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Thomas Middelhoff:Mann für Hass und Häme

Prozess Middelhoff 06 11 2014 Thomas Middelhoff auf der Anklagebank im Landgericht Essen Einzelbil

Thomas Middelhoff

(Foto: Imago Stock&People)
  • Keiner der Größeren der Wirtschaftswelt ist so gepfählt worden wie der frühere Arcandor-Chef Thomas Middelhoff. Woran liegt das?
  • 2012 sagte Middelhoff, er repräsentiere nun mal "den erfolgreichen Manager, der sehr international, mehrsprachig ist und sehr viel Geld gemacht hat. Ich bin damit ein Vorbild für alles das, was man hier nicht haben will, weil es nicht dem gesellschaftlichen Idealbild" in Deutschland entspreche.
  • 2014 ist die Wahrnehmung so: "Mein Bild in der Öffentlichkeit ist so schlecht, dass ich es kaum noch verändern oder damit vernünftig umgehen kann. Ich bin für viele Deutsche der Idealtyp des gierigen Managers, der verantwortungslos um den Globus irrlichtert."

Von Hans Leyendecker und Uwe Ritzer

Im Katalog des zehnbändigen "Handwörterbuchs des deutschen Aberglaubens" (1927-1942) findet sich eine Aufzählung der damals verrufenen Berufe: Marktschreier, Scharfrichter, Abdecker, Dirnen oder auch Quacksalber. Sonderbare Leute waren auch Taschen- und Hütchenspieler sowie Spielleute und Possenreißer. Banker, Finanzleute kamen in der Auflistung der geschmähten Berufe nicht vor. Das hat sich in den vergangenen Jahren geändert. Banker werden Bangster genannt. Aber kein Vergleich zu Thomas Middelhoff.

Zwar sauste lange vor der Finanzkrise das Image der Deutschen Bank und ihres damaligen Chefs Hilmar Kopper in die Tiefe, als er 1994 im Fall des Immobilien-Pleitiers Jürgen Schneider unbezahlte Handwerkerrechnungen in Höhe von umgerechnet 25 Millionen Euro als "Peanuts" bezeichnete. Als Kleinkram, den das Geldhaus nun übernehmen müsse. Koppers Foto wurde zum Steckbrief. Auch Josef Ackermann, der mit dem Victory-Zeichen im Gerichtssaal, zog sich den Volkszorn zu.

Aber selbst der kleine Mann, der von Boulevardzeitungen bei solchen Anlässen gern in Stellung gebracht wird, kann sich kaum an Kopper oder den anderen erinnern. Dass beide Ex-Chefs der Deutschen Bank auch große Verdienste haben, wird von den Kundigen anerkannt.

Im Fall Middelhoff scheint es kein Licht zu geben. Keiner der Größeren der Wirtschaftswelt ist so gepfählt worden wie er. Middelhoff scheint für viele die Inkarnation eines arroganten Geldsacks zu sein, gierig, dreckig. Der Spiegel etwa verfolgt ihn mit einer Inbrunst, als wäre er ein Gegner wie einst Franz Josef Strauß.

Warum zieht einer all den Hass, die Häme auf sich? Warum spucken selbst Unternehmer, die normalerweise gern über Neid und Linkssein an sich referieren, seinen Namen aus, als sei Middelhoff ein Prolet?

Als es ihm schon schlecht, aber noch weit besser als heute ging, hat der einstige Top-Manager darüber nachgedacht. 2012 bei einem Abendessen in einem Hamburger Restaurant sagte Middelhoff: Er repräsentiere nun mal "den erfolgreichen Manager, der sehr international, mehrsprachig ist und sehr viel Geld gemacht hat. Ich bin damit ein Vorbild für alles das, was man hier nicht haben will, weil es nicht dem gesellschaftlichen Idealbild" in Deutschland entspreche. Zwei Jahre später, 2014, sagte er: "Mein Bild in der Öffentlichkeit ist so schlecht, dass ich es kaum noch verändern oder damit vernünftig umgehen kann. Ich bin für viele Deutsche der Idealtyp des gierigen Managers, der verantwortungslos um den Globus irrlichtert." All die Zeit sah er sich als Medienopfer.

In den Augen der Gegner ist er ein Verlierer, der gleichzeitig auch noch Raffke ist. Die "öffentliche Wahrnehmung meiner Person ist das eine. Die tatsächlichen Gegebenheiten sind etwas völlig anderes", hat Middelhoff auch gesagt.

"Vorbildpreis" für unternehmerischen Mut

Er war einst Chef des damaligen Weltunternehmens Bertelsmann und holte durch den Verkauf von AOL-Anteilen etliche Milliarden Euro rein. Knapp ein Prozent vom Gewinn der Transaktion bekam er als Bonus: 40 Millionen Euro. Dann ging er als Partner eines Private-Equity-Unternehmens nach England und verdiente viel Geld. 2007 verlieh ihm die Uni Bayreuth den "Vorbildpreis". Er habe immer wieder Mut gezeigt, Risiken einzugehen, und durch vorausschauende Entscheidungen Unternehmenserfolge gesichert, lautete die Begründung. "Ich war bei mehreren Wellen" vorneweg, resümierte Middelhoff.

Als er dann Karstadt/Quelle übernahm hat er sich übernommen. Ob die Insolvenz des Unternehmens ihm wirklich zuzuschreiben ist oder seinen Nachfolgern, steht nicht fest. Für fast alle ist er der Schuldige, der viele Arbeitsplätze auf dem Gewissen hat. Dazu passte, dass er zuvor sein Geld in steuermindernden Immobilienfonds platziert hat, von denen einige mit Karstadt/Quelle zu tun hatten.

Erst hat man kein Glück, dann hat man Pech - das gibt es auch bei anderen, aber bei Middelhoff ist es nur Schuld. Dass er die Hubschrauberflüge von Karstadt in Essen nach Bielefeld normal fand, weil die A1 am Kamener Kreuz so oft verstopft war, festigte das Bild vom frechen Raffke. Und sein Fehler war auch, dass er nie verstanden hat, was die anderen an ihm auszusetzen hatten. Seine Ungenauigkeiten, seine eigenen Schwindeleien hat er sich, so scheint es, immer verziehen.

Er ist, nach allem, was man weiß, ein liebevoller Vater, ein guter Sohn, und es ärgerte ihn, dass das niemand sehen will. Vermutlich will er auch dem Bild entsprechen, das die Familie von ihm hat. In den Medien war er nur der Mann mit der Villa in Südfrankreich, dem Boot und dem riesigen Anwesen in Ostwestfalen. Vor Kurzem hat er beim Amtsgericht Bielefeld Privatinsolvenz angemeldet. Er wird gejagt von Gläubigern, gedemütigt von der Öffentlichkeit und steht doch wieder im Verdacht, versucht zu haben, Vermögen dem Zugriff der Gläubiger zu entziehen. Der ewige Schurke.

© SZ vom 08.04.2015/hgn
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