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Handel:Monopoly im Buchladen

Thalia-Mayersche will mit einer gemeinsamen Plattform Amazon Paroli bieten und so den deutschen Buchhandel retten. Das klingt erst einmal gut, kann sich aber als kontraproduktiv erweisen.

Von Dieter Sürig

Bei dem Brettspiel "Monopoly" geht es darum, möglichst viele Straßen zu ergattern, diese mit Hotels zuzupflastern und Mitspielern, mit denen man erst sympathisiert, um Straßen tauschen zu können, später zwecks Expansion Grundstücke und Immobilien abzukaufen. Unternehmen und Einzelhandelsgeschäfte gibt es dort nicht, aber das Modell lässt sich übertragen. Das, was gerade im deutschen Buchhandel passiert, erinnert ein wenig daran.

Schon als die Hagener Buchkette Thalia Anfang 2019 den Zusammenschluss mit der traditionsreichen Mayerschen Buchhandlung aus Aachen mit damals 55 Filialen bekannt gegeben hatte, war der Aufschrei in der Branche groß. Kritiker warnten vor noch mehr Konzentration in einer Landschaft, in der schon viele kleine Buchhandlungen verschwunden sind, und vor noch weniger Vielfalt im Sortiment. Verlage fürchteten die neue Marktmacht der bundesweit 300 Läden, weil darunter meist die Konditionen leiden.

Nachdem viele Filialisten in den vergangenen Jahren versucht haben, ihr Netz mit Buchläden zu erweitern, deren Inhaber einen Nachfolger suchen, hat sich Thalia-Chef Michael Busch nun eine neue Strategie ausgedacht, um andere Buchhändler an sich zu binden. Er bietet ihnen ein Partnerschaftsmodell an - eine Art Plattform, mittels derer unabhängige Buchläden gemeinsame Sache mit Thalia-Mayersche machen können. Busch hatte schon vor einem Jahr kleine Händler und regionale Filialisten dazu eingeladen. Nun hat er die Plattform mit einem Paukenschlag eröffnet: Die Tübinger Buchhändlerfamilie Riethmüller geht mit ihren rund 70 Osiander-Filialen in eine gemeinsame Vertriebsgesellschaft, in der Einkauf, Webshop und IT gebündelt werden. Die Tochterfirma firmiert im Übrigen zwar als Osiander Vertriebsgesellschaft, befindet sich aber mehrheitlich in Thalia-Besitz. Ein feiner Zug des großen Partners, könnte man meinen, womöglich aber auch ein Kalkül, um weitere Händler schneller zu überzeugen, (kostenpflichtig) mitzumachen.

Die Protagonisten erhoffen sich, "die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Buchhändler gegenüber multinationalen Konzernen zu stärken", wie es heißt. Man wolle die Digitalisierung vorantreiben, Prozesse effizienter gestalten und Kosten senken. Wenn die beiden letzteren Begriffe fallen, lässt das die Beschäftigten meist nichts Gutes erahnen. In diesem Fall müssen ja auch 32 Mitarbeiter der Osiander-Logistik gehen, wenn die Kooperation vom Kartellamt genehmigt und abgeschlossen ist. Die Osiander-Filialen docken dann an das Thalia-Mayersche-Zentrallager an. Nicht nur das: Die Sortimentsauswahl stammt künftig von Thalia. Osiander hat aber ein Mitspracherecht und darf zusätzlich eigene Schwerpunkte setzen.

Hier dürften auch bei Verlagen die Alarmglocken läuten. Insbesondere die Kleineren befürchten, durchs Raster zu fallen, wenn Thalia das Hauptsortiment bestimmt. Denn die Buchkette setzt auf Masse, um möglichst gute Rabatte von den Verlagen zu bekommen und eine hohe Rendite zu erwirtschaften. Die sie gerade in Corona-Zeiten mit leeren Innenstädten auch braucht. Da bleibt nicht viel Platz für bibliophile Liebhabereien kleiner engagierter Verleger, die Vielfalt leidet. Und die großen Verlage werden bei den Verlagskonditionen wohl noch härter verhandeln müssen. Bislang galt: Je größer der Buchhändler, desto höher die Rabatte.

Der Börsenverein hat mal von 30 bis 40 Prozent Buchhandelsrabatt gesprochen, oft wird unbelegt über wesentlich höhere Rabatte für Amazon spekuliert. Ein Argument bei Übernahmen im Buchhandel sind jedenfalls die besseren Konditionen. Wenn Thalia-Mayersche-Osiander dann versichert, dass der neue Schulterschluss auch Chancen und Vorteile für die Verlage bringen werde, was etwa Stabilität und Umsatzsteigerungen angeht, dann ist die Frage erlaubt, warum das manche besorgte Verlage so noch nicht erkannt haben.

Dass Thalia-Mayersche mit seinem Konzept ein stärkeres Gewicht gegen Amazon setzen will, um den Buchhandel zu retten, ist wohlfeil. Die E-Book-Tolino-Allianz hat sich ja bereits mit einem Lesegerät gegen den US-Konzern behaupten können. Der Händler aus Hagen, der auch gerne für den kulturellen Wert des Buches wirbt, ist allerdings kein gemeinnütziger Verein für Nächstenliebe, sondern in erster Linie: ein Wirtschaftsunternehmen, das Geld verdienen will. Dazu gehört, womöglich mal einen klammen Partner zu übernehmen - durch die Hintertür, auch wenn Busch solches Ansinnen von sich weist.

Solche Plattformen werden deswegen wohl dazu führen, dass der Druck auf Verlage und unabhängige Buchhändler weiter steigt. Sie erweisen der Branche also eher einen Bärendienst.

© SZ/koe
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