so ähnlich Ökonomen wie Kenneth Rogoff (Harvard), Hans-Werner Sinn (München) und Peter Bofinger (Würzburg) aufgenommen. Martin Feldstein wies in einem Beitrag für das Wall Street Journal noch auf ein anderes Problem mit Pikettys Analyse hin: Statistiken über das Aufkommen der Einkommensteuer sind nur bedingt aussagefähig, wenn man etwas über Kapitalrendite und Wirtschaftswachstum wissen will. Der Grund ist einfach: Veränderungen im Steuerrecht beeinflussen das Anlageverhalten der Steuerzahler und verfälschen so die Ergebnisse.

Diese wissenschaftliche Skepsis wird aber die Wirkung des "Kapitals" nicht dämpfen. In den USA greifen die Demokraten seine Thesen begeistert auf, "Das Buch beweist: Trickle-down funktioniert nicht", sagt Elizabeth Warren, die Senatorin aus Massachusetts und Hoffnung der Linken und Gewerkschaftsfreunde unter den Demokraten. "Trickle-down" - das ist die konservative Theorie, wonach etwas auch zu den Armen herunter tropft, wenn die Reichen besser gestellt werden. Piketty liefert den Demokraten auch Argumente im Haushaltsstreit mit den Republikanern. Er glaubt, dass man das Problem der Ungleichheit nur mit höheren Steuern lösen kann.

Seine Vorschläge sind so radikal, dass man erst einmal sehen muss, wie viele Politiker sich trauen werden, damit vor die Wähler zu treten. Einkommen jenseits von 500 000 oder einer Million Dollar sollten mit einer Steuer von 80 Prozent belegt werden. Dass solche Sätze konfiskatorisch wirken, ist gewollt: Eine derartige Steuer "brächte der Regierung nicht viel Einnahmen", schreibt er, "weil sie schnell ihr Ziel erreichen würde: die drastische Reduzierung der Gehälter auf dieser Ebene." Piketty hofft, dass die Produktivität der US-Wirtschaft dadurch nicht sinkt und dass kleinere Gehälter stärker steigen. Um das Geld für den Ausbau des amerikanischen Sozialstaates zu bekommen, solle Washington zusätzlich den Steuersatz für Einkommen über 200 000 Dollar auf 50 bis 60 Prozent erhöhen (derzeit sind es 35 Prozent).

Das ist aber noch nicht alles: Piketty entwickelt den Plan einer internationalen Vermögensabgabe von bis zu zwei Prozent auf Kapitalbesitz über fünf Millionen Euro. Das Geld solle dazu verwendet werden, die Abgaben von Kleinverdienern zu senken.

Was wäre gewesen, hätte der US-Fiskus einst Bill Gates mit 80 Prozent besteuert?

Etwas maliziös weist der Ökonom darauf hin, dass konfiskatorische Steuern keine europäische Erfindung sind, sondern eine amerikanische: Im Jahr 1944 stieg der Grenzsatz der Einkommensteuer in den USA auf 94 Prozent. In Europa habe es das nicht gegeben - mit einer Ausnahme: Deutschland zwischen 1947 und 1949, als der Steuersatz bei 90 Prozent lag. "Aber das war in einer Zeit, als die Besatzungsmächte (faktisch die US-Behörden) die Steuertabelle festlegten."

Sieht man einmal von solchen Nettigkeiten ab, zeigt sich an der Steuerfrage das zentrale Problem des Ansatzes von Thomas Piketty. Die Formel r>g suggeriert, der Kapitalismus führe fast gesetzmäßig zu immer mehr Ungleichheit. Um diesen Trend umzukehren, ist jedes Mittel recht. Mehr Gleichheit zu schaffen, erscheint als wesentliches, wenn nicht gar einziges Ziel der Wirtschafts- und Finanzpolitik. Die möglichen Nebenkosten einzelner Maßnahmen spielen dann keine Rolle mehr. Aber bleibt es wirklich ohne Folgen für die Arbeitsproduktivität, wenn der Staat höhere Einkommen konfisziert? Was wäre gewesen, hätte die amerikanische Steuerbehörde einst Bill Gates, Steve Jobs oder Michael Dell ihr Geld weggenommen?

Die missinterpretierte Formel r>g verführt auch dazu, die Frage nach dem "Warum" der wachsenden Ungleichheit nicht mehr zu stellen. Ist es die neue Technik, ist es die Globalisierung, sind es schlechte Schulen? Letzteres spielt in den USA sicher eine Rolle. Oder war es doch die Steuer- und Wirtschaftspolitik? Wer ein historisches Gesetz hat, muss keine Fragen mehr stellen. Piketty unterlässt es auch, andere Methoden zu diskutieren, das Problem der Ungleichheit zu entschärfen. Eine naheliegende Idee wäre es, die Vermögensbildung der Arbeitnehmer viel stärker zu fördern als heute. Wenn das Kapital unter mehr Köpfen verteilt wird, ist das Wachstum des Kapitals kein Problem mehr, sondern eine Chance. Piketty weist diesen Gedanken ausdrücklich zurück, als er die Zukunft der umlagefinanzierten Rentensysteme in den Industrieländern diskutiert: Die Altersversorgung der kleinen Leute soll nicht dem Kapitalmarktrisiko ausgesetzt werden.

"Kapital im 21. Jahrhundert" ist trotz aller Einwände ein faszinierendes Buch. Es liefert eine Stoffsammlung zum Thema Ungleichheit, wie es sie bisher noch nicht gegeben hat. Die politischen Schlüsse allerdings, die Piketty aus seinem Material zieht, würden Wirtschaft und Gesellschaft ihrer Dynamik berauben und daher das Problem, das zu lösen ist, noch verschärfen.

© SZ vom 17.05.2014

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite