bedeckt München

Textilindustrie:Kritik am Grünen Knopf

Näherinnen in einer Fabrik in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. Die Frauen arbeiten oft zu Löhnen, von denen sie nicht leben können.

(Foto: Munir Uz Zaman/AFP)

Das staatliche Textilsiegel hält nicht, was es verspricht, monieren soziale Organisationen.

Von Caspar Dohmen, Berlin

Wer als Verbraucher Textilien oder Kleidung kaufen will, bei deren Herstellung keine Umwelt- oder Menschenrechte verletzt werden, steht beim Einkauf vor einer schwierigen Aufgabe. Denn die Produktionsbedingungen der Waren lassen sich für den Einzelnen kaum nachvollziehen, und private Siegel decken auch nur einen Teil der sozialen und ökologischen Realität ab. Eine bessere Orientierung soll der Grüne Knopf bieten, ein staatliches Siegel, mit dem mittlerweile 52 Unternehmen Waren in Deutschland auszeichnen, vom kleinen Mittelständler bis zum großen Konzern. Über einen QR-Code am Produkt oder der Verpackung können Verbraucher Informationen zum Unternehmen oder zu dessen Überprüfung abrufen.

Entwicklungshilfeminister Gerd Müller, dessen Haus das Siegel aus der Taufe gehoben hat, ist zufrieden und sieht darin gar eine "Blaupause für ein branchenübergreifendes Lieferkettengesetz", worüber die Bundesregierung seit gut einem Jahr streitet. Laut Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) zeige der Grüne Knopf, dass in der global vernetzten textilen Lieferkette die Einhaltung unternehmerischer Sorgfaltspflichten "möglich, umsetzbar und unabhängig überprüfbar ist".

Ganz anderer Ansicht sind die beiden Nichtregierungsorganisationen Femnet und Public Eye, denn das Siegel liefere nicht, "was sich viele von ihm versprechen: "Kleider und Textilwaren, die ohne Ausbeutung und Umweltverschmutzung hergestellt werden". Die Organisationen haben eine Analyse erstellt, für die sie vor allem die öffentlichen Berichte von 31 Unternehmen ausgewertet haben, die von Beginn an bei dem Grünen Knopf mitgemacht haben. Die öffentliche Berichterstattung vieler dieser Firmen sei unzureichend, zudem wiesen Standard und Prüfprozess Mängel auf, heißt es in der Analyse, die der SZ vorliegt. Es bestehe die Gefahr, dass durch ein "staatliches Siegel Greenwashing ermöglicht wird", sagt Gisela Burckhardt, Vorstandsvorsitzende von Femnet.

Ein schwerer Vorwurf, den das BMZ zurückweist: "Der Grüne Knopf hält, was er verspricht." Die grundsätzliche Kritik der Studie gehe in vielem über das hinaus, was der Grüne Knopf selber als Anspruch definiert, heißt es. Zudem müsse die öffentliche Berichterstattung von der eigentlichen Prüfung durch unabhängige Auditoren unterschieden werden. "Wenn es Lücken in der öffentlichen Berichterstattung gibt, dann kann man nicht pauschal daraus schließen, dass diese Aspekte in der Prüfung unberücksichtigt waren."

Unternehmen müssen 46 Sozial- und Umweltstandards einhalten

Der Grüne Knopf wurde im September 2019 eingeführt. Im ersten Halbjahr 2020 wurden 50 Millionen Artikel mit dem Siegel verkauft, davon rund 35 Millionen Kleidungsstücke. Das entspricht einem Marktanteil von 1,5 bis 3 Prozent. Erhalten können es Unternehmen, wenn sie 46 Sozial- und Umweltstandards erfüllen. Anders als private Gütesiegel umfasst das Siegel nicht nur Kriterien zu den Produkten und Produktionsbedingungen bei den Zulieferern, sondern auch, ob die bestellenden Unternehmen ihre Sorgfaltspflichten einhalten. Das ist ein Novum. Geprüft wird etwa, ob die Firmen in ihrer Unternehmenspolitik Menschenrechte und Umweltschutz sicherstellen, Risiken und Auswirkungen ihrer Geschäftstätigkeit entlang ihrer Lieferketten prüfen, effektive Maßnahmen ergreifen, darüber transparent und öffentlich berichten und Beschwerdemechanismen für potenziell Betroffene bereithalten.

Laut den beiden NGOs berichten die Unternehmen zwar "allgemein über menschenrechtliche Risiken, liefern aber nur wenige aussagekräftige und nicht auf ihre jeweiligen Lieferketten bezogene Informationen", etwa bei dem Risiko fehlender Vereinigungsfreiheit, geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen oder der Frage existenzsichernder Löhne. Es mache aber einen großen Unterschied, ob ein Unternehmen beispielsweise ein Programm zur Prävention geschlechtsspezifischer Gewalt mit seinen zwei einzigen Lieferanten durchführe oder bei zweien von Tausenden Lieferanten. Zudem wiesen gerade einmal vier der 31 Unternehmen einen "soliden Beschwerdemechanismus" aus, bei 18 gebe es "Hinweise auf rudimentäre Ansätze", bei neun Firmen gar keine Hinweise darauf.

In seiner jetzigen Form tauge der Grüne Knopf "nicht als Blaupause für ein Lieferkettengesetz"

Unabhängige Beschwerdemechanismen haben eine zentrale Bedeutung für eine Verbesserung der Zustände in den Fabriken. Nur so trauen sich die meisten Arbeiter, Missstände überhaupt zu melden. Nach Ansicht der NGOs muss das BMZ bei dem Siegel nachsteuern: "Unternehmen dürfen nicht mit dem Grünen Knopf zertifiziert werden, wenn sie die Kriterien lediglich teilweise erfüllen oder nur für die Zukunft ankündigen." In seiner jetzigen Form tauge der Grüne Knopf auch "nicht als Blaupause für ein Lieferkettengesetz".

Noch befindet sich das Siegel in der Einführungsphase, die Mitte des Jahres endet. In der Satzung ist eine Weiterentwicklung gemeinsam mit Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft angelegt. Deswegen wurde bereits ein unabhängiger Expertenbeirat gegründet. Auch mit Blick auf die Kriterien sind Änderungen geplant: So soll es Schritte hin zu existenzsichernden Löhnen geben. Bislang sehen die Kriterien des Grünen Knopfs nur Mindestlöhne oder höhere Branchenlöhne vor. Sie reichen gewöhnlich nicht aus, damit die Näherinnen ihre Grundbedürfnisse decken können. Bislang erstreckt sich der Grüne Knopf auch nur auf einen Teil der textilen Wertschöpfungskette: das Färben und Nähen. "Aktuell wird die Ausweitung auf die Faserproduktion geprüft", heißt es beim BMZ. Aber dafür müsse erst einmal ein Standard für Synthetikfasern entwickelt werden, den es bislang nicht gibt.

Selbst wenn es ein nationales Lieferkettengesetz geben soll, soll der Grüne Knopf laut BMZ ein freiwilliges Siegel bleiben, "mit dem die Bundesregierung Nachhaltigkeitsvorreiter auszeichnet, die über die gesetzlichen Mindeststandards hinausgehen". Damit dies in allen Fällen zu Recht erfolgt, muss nach Ansicht von Femnet und Public Eye allerdings noch einiges besser werden.

© SZ
Zur SZ-Startseite